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Politik

Leser-Reader für alte und neue Leser-Leser

1945 1960 1980 2000 2020

Norbert Lesers neues Buch: Vor allem um der Abrechnung mit Heinz Fischer geschrieben?

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Norbert Lesers neues Buch: Vor allem um der Abrechnung mit Heinz Fischer geschrieben?

Norbert Leser, Sozialphilosoph und Historiker, hat ein neues Buch vorgelegt, das weniger durch neue historische Erkenntnisse als durch "pointierte Aussagen zur politischen Situation vor der Wahl im Herbst 2000" (wie er sie im Vorwort ankündigt) überzeugt. Was die historischen Aussagen zur "österreichischen Halbheit" betrifft, sammelt und resümiert Leser hier zahlreiche Thesen, die er schon anderswo vorgetragen hat. Das Buch stellt in Bezug auf die Zeitgeschichte also eine Art "Leser-Reader" für alte Leser-Leser, aber auch erst zu gewinnende Leser-Leser dar, wie der Autor selbst einräumt.

Umso bemerkenswerter sind alle jene Thesen, die sich mit der heutigen Politik der SPÖ, konkreter mit der Politik der SPÖ seit Bruno Kreisky, auseinander setzen, auch wenn diese Thesen sich manchmal nur mit Gewalt der übergeordneten These von der "österreichischen Halbheit" unterordnen lassen. So kritisiert Leser im Kapitel "Halbierte Vergangenheit" in voller Härte die "Heroisierung", die die SPÖ ihrer eigenen Vergangenheit gegenüber betreibt, ohne jemals offen die Mitschuld der sozialdemokratischen Führung an der politischen Entwicklung der Ersten Republik zu thematisieren. Das Verharren in alten Traditionen und die Strapazierung historischer Verdienste haben, so Leser, die SPÖ in eine strukturkonservative Erstarrung geführt, die weitere Wahlniederlagen nach sich ziehen werde.

Was die Fehlentwicklungen betrifft, die Leser in der Sozialdemokratie feststellt, ist der Analyse des Autors über weite Strecken zuzustimmen. Leser führt richtigerweise die größer gewordene Kluft zwischen Arm und Reich an, die Privilegien, die aus Parteifunktionären eine neue soziale Klasse gemacht haben, das Scheitern der Verstaatlichungsidee in der Praxis sowie den Mangel an Persönlichkeiten in Bund und Ländern. Dennoch vermisst man in diesem Kapitel eine konkrete Analyse, sowohl was Personen, als auch was politische Maßnahmen betrifft.

Bemerkenswert ist Lesers Abrücken von der offiziellen Lesart der Waldheim-Affäre. Er distanziert sich nicht nur von der Kampagne der SPÖ, er verurteilt den Kampf der "Linken" gegen die Kriegsgeneration und gibt der Waldheim-Kampagne Mitschuld an der Herbeiführung einer rechten Mehrheit im Lande. Leider geht Leser hier nicht näher in die Details. Es wäre eine politologisch spannende Analyse, die Zusammenhänge zwischen der Waldheim-Affäre und dem Aufstieg Haiders näher auszuleuchten.

Die Waldheim-Affäre bietet dem Autor auch den Aufhänger, um die Rolle Heinz Fischers in der SPÖ zu analysieren, wobei sich der Eindruck aufdrängt, Leser habe sein ganzes Buch hauptsächlich geschrieben, um im letzten Kapitel ("Der Überlebenskünstler") mit Heinz Fischer abzurechnen.

In der Waldheim-Affäre habe Fischer, so Leser, eine führende Rolle gespielt, ohne sich zu dieser Rolle jemals zu bekennen. Im Gegenteil, bei Waldheims Verabschiedung im Parlament habe Fischer ungerührt behauptet, Waldheim sei Unrecht geschehen. Das gleiche Verhaltensmuster sieht Leser in der Wiesenthal-Affäre, wo Heinz Fischer unter Bruno Kreisky 1975 einen Untersuchungsausschuss gegen Wiesenthal gefordert habe, um 25 Jahre später mit dem neuen Vorsitzenden Gusenbauer die "braunen Flecken" der SPÖ zu beklagen.

Lesers Kritik an Fischer, den er als "Hauptverursacher der Abgehobenheit der politischen Klasse", als "Inkarnation von Doppelzüngigkeit und Schönrederei" bezeichnet, mag in ihrer Einseitigkeit überzogen sein. Dennoch hat Norbert Leser mit Heinz Fischer einen durchaus repräsentativen Vertreter der politischen Klasse innerhalb der SPÖ gewählt, deren Mangel an Kritik und Selbstkritik und deren Distanz vom realen Leben zum Niedergang der SPÖ wesentlich beigetragen haben. Wer alle Fehlentwicklungen der SPÖ an einer einzigen Person festmacht, der übersieht allerdings die tieferen Ursachen der sozialdemokratischen Krise. Zu wünschen wäre, dass Norbert Leser, laut einem Diktum Günther Nennings ein Parteihistoriker, wie ihn sich die SPÖ gar nicht verdient, seine analytischen Fähigkeiten diesem größeren Thema zuwendet, wie er es ja schon in seiner "Elegie auf Rot" begonnen hat. Was wäre für einen Parteihistoriker ein wichtigeres Thema als der zahlenmäßige und moralische Niedergang der SPÖ nach dem Ende der "Ära Kreisky"?

"Auf halben Wegen und zu halber Tat ..." Politische Auswirkungen einer österreichischen Befindlichkeit Von Norbert Leser, Verlag Amalthea, Wien 2000, 216 Seiten, geb., öS 198,- / e 14,38

Norbert Leser, Sozialphilosoph und Historiker, hat ein neues Buch vorgelegt, das weniger durch neue historische Erkenntnisse als durch "pointierte Aussagen zur politischen Situation vor der Wahl im Herbst 2000" (wie er sie im Vorwort ankündigt) überzeugt. Was die historischen Aussagen zur "österreichischen Halbheit" betrifft, sammelt und resümiert Leser hier zahlreiche Thesen, die er schon anderswo vorgetragen hat. Das Buch stellt in Bezug auf die Zeitgeschichte also eine Art "Leser-Reader" für alte Leser-Leser, aber auch erst zu gewinnende Leser-Leser dar, wie der Autor selbst einräumt.

Umso bemerkenswerter sind alle jene Thesen, die sich mit der heutigen Politik der SPÖ, konkreter mit der Politik der SPÖ seit Bruno Kreisky, auseinander setzen, auch wenn diese Thesen sich manchmal nur mit Gewalt der übergeordneten These von der "österreichischen Halbheit" unterordnen lassen. So kritisiert Leser im Kapitel "Halbierte Vergangenheit" in voller Härte die "Heroisierung", die die SPÖ ihrer eigenen Vergangenheit gegenüber betreibt, ohne jemals offen die Mitschuld der sozialdemokratischen Führung an der politischen Entwicklung der Ersten Republik zu thematisieren. Das Verharren in alten Traditionen und die Strapazierung historischer Verdienste haben, so Leser, die SPÖ in eine strukturkonservative Erstarrung geführt, die weitere Wahlniederlagen nach sich ziehen werde.

Was die Fehlentwicklungen betrifft, die Leser in der Sozialdemokratie feststellt, ist der Analyse des Autors über weite Strecken zuzustimmen. Leser führt richtigerweise die größer gewordene Kluft zwischen Arm und Reich an, die Privilegien, die aus Parteifunktionären eine neue soziale Klasse gemacht haben, das Scheitern der Verstaatlichungsidee in der Praxis sowie den Mangel an Persönlichkeiten in Bund und Ländern. Dennoch vermisst man in diesem Kapitel eine konkrete Analyse, sowohl was Personen, als auch was politische Maßnahmen betrifft.

Bemerkenswert ist Lesers Abrücken von der offiziellen Lesart der Waldheim-Affäre. Er distanziert sich nicht nur von der Kampagne der SPÖ, er verurteilt den Kampf der "Linken" gegen die Kriegsgeneration und gibt der Waldheim-Kampagne Mitschuld an der Herbeiführung einer rechten Mehrheit im Lande. Leider geht Leser hier nicht näher in die Details. Es wäre eine politologisch spannende Analyse, die Zusammenhänge zwischen der Waldheim-Affäre und dem Aufstieg Haiders näher auszuleuchten.

Die Waldheim-Affäre bietet dem Autor auch den Aufhänger, um die Rolle Heinz Fischers in der SPÖ zu analysieren, wobei sich der Eindruck aufdrängt, Leser habe sein ganzes Buch hauptsächlich geschrieben, um im letzten Kapitel ("Der Überlebenskünstler") mit Heinz Fischer abzurechnen.

In der Waldheim-Affäre habe Fischer, so Leser, eine führende Rolle gespielt, ohne sich zu dieser Rolle jemals zu bekennen. Im Gegenteil, bei Waldheims Verabschiedung im Parlament habe Fischer ungerührt behauptet, Waldheim sei Unrecht geschehen. Das gleiche Verhaltensmuster sieht Leser in der Wiesenthal-Affäre, wo Heinz Fischer unter Bruno Kreisky 1975 einen Untersuchungsausschuss gegen Wiesenthal gefordert habe, um 25 Jahre später mit dem neuen Vorsitzenden Gusenbauer die "braunen Flecken" der SPÖ zu beklagen.

Lesers Kritik an Fischer, den er als "Hauptverursacher der Abgehobenheit der politischen Klasse", als "Inkarnation von Doppelzüngigkeit und Schönrederei" bezeichnet, mag in ihrer Einseitigkeit überzogen sein. Dennoch hat Norbert Leser mit Heinz Fischer einen durchaus repräsentativen Vertreter der politischen Klasse innerhalb der SPÖ gewählt, deren Mangel an Kritik und Selbstkritik und deren Distanz vom realen Leben zum Niedergang der SPÖ wesentlich beigetragen haben. Wer alle Fehlentwicklungen der SPÖ an einer einzigen Person festmacht, der übersieht allerdings die tieferen Ursachen der sozialdemokratischen Krise. Zu wünschen wäre, dass Norbert Leser, laut einem Diktum Günther Nennings ein Parteihistoriker, wie ihn sich die SPÖ gar nicht verdient, seine analytischen Fähigkeiten diesem größeren Thema zuwendet, wie er es ja schon in seiner "Elegie auf Rot" begonnen hat. Was wäre für einen Parteihistoriker ein wichtigeres Thema als der zahlenmäßige und moralische Niedergang der SPÖ nach dem Ende der "Ära Kreisky"?

"Auf halben Wegen und zu halber Tat ..." Politische Auswirkungen einer österreichischen Befindlichkeit Von Norbert Leser, Verlag Amalthea, Wien 2000, 216 Seiten, geb., öS 198,- / e 14,38