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Kompost hilft ausgelaugten Ackerböden

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Das Kompostieren von biologischem Abfall verkleinert nicht nur die Müllmengen, sondern liefert auch wertvolles Material zur Bodenverbesserung.

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Das Kompostieren von biologischem Abfall verkleinert nicht nur die Müllmengen, sondern liefert auch wertvolles Material zur Bodenverbesserung.

Über Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft wurde viel Kluges gesagt und geschrieben. In die Tat umgesetzt hat man die meisten Konzepte bisher nur selten. Es gibt dabei aber auch rühmliche Ausnahmen. Eine betrifft das Sammeln von wiederverwertbaren Altstoffen. Das wird von den Österreichern grundsätzlich ernstgenommen, was auch die Statistik bestätigt.

Durch die Einführung der Mülltrennung 1992 konnte die Restmüllmenge reduziert werden. Mittlerweile steigt sie aber wieder an. Der Grund dafür sind größerer Wohlstand und mehr Konsum. Steigerungen beim Sammeln sind nach Expertenmeinung nur mehr beim Biomüll möglich. Davon landet aber noch immer ein erheblicher Teil in den Restmüll-Containern. Vor allem in den größeren Städten ist noch zu wenig Bewußtsein vorhanden. In den Landgemeinden wird dagegen etwa von der Hälfte der Haushalte selbst kompostiert. Die von der anderen Hälfte verursachten Abfälle werden mittels Sammelsystemen von Entsorgungsunternehmen gesammelt und einer Verwertung zugeführt.

Ganz ohne Schwierigkeiten läuft es aber hier nicht ab. "Die Probleme liegen oft in der Sammelphase", weiß der niederösterreichische Umweltberater Ignaz Röster aus Erfahrung. "Die Plastikbehälter, in denen der Biomüll meist gesammelt wird, haben kaum Möglichkeiten der Belüftung, was für die Kompostmischung aber enorm wichtig ist."

Auch mit der Trennung der Abfälle nimmt man es nicht so genau: "Es kommen Dinge zum Kompost, die dort nicht hingehören, Fleischabfälle aus der Küche oder der frische Rasenschnitt im Sommer. Außerdem ist es auch wichtig, darauf zu achten, daß die Materialmischung stimmt und die Feuchtigkeit im Behälter gering bleibt. Sonst kommt es zu Problemen, besonders in der warmen Jahreszeit, wenn der Inhalt der Behälter zu gären und zu stinken beginnt."

Die optimale Lösung ist für den Umweltberater die Eigenkompostierung. Die sei aber in der Stadt oft nicht durchführbar beziehungsweise nicht zumutbar.Gibt es trotzdem Möglichkeiten, um die beschriebenen Schwierigkeiten zu vermeiden und die grundsätzlich richtige Mülltrennung beizubehalten?

"Patentlösungen existieren hier nicht. Man kann Steinmehl oder Düngekalk unter den Abfall im Kompostkübel mischen. Auch Mittel zur Geruchsbindung werden von Müllverbänden angeboten. Schon durch das Dazugeben von Zeitungspapier kann man die Feuchtigkeit reduzieren. An sich wäre es jedoch erforderlich, zwischen den Abfall immer eine Lage Stroh oder Häckselmaterial zu mischen, um die benötigte trockene, anaerobe Kompostmischung zu erreichen. Aber das kann man von den Leuten schwer verlangen", dämpft Röster übertriebene Erwartungen.

Was tun mit 50.000 Tonnen Biomüll?

Was geschieht nun mit den mehr oder weniger richtig getrennten 50.000 Tonnen Biomüll? Im Tullnerfeld betreiben die Landwirte Rudolf Friewald und Walter Klingenbrunner eine private Kompostieranlage. Es handelt sich um eine von zahlreichen Verarbeitungsstätten, die in Niederösterreich seit Einführung der Mülltrennung entstanden sind. Sie werden meist von Bauern, die hier eine neue Einnahmequelle entdeckt haben, geführt.

Auf einer umzäunten, abgedichteten Platte von etwa 50 mal 100 Metern Größe sind zwei lange, braune Schwaden etwa drei Meter hoch aufgeschüttet. Von den Hügeln steigen Dampfwolken auf. Entfernt erinnert das Ganze an zwei riesige Misthaufen. Hier läuft auch derselbe Verrottungsprozeß ab. Basis des Kompostiervorganges ist die Zersetzung von organischen Substanzen. Ein überall in der Natur vorkommender Prozeß. In diesem Abbauvorgang wird organische Materie unter dem Einfluß von Bakterien und Pilzen in einfachere Bestandteile zerlegt. Im Prinzip ist es ein Oxidationsprozeß.

Damit dieser Vorgang gut abläuft, ist Wärme erforderlich. Als Faustregel gilt: Die Zersetzungsgeschwindigkeit verdoppelt sich, wenn die Temperatur um zehn Grad höher ist. Optimal ist eine Temperatur von etwa 70 Grad, weil dabei alle Keime abgetötet werden. Außerdem ist für den Vorgang viel Sauerstoff erforderlich. Das erreicht man bei Kompostieranlagen durch das Umschichten des Mülls oder durch Einblasen von Luft.

Nach einem Vierteljahr Lagerung und mehrmaliger Umschichtung ist aus dem Biomüll ein dunkle, krümelige Masse geworden, die reich an Nährsalzen, Humusstoffen und Bakterien ist. Die Besitzer der Kompostieranlage bringen dieses "schwarze Gold" auf den Feldern aus. Der Kompost ist ein hervorragender natürlicher Dünger. Länger gelagerter Kompost verbessert sogar die Bodenqualität, nicht durch einmaliges Ausbringen, sondern dazu ist eine kontinuierliche, jahrelange Arbeit erforderlich.

Diese Bodenverbesserung ist sehr wichtig, weil der Humusanteil durch den jahrzehntelangen Raubbau der Monokulturen bereits erheblich zurückgegangen ist, eine durch viele Untersuchungen bewiesene Tatsache. Ein höherer Humusanteil wirkt sich günstig auf das Bodenleben aus und erhöht auch die Wasserspeicherfähigkeit des Bodens. Die Nährstoffe und Spurenelemente werden dann durch das Regenwasser nicht mehr so schnell ausgewaschen. Auch reduziert ein hoher Anteil auch die Winderosion.

Um unsachgemäßes Vorgehen und Schäden für die Allgemeinheit zu vermeiden, gibt es für die Kompostieranlagen strenge Auflagen hinsichtlich der baulichen Gegebenheiten. So müssen alle Anlagen gewährleisten, daß durch eine dichte Platte nichts ins Grundwasser gelangen kann. Auch wird der auf die Felder ausgebrachte Kompost laufend von staatlichen Prüfstellen untersucht. Grenzwerte für Schwermetalle dürfen nicht überschritten werden.

Darf Klärschlamm beigemischt werden?

Ein heikler Punkt wurde von den Kompostierern aber bis jetzt noch nicht wirklich gelöst. Häufig wird in diesen Anlagen auch Klärschlamm verarbeitet. Das ist gesetzlich erlaubt und wegen der interessanten Tarife obendrein ein gutes Geschäft. Dieses Abfallprodukt aus der Wasserreinigung ist zwar reich an Nährstoffen, enthält aber öfter Schwermetalle. Dazu Umweltberater Röster: "In großen Kläranlagen werden die Abwässer von mehreren hundert Quadratkilometer großen Gebieten gereinigt. Was dabei überbleibt bringt man nun auf einigen Hektar Ackerland aus. Hier muß einfach eine enorme Konzentration aller enthaltenen Materialien erfolgen, auch von Schadstoffen."

Anders gesehen wird das Problem bei der Firma "Humuvit" im Waldviertel, einem Pionier beim Kompostieren in Niederösterreich: "Wegen der stark verbesserten Filteranlagen in den Industrie- und Gewerbebetrieben ist jetzt auch das Abwasser weniger verschmutzt. Daher enthält auch der Klärschlamm kaum noch Problemstoffe. Unserer Erfahrung nach sind 90 Prozent der Schlämme in Kompostieranlagen verwendbar." Bisher hat Humuvit damit keine Schwierigkeiten gehabt.

Die Kompostierbetriebe wie jener von Walter Klingenbrunner und Rudolf Friewald sind dabei, auch für Gärtnereien und Privatpersonen ein Kompostvertriebssystem aufzubauen. Der Kompost soll Gartenerden beigemischt werden. Eine interessante Alternative, denn bis jetzt enthielten alle Gartenerden in erster Linie Torf. Der Abbau dieses wertvollen Rohstoffes schädigt jedoch die spezifischen Ökosysteme der Moorlandschaften. Für das schöne Stück Umwelt im eigenen Garten wird anderswo ein Stück Umwelt zerstört. Kompost als Ersatz wäre hier eine hervorragende Alternative. Momentan ist für den Kompostierer damit aber noch wenig zu verdienen.

Klingenbrunner sieht das daher eher als eine Werbeaktion: "Wir können hier demonstrieren, daß Kreisläufe sinnvoll und möglich sind." Dahinter steht auch ein neues Selbstverständnis von Landwirtschaft: Der Bauer als Dienstleister.

"Bis jetzt waren wir nur Produzenten von Lebensmitteln. Ich glaube, für den österreichischen Durchschnittslandwirt und der ist in Europadimensionen ein Kleinbetrieb wird in Zukunft das Erzielen von zusätzlichem Einkommen wegen der sinkenden Preise für unsere Produkte unumgänglich sein. Eine Möglichkeit besteht im Anbieten von Dienstleistungen. Das kann Pflege und Instandhaltung der Landschaft sein. Oder eben das Aufzeigen und Demonstrieren von Kreislaufsystemen."

Als Kreislaufwirtschaft würde der Umweltberater Mülltrennung und Kompostieren nicht bezeichnen, eher als Recycling. Aber auch das sei ein gute Sache. "Es wurde den Leuten klargemacht, das Abfall nicht gleich Abfall ist. Ein echter Erfolg ist die Mülltrennung dann, wenn damit bewußt gemacht wird, daß Abfall sinnvoll weiterverarbeitet werden kann."

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