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Lauter Chefs: Soviel Kontinuität muss sein

1945 1960 1980 2000 2020

Ein "übergroßes herrliches Arbeitsgebiet" hat Friedrich Funder die FURCHE genannt. Da muss was dran sein, denn viele Redakteurinnen und Redakteure dieser Zeitung sind im Lauf der Jahrzehnte gekommen, um für viele Jahre zu bleiben. Das gilt auch für das jetzige Team.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein "übergroßes herrliches Arbeitsgebiet" hat Friedrich Funder die FURCHE genannt. Da muss was dran sein, denn viele Redakteurinnen und Redakteure dieser Zeitung sind im Lauf der Jahrzehnte gekommen, um für viele Jahre zu bleiben. Das gilt auch für das jetzige Team.

Größer ist die FURCHE-Redaktion also nicht geworden in den knapp sechzig Jahren, die zwischen den beiden Fotos auf dieser Seite liegen. Aber jünger und weiblicher. Das eine zeigt die Mannschaft rund um Friedrich Funder, den Gründer dieser Zeitung, ein Jahr vor dessen Tod, 1958. Das andere bildet das Team anno 2015 ab.

Damals wie heute ist es also eine handverlesene Schar, welche diese "andere Zeitung" (© Gerda Schaffelhofer; s. S. 4/5) Woche für Woche gestaltet. Und noch etwas ist gleich geblieben: die langjährige Bindung der Redakteurinnen und Redakteure an die Zeitung. Die meisten der FURCHE-Mitarbeiter kamen, um zu bleiben, jedenfalls für längere Zeit. Auch die jetzige Redaktion besteht in dieser Zusammensetzung bereits seit etlichen Jahren, die Hälfte war auch schon beim 60-Jahr-Jubiläum, also vor zehn Jahren, an Bord (und auch damals nicht ganz "neu"). In Abwandlung unseres Werbeslogans: Soviel Kontinuität muss sein.

Sympathisch, eindrucksvoll

Das wird nicht von ungefähr kommen. Die Kleinheit des Teams hat natürlich ihre Nachteile: delegieren kann man immer nur an sich selbst. Dafür ist jeder aber auch sein eigener Ressortleiter. "Lauter Chefs" hat Engelbert Washietl in unserer Sonderausgabe zum 60. Geburtstag über die FURCHE-Redaktion geschrieben. Wir hatten den Publizisten und Medienexperten als externen Beobachter eingeladen und ihn gebeten, seine Eindrücke zu Papier zu bringen. "Eine Redaktion ist ein Mikro-Biotop. Bei der Wochenzeitung DIE FURCHE ist sie besonders mikro. Das macht sie sympathisch und, was die wöchentlich auf Zeitungspapier ausgedruckte und somit zähl- und messbare Leistung betrifft, eindrucksvoll." So lautete Washietls lapidarer Einstieg, der, wie vieles andere in diesem Text, unvermindert gilt.

Lauter Ressortleiter also. Allerdings von Ressorts mit fließenden Grenzen. Politik, Internationales, Wirtschaft, Gesellschaft, Bildung, Religion, Medien, Kultur - alles gehört irgendwie zusammen, ist miteinander verwoben. Das festzustellen ist banal, aber in der FURCHE wird das stärker als in anderen Zeitungen deutlich.

Nicht nur dass der Religions- auch gleichzeitig Film- und Medienredakteur ist, schreibt er auch ganz gern innenpolitische Glossen, während die Gesellschaftschefin auch Ordensleute interviewt, die Innenpolitikerin sich gesellschaftspolitisch betätigt oder der Mann des harten, klaren Wissens ebenso auf den sanfteren Gefilden fernöstlicher Weisheit grast. Gar nicht zu reden vom für Internationales und Ökonomie Verantwortlichen, der seine Analysen stets entsprechend kultur- und geistesgeschichtlich auflädt. Und das Feuilleton ist sowieso ein Kosmos für sich -insbesondere in einer Zeitung, die dereinst als "Kulturpolitische Wochenschrift"(so der ursprüngliche Untertitel) gegründet wurde. Dessen Chefin, seit kurzem Staatspreisträgerin für Literaturkritik, gestaltet ihn mit ruhiger Hand, gestützt auf seit vielen Jahren bewährte freie Mitarbeiter aus den einzelnen Sparten und unter spezieller Berücksichtigung ihrer ureigensten Domäne, eben der Literatur. Dass sie zusätzlich noch die Bücherbeilage booklet dreimal jährlich herausbringt, soll auch nicht verschwiegen werden. Soviel zu "zählund messbare Leistung" - aber natürlich nicht nur.

Und dann gibt es noch den Art-Director, der all den Worten äußere Form gibt, sie mit Bildern unterstützt, also aus vielen guten Texten eine Zeitung macht, die in der Anmutung dem Inhalt korrespondiert.

Hofmannsthal und Sölle

Was aber ist mit dem Chefredakteur? Zwei Assoziationen habe ich dazu vor zehn Jahren formuliert, zum einen: Das Ressort des Chefredakteurs sei gewissermaßen "das Ganze"; in eben jenem diffusen, aber doch bedeutungsvollen Sinn, in dem die Baronin in Hofmannsthals "Unbestechlichem" zu ihrem Kammerdiener sagt: "Und Sie, lieber Theodor, übernehmen jetzt wieder die Aufsicht über das Ganze!" Und zum anderen: Die evangelische Theologin Dorothee Sölle hat einmal sinngemäß geschrieben, Zeitunglesen sei in gewisser Weise wie Beten: ein Sich-Vergewissern über den "Gesamtzusammenhang". Man darf wohl hinzufügen: auch und erst recht Zeitungmachen, also die journalistische Arbeit am "Gesamtzusammenhang". Demnach ließe sich diese Tätigkeit vielleicht sogar in einem analogen Sinn als eine Art "Gebet" verstehen. Beides, Hofmannsthal und Sölle, gefällt mir jedenfalls auch heute noch

Einem Gedanken, der vielleicht dem einen oder anderen beim Blick auf die beiden Redaktionsfotos kommen mag, muss abschließend noch entschieden widersprochen werden. Hier stehen einander -auch und gerade auf die FURCHE bezogen -nicht die "gute alte Zeit" und die komplexe Gegenwart gegenüber. Ein Blatt wie die FURCHE am Markt zu halten, war nie wirklich einfach. Viele der Probleme, die man für Phänomene einer säkularen, pluralistischen Gesellschaft samt ihrer schillernden und sich dramatisch wandelnden Medienwelt halten möchte, sind cum grano salis bereits in den letzten Lebensjahren Funders sichtbar geworden (siehe dazu auch den Artikel von Matthias Opis, S. 3 f.). Als Schlüsseltext kann hier nach wie vor - ungeachtet des unmittelbaren Anlasses, einer umstrittenen Personalentscheidung und ihrer Folgen - ein mehrseitiger Artikel von Willy Lorenz gelten: "Wie es wirklich war. Die Inside Story der FURCHE 1959-1967" (Nr. 1/68). Etliches von dem, was der langjährige Generaldirektor des Herold-Verlags (früherer FURCHE-Eigentümer) sowie Herausgeber und Chefredakteur der Zeitung da beschreibt - ökonomische Schwierigkeiten, Fragen der inhaltlichen Positionierung etc. -, dürfte Lorenz' Nachfolgern bis herauf in die Gegenwart stets sehr vertraut vorgekommen sein

Und 2025?

Trotzdem (oder gerade deswegen?) haben Generationen von FURCHE-Redakteuren diese Zeitung offenbar als das empfunden, als was sie Funder in seinem Testament bezeichnet hat: "ein übergroßes herrliches Arbeitsgebiet".

"Übergroß" ist die Arbeit auch deshalb, weil es die Redaktion - siehe oben - nicht ist. Aber das hat, wie gesagt, auch seine Vorteile. Der zum Teil ernste Gesichtsausdruck auf dem großen Bild hat damit jedenfalls nichts zu tun, orientiert sich vielmehr nur an jenem unserer Altvorderen. Die es eben auch nicht leichter hatten. Bleibt abzuwarten, wer in zehn Jahren auf dem Redaktionsfoto der Jubiläumsausgabe zu sehen sein wird. Wieviel Kontinuität wird sein?

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