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"Man unterschätzt den Osten"

Andreas Treichl, Vorstandsvorsitzender der Erste Bank AG, feiert heuer sein zehnjähriges Jubiläum an der Spitze der mittlerweile größten Bank des Landes. Im Interview spricht er über die Herausforderung der "alten" durch die "neuen" EU-Länder und den Gründungsauftrag seines Hauses.

Die Furche: Herr Generaldirektor Treichl, was geht Ihnen so durch den Kopf, wenn Sie die ehemalige Führungsriege der Bawag auf der Anklagebank sitzen sehen?

Andreas Treichl: Im Wesentlichen ist dieser Prozess der letzte Schritt zur Beendigung einer unglücklichen Partnerschaft (zwischen ÖGB und Bawag; Anm.), die von vielen handelnden Personen nicht wirklich gelebt wurde. Es ist der Schlussakt eines Vorfalles, den es in Österreich hoffentlich nie wieder geben wird.

Die Furche: Und Helmut Elsner mit Schlapfen und hoch gelagerten Beinen …?

Treichl: Dieses Bild habe ich nicht gesehen, ich sehe kaum fern. Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass man sich kein Urteil über etwas bilden soll, das man nicht im Detail kennt. Ich habe nicht die Zeit, mich näher damit zu befassen, und ehrlich gesagt, es interessiert mich auch nicht.

Die Furche: Neben der Bawag hat auch die Kärntner Hypo-Alpe-Adria-Bank für negative Schlagzeilen gesorgt. Sie haben scharfe Kritik daran geübt, dass die Bank ohne Ausschreibung an die Bayerische Landesbank verkauft wurde - wofür Sie wiederum vom Vorsitzenden des Banken-Untersuchungsausschusses, Martin Graf, massiv attackiert worden sind. Wie erklären Sie sich das?

Treichl: Ich habe keine andere Erklärung, als dass er meine Kritik nicht richtig verstanden hat. Ich bin der Meinung, dass der Markt und nicht ein Gutachten den Preis einer Bank bestimmen sollte.

Die Furche: Die OECD hat in ihrem jüngsten Länderbericht Österreich ob seiner guten Wirtschaftsdaten gelobt, aber auch in manchen Punkten Kritik geübt. Wo sehen Sie am ehesten wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf?

Treichl: Es fehlt bei uns die Vorbereitung auf die sich ändernden Umstände in Zentral- und Osteuropa. Deutschland ist zwar noch immer der wichtigste Handelspartner Österreichs, aber der Prozentsatz der Ex- und Importe nach und von Deutschland hat stark abgenommen; der Anteil des Handels mit den benachbarten osteuropäischen Ländern wuchs dafür dramatisch. Die Politik in Osteuropa ist sehr marktwirtschaftlich orientiert - was sich auch in den dortigen Sozialsystemen widerspiegelt. Weiters sind die Arbeitskräfte noch relativ billig, und die Menschen haben eine gute Ausbildung; dazu kommt eine attraktive Steuergesetzgebung. All das zusammen ist natürlich für ausländische Investoren interessant. Wir sollten keine Angst davor haben, dass osteuropäische Arbeitskräfte zu uns kommen, vielmehr müssten wir den Arbeitsmarkt jetzt öffnen. Denn ich fürchte mich vor Zeiten, in denen wir von diesen Ländern auf Grund unserer aktuellen Arbeitsmarktpolitik schlechter behandelt werden; und zwar genau dann, wenn Österreicher in Osteuropa Arbeit finden könnten.

Die Furche: Ein Kritikpunkt der OECD war, dass Arbeit zu hoch und Vermögen zu wenig besteuert wird …

Treichl: Unser Problem wird sein, dass wir zunehmend mit Ländern wirtschaftlich verflochten sind, die wesentlich niedrigere Steuern auf Arbeit haben. Daher muss der Faktor Arbeit erheblich entlastet werden. Beim Vermögen ist es schwierig zu unterscheiden zwischen Vermögen, das aus Arbeit entstanden ist, und Vermögen, das einem aus anderen Quellen zufließt. Ich bin gegen eine doppelte Besteuerung: Wenn ich Vermögen aus meinem versteuerten Gehalt erwirtschafte, möchte ich davon nicht noch einmal Steuern zahlen.

Die Furche: Woher soll dann das Geld kommen?

Treichl: Alle Politiker werden sagen, dass wir den Staat erhalten müssen, und dass, wenn wir bei den Steuern auf Einkommen Einbußen haben, das irgendwie ausgeglichen werden muss. Der Gedanke, das Risiko einzugehen und zu sagen, wir verringern das Steueraufkommen dramatisch und hoffen, dass das die wirtschaftliche Entwicklung im Land beflügelt, weil wir dann für Auslandsinvestitionen attraktiv sind, der kommt österreichischen Politikern kaum in den Sinn.

Die Furche: Zur Illustration der Mentalitätsunterschiede zwischen "altem" und "neuem" Europa haben Sie einmal gesagt, während Sie in Österreich als "neoliberales Übel" gälten, würden Sie in Prag als der "rote Andi" angesehen werden. Können Sie das ein bisschen näher erläutern?

Treichl: Es gibt eine Verantwortung der Menschen, die für sich selbst sorgen können, jenen gegenüber, die aus eigener Kraft dazu nicht in der Lage sind. Das Spüren dieser Verantwortung ist in Zentral- und Osteuropa noch nicht da. Das liegt primär daran, dass die Leute damit beschäftigt sind, zunächst selbst wohlhabend zu werden. Auch Österreich war in der Nachkriegszeit eine sehr materialistische Gesellschaft; die Leute haben gearbeitet und gearbeitet, um die Grundlagen des Wohlstands zu schaffen.

Die Furche: Woher soll das Wachstum in Österreich kommen, wenn der Osten einmal etabliert und nicht mehr der "Osten" ist?

Treichl: Da reden wir über etwas, das mich und uns alle die nächsten 15 Jahre nicht beschäftigen wird. In Wirklichkeit unterschätzt man die Dinge, die sich dort noch abspielen werden. Im Finanzdienstleistungsgeschäft et-wa befassen wir uns derzeit sehr stark mit der Finanzierungsseite und noch kaum mit der Vermögensbildung. Ganz Tschechien hat gerade neun Milliarden Euro in Investmentfonds veranlagt - in Österreich sind es 170 Milliarden Euro. Das wirkliche Osteuropa-Geschäft hat noch nicht einmal richtig angefangen.

Die Furche: Welcher Gedanke liegt der Gründung der "Zweite Sparkasse" (s. Text links; Anm.) zu Grunde?

Treichl: Die "Erste" wurde nicht als gewinnorientiertes Unternehmen gegründet, sondern um Menschen, die keine Bankdienstleistung in Anspruch nehmen konnten, eine solche zur Verfügung zu stellen. Genau diese Überlegung liegt auch der Zweiten Sparkasse zu Grunde. Was ich zuvor über Zentral- und Osteuropa meinte, dass man sich auch um die Menschen kümmern muss, die keinen Zugang zum Wohlstand haben, setzen wir hier um. Wir wollen Menschen, die aus dem Sicherheitsnetz gefallen sind, die Hand reichen und ihnen wieder ins normale gesellschaftliche Leben, zu dem man einfach ein Bankkonto benötigt, helfen.

Die Furche: Sie stehen seit zehn Jahren an der Spitze des Hauses - was macht Andreas Treichl in zehn Jahren? Könnten Sie sich zum Beispiel vorstellen, in die Politik zu wechseln, vielleicht als Finanzminister?

Treichl: Wenn ich in die Politik gehe, bekomme ich ziemliche Schwierigkeiten zu Hause, und in zehn Jahren bin ich zu alt für einen Finanzminister. Aber Bundespräsident zu sein, wäre sehr nett (lacht).

Das Gespräch führten Thomas Meickl und Rudolf Mitlöhner.

Die "Erste" hilft den "Zweiten" im Land

Die Aktionäre der Erste Bank bekamen für das abgelaufene Geschäftsjahr eine Dividende von 0,65 Euro pro Aktie - das entspricht knapp 20 Prozent mehr, als die Eigentümer noch im Jahr zuvor für ihre Anteile erhielten. Auch sonst ist die Bank auf Erfolgskurs - der Nettogewinn hat sich um 30 Prozent auf 932 Millionen Euro erhöht, Vorstandsvorsitzender Andreas Treichl wurde zuletzt vom Magazin "Business People" zur Nummer zwei der heimischen Top-Manager gewählt, nur Dietrich Mateschitz lief ihm den Rang ab. Zuletzt brachte Treichl eine neue Unternehmensstruktur auf Schiene, die mit 1. Juli - zunächst für ein Jahr nur faktisch, noch nicht rechtlich - gilt: Unter dem Holding-Dach der Erste Group Bank finden sich künftig die inländischen wie ausländischen Tochterbanken. Fast zwei Drittel des Gewinnes erwirtschaftet die "Erste" in Osteuropa - und der 1952 in Wien geborene Sohn des ehemaligen CA-Chefs Heinrich Treichl ist sich sicher, dass der Goldrausch im Osten noch lange kein Ende findet. Eigentlich wollte Andreas Treichl Dirigent werden. Zumindest dieses Ziel hat der Bankier nicht erreicht, der, wie er sagt, mit der Arbeit aufhören will, wenn ihn seine Kinder noch brauchen. Um das Gebrauchtwerden geht es auch im Projekt "Zweite Sparkasse", der von der "Erste österreichische Spar-Casse Privatstiftung" getragenen Bank für Menschen, die auf Grund ihrer finanziellen und sozialen Situation kein Konto bei einer regulären Bank bekommen. Gestartet wurde mit einer Geschäftsstelle in Wien, später will die "Erste" ihre "Zweite" nicht nur in Österreich, sondern auch in Zentral- und Osteuropa etablieren.

"Wir haben das Kapital nicht bekommen, um nichts damit zu tun." (A. Treichl)

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