Feuerbach - © Bild: Imago / imagebroker (Bildbearbeitung: Rainer Meserklinger)

Ludwig Feuerbach: Die Politik der menschlichen Natur

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In Zeiten von Krieg und Klimadystopie hat Ludwig Feuerbachs Humanismus nichts an moralischer und politischer Brisanz verloren. Zum 150. Todestag.

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In Zeiten von Krieg und Klimadystopie hat Ludwig Feuerbachs Humanismus nichts an moralischer und politischer Brisanz verloren. Zum 150. Todestag.

Was wir derzeit in öffentlichen Debatten oft zu hören bekommen, ist – abgesehen von gegenseitigen Beschuldigungen – die Berufung auf Werte, die keinesfalls verletzt werden dürften. Es ist viel von Würde, Ehre und Vaterland die Rede, ja selbst die Rasse – neulich erst von Viktor Orbán beschworen – erhält wieder einen Status der Unantastbarkeit. Dabei wird stets ausgeblendet, dass der Mensch ein zwar moralisch sensibles, zugleich aber, kraft seiner natürlichen Bedürfnisse, höchst verletzliches Wesen ist. Obwohl das Streben nach einer geistig und kulturell ansprechenden Ordnung eine Konstante der menschlichen Natur bildet, geht es dem Einzelnen doch auch um die nötigen Mittel zum Überleben: ein Dach überm Kopf, Nahrung, Sex, körperliche Unversehrtheit. Der Durchschnittsmensch trachtet nach einer Rechtsgemeinschaft, deren Autoritäten für Gemeinwohl – Gerechtigkeit und Wohlergehen – sorgen. Wir alle sind sterblich.

Idee vom guten Leben

1841 publiziert Ludwig Feuerbach, dessen Todestag sich am 13. September 2022 zum 150. Mal jährt, sein Hauptwerk „Das Wesen des Christentums“. Die weitverzweigte religiöse Bilderwelt war dem Autor ein Hauptbeleg für seine Grundüberzeugung: „Was der Mensch auch immer nennt und ausspricht – immer spricht er sein eigenes Wesen aus.“ Das menschliche Wesen wurzle – im Gegensatz zum rein Seelischen – fundamental in der körperlich-geistigen Natur, deren Sinnlichkeit nicht als ein Ausfluss von Sündhaftigkeit betrachtet werden dürfe. Damit ist die Kernthese des sogenannten „anthropologischen Humanismus“ umrissen, dessen politische Bedeutung von den Zeitgenossen sofort bemerkt wurde. Feuerbach wurde rasch ein vielbeachteter, vielzitierter Denker, zumal in Kreisen der demokratischen Linken und frühsozialistischen Bewegung. Die Herabwürdigung der menschlichen Natur, wie sie der christlichen Orthodoxie eignete, steht für Feuerbach quer zur Idee des guten Lebens. Dieses erfordert eine Kultivierung aller Sinne – nicht deren Unterdrückung im Dienst mächtiger Interessen, sei es des Klerus, Adels oder Kapitals. Feuerbach schuf im Urteil seiner Zeitgenossen eine emanzipatorische Philosophie, zu der sich anfangs Wagner ebenso bekannte wie Nietzsche. Freilich, beide distanzierten sich später wieder, der eine, weil er in Schopenhauers irrationalem Weltwillen das „tragisch Große“ fand, der andere, weil er bei Feuerbach anhaltenden „Theologengeruch“ witterte.

Man kann gegenwärtig den Eindruck gewinnen, dass sich zusehends Politiker in den Vordergrund schieben, die ihrem Volk tragische Größe einbläuen und ein gerüttelt Maß an Übermenschlichkeit abverlangen. So wird im martialischen, von Russland angezettelten Krieg, unter dem die Ukraine stöhnt, kaum Rücksicht mehr darauf genommen, dass die meisten Menschen, ob im Exil oder unter Ruinen, primär bloß eines möchten: ihren Alltag, wie fragmentiert auch immer, mit ihren Nächsten solidarisch, ja liebevoll zu gestalten. Es ist zuallererst dieses – in Krisenzeiten oft als schwach gerügte – Verlangen, welches unserer Natur entspricht, sofern diese nicht dogmatisch scharfgemacht und in den tödlichen Hass getrieben wurde. Und es entspricht Feuerbachs Humanismus, angesichts der Komplexität des menschlichen Lebens vor der kategorischen Grenzziehung „roter Linien“ zu warnen, deren Überschreitung ein Sakrileg, ein Verrat an der „Sache des Volkes“ wäre. Denn dadurch wird – statt nach einem Ausgleich der Interessen zu suchen – das humane Streben nach dem Oikos, dem Hausverband missachtet, welcher das individuelle Dasein mit der erreichbaren Würde und Wohnlichkeit in der Gemeinschaft begabt. Gewiss: Bekommt man es, quasi, mit menschlichen Teufeln zu tun, bleibt nur der mutige Kampf bis zum bitteren Ende, ansonsten man alles Menschliche verliert.

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