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Kultur-Brücke

Trotz Geldmangel trägt "Gipsyradio" auch weiterhin zur Vermittlung zwischen Roma und Nicht-Roma bei.

Das Internet entpuppt sich - dann und wann - als segensreiche Erfindung. Zum Beispiel, wenn es darum geht, kleine Bevölkerungsgruppen mit Informationen zu versorgen, die sich aufgrund mangelnder finanzieller Mittel keine anderen Medien leisten können. "Gipsyradio" ist so ein Projekt - für Roma von Roma gemacht. Ein Sender, der von Wien aus seit fünf Jahren weltweit gehört werden kann.

Aber auch der Betrieb eines Web-Senders kostet Geld: Beinahe wäre man schon aus dem Sendestudio, einem ehemaligen SPÖ-Parteilokal in Wien Alsergrund, delogiert worden. Doch dank einer Ratenvereinbarung mit der Stadt Wien kann "Gipsyradio" weitersenden. Die Gesamtschulden hatten sich auf 9.000 Euro angehäuft, jetzt bezahlt man zur monatlichen Miete von 600 Euro noch 200 Euro Schulden zurück. "Das geht sich nur schwer aus", sagt Gipsyradio-Macher Branislav Nikolic. "Es ist Jahresanfang und die Förderungen werden erst in vier, fünf Monaten vergeben." Große Summen hat Nikolic bisher allerdings nicht auftreiben können. Nur der Integrationsfond steuerte 2003 eine Subvention von 500 Euro bei. Nikolic, ein 46-jähriger "waschechter Zigeuner", hat sein ehrgeiziges Radioprojekt im Jahr 2000 auf die Beine gestellt, "um einerseits Infos und Musik für meine Volksgruppe zu senden, andererseits, um eine Brücke zwischen Roma und Nicht-Roma zu bauen".

Finanzielle Misere

Heute gehen über diese Brücke bis zu 10.000 Hörer pro Monat, die sich via Internet Roma-Musikklänge anhören oder Diskussionen und Nachrichtensendungen verfolgen. Gesendet wird ausschließlich übers Internet, "für eine terrestrische Verbreitung würde uns das Geld sowieso fehlen", so Nikolic.

Trotz der finanziellen Misere bei "Gipsyradio" - derzeit können deshalb nur Programmwiederholungen gesendet werden - hat Nikolic große Pläne für die Zukunft: Zunächst will er mit Hilfe von Spenden der Hörer das Überleben des Senders absichern. Teile des Programms werden schon jetzt von einem ähnlichen, terrestrischen Programm aus Belgrad übernommen, wobei dafür im Austausch auch Beiträge aus Wien über den Belgrader Äther gehen. In Tschechien und Rumänien ist ebenfalls ein Engagement geplant.

Hunderte Danke-Mails

"In Belgrad gibt es ein RomaRadio, weil man im ehemaligen Jugoslawien mehr auf Minderheiten schaut", meint Nikolic. Dass die Notwendigkeit für seinen Sender auch hierzulande gegeben ist, erklärt Nikolic so: "Viele Menschen der Volksgruppe sind Analphabeten. Sie können nicht lesen, aber hören können sie. Daher ist ein Sender, der ihre Interessen vertritt, ein wichtiges Medium".

Ein Medium, das intensiv genutzt wird. "Nicht alle haben einen eigenen Internet-Anschluss, über den sie Gipsyradio' empfangen können", bedauert Nikolic. Aber man muss nur kreativ sein: "Ich höre von Leuten, die einen pc zur Verfügung stellen, und dann kommen 25 bis 30 Menschen in einen Raum, nur um sich unser Programm anzuhören". Nikolic berichtet auch von Anrufern aus Kanada, die übers Web ihre Verwandten in Österreich grüßen. "Ich bekomme täglich mindestens 100 DankesE-Mails, dass es unseren Sender gibt", freut sich der Radiomacher, der auch sein Privatvermögen in das Projekt gesteckt hat. "Es muss möglich sein, den Leuten zu vermitteln, dass Roma etwas zustande bringen können und keine depperten Zigeuner sind, die nichts leisten". Optimismus zu verbreiten ist das Ziel von Branislav Nikolic, einem Gastarbeiterkind. Idealismus ist sein Mittel dafür. "Aber leider kann man von Idealismus keine Miete bezahlen".

Klischees bekämpfen

Einige Sendungen werden derzeit schon via Webcam live im Internet als Bewegtbild übertragen - vor allem Diskussionen. Nikolic sieht dieses "Gipsy-tv" als sinnvolle Ergänzung zum Radioprogramm. "Ein eigenes Medium zu haben, kann helfen, ein Netzwerk aufzubauen und ein neues Selbstbewusstsein innerhalb der Volksgruppe zu schaffen. Den Nicht-Roma wollen wir unsere Kultur näher bringen. Leider gibt es in Österreich immer noch zuviele Klischees über uns Zigeuner'. Die Musik, das Tanzen, das Stehlen, die Armut. Wir haben es satt, mit anderen Menschen nicht gleichgestellt zu sein", sagt Nikolic. Sein Ziel: "Integration statt Assimilation".

Info: www.gipsyradio.com

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