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Magere Jahre in Chisinau

Moldawien ist eines der ärmsten Länder Europas. 80 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Hoffnung auf Besserung haben die meisten von ihnen keine mehr.

Es dauert eine Weile, bis sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Erst nach und nach gelingt es, in dem kleinen Raum das Bett, den Sessel, den Tisch und die beiden schmalen Schränke an der Wand auszumachen. Zwischen das Fenster und die schiefen Fensterläden ist eine Decke geschoben worden, um die Kälte daran zu hindern, durch die kaputte Scheibe in die Steinhütte zu dringen. Der Preis für das dichte Fenster: grauenhafter Gestank, der dem Besucher entgegenschlägt - seit Monaten ist das einzige Zimmer des winzigen, baufälligen Hauses nicht gelüftet worden, der einzige Luftaustausch findet statt, wenn die Krankenschwester zweimal am Tag die Tür auf- und gleich wieder zumacht. Mehr als 15 Grad Celsius hat es in dem Raum trotzdem nicht.

Der alte Mann steht langsam aus dem durchgewetzten Sessel auf, den er vor langer Zeit an das Bett seiner Frau gerückt hat. Nacht für Nacht schläft er in dem Lehnstuhl und hält die Hand seiner blinden Frau. Sie hat Angst, wenn es nachts still wird und kein Geräusch mehr von der Straße ins Haus dringt. Seit acht Jahren liegt sie in dem schmalen Bett, hat es in der ganzen Zeit nicht ein einziges Mal verlassen. Sie kann sich kaum bewegen. Alter, Hunger und unerträgliche Kälte im Winter haben sie geschwächt. Vom Liegen hatte sie längst eiternde Wunden am Rücken, die erst vor kurzer Zeit verheilt sind.

Alter, Hunger, Kälte

Die Krankenschwester der katholischen Pfarre in Chisinau, der Haupstadt Moldawiens, kommt täglich zu dem Ehepaar. Es ist der wichtigste Moment des Tages für Jewgenija und Dumitru Soboljew. Nur schwer gelingt es dem gebürtigen Russen, sich auf den Beinen zu halten, aber wenn Besuch kommt, will er nicht sitzen bleiben. Die junge Pflegerin begrüßt ihn, fragt, wie es ihm geht. Sie spricht laut und langsam, damit der fast taube Mann sie versteht. Kalt sei ihm, sagt der 90-Jährige, und Hunger habe er, wie immer. Von der kargen Pension, umgerechnet sieben Euro fünfzig im Monat, kann schon eine Person nicht leben, sie haben den Betrag zu zweit zur Verfügung. Er genügt nicht, um genug Essen zu kaufen, geschweige denn, den Strom für die Heizung zu bezahlen.

Als er jung war, ist er Ingenieur in Sibirien gewesen, seine Frau hat in einem Büro als Sekretärin gearbeitet. Damals war Moldawien Teil des riesigen sowjetischen Reiches und für die Soboljews war das Leben, verglichen mit jetzt, wunderbar. "Im Kommunismus war es viel besser für uns", erinnert sich Dumitru, "wir hatten genug Geld. Aber wir haben längst alles verloren." In den Jahren von 1990 bis 2001 hat die Inflation von mehr als 103 Prozent die Ersparnisse der Bevölkerung aufgefressen. Die durchschnittliche Pension beträgt umgerechnet sieben Euro fünfzig, der Durchschnittslohn 35 Euro. Um ausreichend Nahrung, Kleidung, Miete und Strom zahlen zu können, sind jeden Monat etwa 80 Euro nötig. 80 Prozent der Menschen in dem osteuropäischen Land leben an oder unter der Armutsgrenze, das Bruttosozialprodukt beträgt pro Person und Jahr nur 320 Euro - etwa ein Drittel von dem Albaniens, dem "Armenhaus Europas." Der heiße Sommer hat im vergangenen Jahr rund 80 Prozent des Weizens zerstört, eine Hungersnot droht in einem Land, in dem schon jetzt die meisten Menschen das Gefühl, satt zu sein, kaum kennen.

Hilfloser Staat

Dumitru und Jewgenija gehören dazu. Manchmal, wenn es das magere Gehalt der Krankenschwester zulässt, kauft sie den beiden von ihrem eigenen Geld etwas zu essen. Täglich wäscht sie die alte Frau, dreht sie um, damit sie sich nicht wieder wund liegt. Kocht für das Ehepaar, sofern es etwas zu essen gibt. Um etwa 200 alte Menschen in ähnlichen Situationen wie die Soboljews kümmert sich die Pfarre in der 780.000-Einwohner-Stadt ständig, dazu kommen einige hundert, die immer wieder für ein paar Monate betreut werden. In jeder der elf katholischen Pfarren in Moldawien gibt es ein solches Heimkrankenpflegeprogramm, das von der Caritas finanziert wird. Staatliche Unterstützung erhalten die Menschen nicht. Es ist kein Geld da. Steuereinnahmen gibt es so gut wie keine.

Eine Million arbeitsfähige Moldawier sind im Ausland, mehr als zwei Drittel aller Schulabgänger planen, das Land zu verlassen. Vor allem Portugal, Italien, Griechenland und Russland sind beliebte Ziele. Die Kinder der Emigranten bleiben meist zurück, in der Obhut von Großeltern oder Nachbarn. Viele von ihnen verbringen ihre Zeit auf der Straße, haben weder Betreuung noch Beschäftigung. Zwar ist der Schulbesuch offiziell kostenlos, in Wirklichkeit fallen trotzdem immer wieder Kosten für Schulbücher, aber auch für die Lehrer an. In den Suppenküchen, die einige Nichtregierungsorganisationen und Pfarren vor allem in den Städten betreiben, bekommen die Kinder einmal täglich eine warme Mahlzeit. In einem Straßenkinderzentrum in Chisinau werden, ebenfalls von einer Hilfsorganisation, Acht- bis 18-Jährige betreut. Ein weiteres Tageszentrum, das in der transnistrischen Stadt Tiraspol entstehen soll, finanzieren das österreichische Sozialministerium, die Caritas Wien und die Caritas Österreich.

Jewgenija und Dumitru Soboljew wissen von den Straßenkindern nicht viel. Sie haben von Chi¸sinÇau außer ihrem Zimmer schon lange nichts mehr gesehen. Noch kann die Pflegerin der Pfarre die notwendigsten Arbeiten hier selbst erledigen. Wenn einer von ihnen aber ins Krankenhaus müsste, würde das brüchige System an Überlebenshilfen einstürzen. Zwar wurde mit Beginn dieses Jahres eine landesweite Krankenversicherung eingeführt, für die Berufstätige und Arbeitgeber je zwei Prozent des Lohnes zahlen müssen. Kinder, Studenten und Pensionisten sollen umsonst behandelt werden. Aber bisher funktioniert das neue System nicht.

Kranksein: unerschwinglich

Die Soboljews könnten sich Medikamente, Behandlungen und Aufenthalt in einem Spital nicht leisten. Nicht einmal im "Krankenhaus Nummer 4", nicht weit von ihrem Haus entfernt, in dem Oberschwester Elena Stempovscaia so stolz darauf ist, dass hier die Behandlungen nur ein Drittel von dem in anderen Krankenhäusern üblichen kosten. Für etwa fünfzig der mehr als hundert Patienten, die momentan in den vier Gebäuden verteilt sind, übernimmt die Caritas Moldawien die Kosten, obwohl doch nach dem neuen System Berufstätige eine Versicherung haben und die anderen auf Staatskosten behandelt werden sollten. Eine Patientin, Pensionistin und somit offiziell gratis hier, ist froh, dass ihre Tochter aus dem Ausland Geld schickt, "sonst könnte ich nicht im Spital bleiben".

Dass es durch das Dach hereinregnet und die rostigen Wasserrohre manchmal brechen, liegt daran, dass der Staat nicht einmal Geld für die notwendigsten Reparaturen zur Verfügung stellt. "Unsere Ärzte und Schwestern müssen alles selbst flicken, damit das Krankenhaus nicht in sich zusammenfällt", schimpft Schwester Elena. "Unsere Geräte sind uralt, wir haben seit zehn Jahren keine Mittel mehr bekommen, um neue zu kaufen."

Auch das Geld für das Essen reicht nicht. Auf einem wackeligen Tisch am Gang stehen zwei verbeulte Blecheimer: Tee in dem einen, Buchweizenbrei in dem anderen. Es ist Essenszeit im Krankenhaus Nummer vier.

Die Caritas Österreich will mit ihrer Februar-Aktion vor allem Straßenkindern und alten Menschen in Osteuropa helfen. Spenden mit dem Kennwort "Osteuropa" auf das PSK-Konto 7.700.004.

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