Es ist wahr: Ich bin befangen. In seinen letzten vier Hofburg-Jahren war ich Kurt Waldheims Sprecher, war bis zu seinem Tod sein Freund. Und bis an das eigenes Lebensende werde ich darauf beharren, dass die "Causa Waldheim“ ein Menschenrechtsfall bleibt. Es ist also nicht leicht, bei diesem brisanten Thema meinen Vorstellungen von Objektivität zu entsprechen. Nur: Der ORF hat am vergangenen Samstag nicht den geringsten Versuch gemacht, mich von seiner Objektivität zu überzeugen.

Genau 25 Jahre sind seit der "Watchlist“-Entscheidung Amerikas gegen Bundespräsident Waldheim vergangen - und der Hörfunk hat sich dieser für Österreich traumatischen Entscheidung jetzt mit einem einstündigen Radio-Hörbild angenommen. Große Zeitgeschichte, neu besichtigt. Aber wie! Schon der Titel ("Der Mann, dem die Welt misstraute“) ließ wenig Zweifel, wohin die Reise politisch gehen würde. Noch deutlicher der ORF-Voraus-Text: Zeitzeugen sollten "die inneren Konflikte eines Karrieristen offenbaren, der sich vom weltgewandten Diplomaten zum Vertreter einer dumpfen ‚Mir san mir‘-Politik wandelte.“

Als Feigenblatt zu klein

Und so schlimm wie angekündigt kam es auch. Penibel hatte der ORF für diese Sendung u. a. auch Familie und Freunde Waldheims interviewt. Auch mich. Was von diesen Aussagen letztlich gesendet wurde, war nicht der Rede wert. War selbst als Feigenblatt für das Objektivitätsgebot des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu klein. Das große Wort führten die Zeugen der Anklage von einst. Sie dachten auch ein Vierteljahrhundert nach der Krise von damals gar nicht daran, aus ihren Schützengräben herauszukommen: Nein, Kriegsverbrecher sei dieser Waldheim wohl keiner gewesen. Nazi vermutlich auch nicht. Aber doch ein mächtiger Lügner - "absolut unglaubwürdig.“ Und in jedem Fall charakterlich defizitär: als Mensch ein "klassischer Anpassler“; als UNO-Generalsekretär ein "Oberkellner“; als Bundespräsident ein isolierter "Grüß-August“.

Es war, als wäre seit 1987 nichts geschehen. Als hätten die schweren Vorwürfe, die alles auslösten, noch immer ihre Rechtfertigung. Als seien Absicht und Falschheit der Angriffe nicht längst offenkundig. Als wäre Waldheim nicht bis zu seinem Tod selbst auf seine ärgsten Feinde zugegangen. Als hätte nicht gerade er seine Schwächen und Fehlreaktionen, ausgelöst durch eine monströse Rufmord-Kampagne, selbst benannt und bedauert. Eine innere Größe, die seine Kritiker auch heute noch vermissen lassen.

Mit zwei noblen Ausnahmen: Heinz Fischer, der vor dem Parlament bekannte: "Dem Menschen und dem Bundespräsidenten Kurt Waldheim ist Unrecht zugefügt worden.“ Und der Journalist Peter Michael Lingens, der in Waldheim später, im Licht neuer Erkenntnisse, das "Opfer einer Kampagne“ erkannte. Und der 2001 schrieb: "George W. Bush selbst hätte fordern müssen, Waldheim von der Watchlist zu nehmen. Und die New York Times hätte ihn um Entschuldigung bitten müssen …“ Auch Lingens kam im ORF nicht zu Wort.

Kurt Waldheim wusste im hohen Alter, dass er kein Pardon mehr erwarten durfte. Trotzdem hat er in seinem "Letzten Wort“ bedauert,

  • dass ihm während seiner zehn UNO-Jahre entgangen war, wie sehr Österreichs alte Staatsdoktrin, "Hitlers erstes Opfer“ zu sein, bereits am Zerbröseln war;
  • dass er unter dem permanenten Sperrfeuer des "Jüdischen Weltkongresses“ viel zu spät zu den NS-Verbrechen umfassend Stellung genommen hatte - und
  • dass sein Wort von der "Pflichterfüllung“ politisch irreführend war - obwohl andere Staatsmänner (Rudolf Kirchschläger und Helmut Schmidt etwa) dasselbe Wort unwidersprochen sagen durften. Ihnen wurde geglaubt, dass "Pflichterfüllung“ eine andere Botschaft transportieren wollte: dass es nicht ideologische Begeisterung war, sondern der Zwang einer Diktatur, der diese Generation zum Kriegsdienst verpflichtet hatte.

Sein "Letztes Wort“ hat Waldheim auch mit mir besprochen - auch den Satz, dass er für Gutes und Schlechtes in seinem Leben von seinem Schöpfer "Gerechtigkeit und Gnade“ erhoffe. Auch dieser tiefreligiös gemeinte Satz bekam jetzt, im Kontext der ORF-Doku, einen anderen Sinn: als spätes Eingeständnis von Schuld.

Und bis zum Tod hat er mir versichert, von den Juden-Deportationen in Saloniki nichts gewusst zu haben, wohl wissend, dass ihm ein solches "Geständnis“ sogar eher geholfen als geschadet hätte.

25 Jahre "Watchlist“ war das Thema der jüngsten ORF-Sendung. Und doch blieben die spannendsten Fragestellungen unangetastet: Wie dieses Einreiseverbot überhaupt zustande gekommen war. Wieso viele prominente US-Gegner Waldheims später selbst in den Schatten finanzieller oder ethischer Delikte gerieten. Was Österreichs Regierung eigentlich getan (besser: nicht getan) hatte, um die Ächtung ihres Präsidenten zu vermeiden. Und wieso jene, die diese Kampagne aus parteipolitischen Gründen auf die Reise geschickt hatten, bis heute verborgen bleiben.

25 Jahre "Watchlist“: Ich sehe noch die Schlagzeilen der US-Zeitungen von damals - über den "SS-Schlächter Waldheim“. Sie waren alle falsch. Bis heute aber fehlt jede Rehabilitation.

"Beweise“ - wo waren sie?

Ich höre noch, wie pompös "Beweise“ für Waldheims Verbrechen angekündigt wurden. Bis heute fehlen sie. Ohne schlechtes Gewissen bei den Verantwortlichen.

Ich höre aber auch, was mir Clayborn Pell, damals Chef des außenpolitischen Ausschusses im US-Senat, sagte: "Nicht fünf Senatoren glauben, dass an der Waldheim-Sache etwas dran ist - aber nicht zwei von ihnen werden dafür stimmen, die Watchlist wieder aufzuheben. Welcher Senator wird wegen Waldheim und Österreich einen innenpolitischen Krieg anzetteln?!“

Ich sehe noch die Werkzeugkiste vor mir, die George Bush sen. an Waldheim schickte - "with much love“ und allen guten Wünschen, Freund Kurt möge das richtige Werkzeug finden, um der Affäre endlich ein Ende zu setzen.

Und ich entsinne mich, wie die frühere US-Botschafterin Helene von Damm die "Watchlist“-Entscheidung als "ungeheuerlich“ und "gegen den Geist der US-Verfassung gerichtet“ kritisiert hat.

Nichts davon war in der ORF-Doku zu vernehmen. Dafür aber der ständige Vorwurf, Waldheim habe im Amt nur noch "Selbstrechtfertigung“ betrieben. Gilt nicht der selbe Vorwurf auch jenen, die sich seit 25 Jahren außerstande sehen, ihre Meinung infrage zu stellen? Ich denke mir: Es war damals nicht unehrenhaft, Waldheim-kritisch gewesen zu sein. Es ist aber nicht ehrenhaft, diese Haltung nie mehr überprüft zu haben.

Noch etwas: Als Freda Meissner-Blau, damals selbst Kandidatin für die Hofburg, am Sendungsende erzählte, sie habe Waldheim den Rücktritt nahegelegt, da ist es mir wieder eingefallen: Auch ich habe ihm damals geschrieben, dass ich an seiner Stelle nicht im Amt verbleiben würde. Er hat meinen Rat nicht befolgt. Heute glaube ich, dass er recht hatte: Wäre er tatsächlich gegangen, die tiefe Kluft quer durch unser Land (samt schlimmer antisemitischer Reflexe) wäre kaum noch zugewachsen. Täter- und Opfer-Legenden hätten das Land zerrissen. Waldheim musste es durchstehen und mit unzähligen Briefen und Gesten, mit seinem Abschiedswort vor allem, aktiv mithelfen, die verbrannte Erde neu zu begrünen.

Seit der ORF-Sendung weiß ich, wie sehr er, der in manchem zu spät war, unterwegs zur Versöhnung seinen härtesten Kritikern weit voraus war - und voraus bleibt.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau