Martinique Karibik ohne Schattenseiten

Viel ist der Grande Nation nicht geblieben von ihrem einst weltumspannenden Kolonialreich, aber das Wenige ist dafür vom Feinsten. So besitzt Frankreich in der von den europäischen Touristen so heiß begehrten Karibik gleich zwei Inselchen: Die eine ist Guadelupe, die andere - und um sie soll es hier gehen - Martinique.

Unsere Insel liegt genau in der Mitte des kleinen Antillenbogens, was auf dem mittelamerikanischen Festland ungefähr auf der Höhe von Nicaragua entspricht. Martinique ist zwar kaum größer als 1.000 Quadratkilometer, dafür aber ein Paradies im Kleinen: Traumhafte Strände, tropische Urwälder und dazu durch die ständig wehenden Passatwinde ein mildes Klima das ganze Jahr über. Diese "natürlichen" Qualitäten werden noch ergänzt durch die Vorzüge europäischer Lebensart und dem höchsten Lebensstandard der ganzen Karibik, der Martinique von dem schlimmen Elend vieler anderer Antilleninseln abhebt.

Diese letzteren Vorteile hängen mit der ganz besonderen Beziehung zum französischen Mutterland zusammen: Seit 1946 ist Martinique nämlich ein Departement d'Outre-Mer, ein Übersee-Departement, das dem Mutterland völlig gleichgestellt ist. Das bedeutet nicht nur, dass vier Abgeordnete aus Martinique in der französischen Nationalversammlung sitzen, sondern auch, dass man aus einer Telefonzelle direkt am Rand des Tropenwalds zum Inlandstarif mit Paris telefonieren kann. Die Franzosen - sie stellen mit über 50 Prozent den Löwenanteil der Inselbesucher - lassen sich ihr "inländisches" Ferienparadies in der Karibik allerdings auch einiges kosten, denn die Insel lebt eindeutig über ihre Verhältnisse.

Das Steueraufkommen würde gerade dazu ausreichen, die Grundschullehrer zu entlohnen, und trotz der Einnahmen aus dem Tourismus und dem Export von Bananen und Zucker (letzterer auch in Form von Rum) muss Frankreich dem lokalen Staatssäckel jährlich mehr als vier Millionen Euro (der nun auch auf der Insel gilt) zuschießen.

Vielleicht ist es das Bewusstsein dieser finanziellen Privilegien, die die Martinikaner in ihrer Mehrzahl davon abhält, das "Movement pour l'independence de la Martinique" zu unterstützen. Dennoch nimmt das Movement rund ein Viertel der 41 Sitze im Conseil Regional ein, was angesichts einer 500-jährigen Kolonialgeschichte nicht weiter zu erstaunen vermag. Nach der Entdeckung durch Kolumbus 1502 wurde Martinique l635 von den Franzosen in Besitz genommen, aber durch die Engländer ständig streitig gemacht: dreimal wurde es besetzt, bis es schließlich 1762 im Tausch gegen Kanada, Senegal, St. Vincent und Tobago an Frankreich zurückgegeben wurde.

Aber auch danach kam es noch zu Auseinandersetzungen, etwa im Jahre 1804, als die Briten einen kleinen Felsen vor der Südwestküste kaperten und zum steinernen Kriegsschiff der Royal Navy erklärten: Von "Bord" der "Her Majesty Ship Diamond" Rock wurden vorbeifahrende französische Schiffe monatelang beschossen, ehe die Rückeroberung gelang.

Sklaven & Plantagen

Wenn die Franzosen gerade einmal nicht von den Engländern bedrängt wurden, führten sie das beschauliche und luxuriöse Leben von Plantagenbesitzern, die schwarze Sklaven - die Kariben, die indianischen Ureinwohner, waren auch in Martinique schleunigst ausgerottet worden - für sich arbeiten ließen. Von diesen Zuständen kann man sich durch den Besuch eines der alten Herrenhäuser ein Bild machen, die heute in Hotels oder Museen umfunktioniert sind. So ist etwa in Sainte Marie an der Ostküste das Musee du Rhum zu besichtigen, das in einem solchen schönen Gebäude aus der Zeit der Kolonialherren untergebracht ist und über alle Aspekte der Rumdestillation informiert. Dieser museale Rahmen sollte allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die békés - der Clan der Plantagenbesitzer - auch heute noch überaus mächtig sind.

Ein Museum anderer Art ist in einem Herrenhaus nahe dem kleinen Fischer- und Handwerkerstädtchen Les Trois Îlets zu besichtigen, das gegenüber der Inselhauptstadt Fort-de-France an der gleichnamigen Bucht liegt. Es ist Marie Joséphe Rose Tascher de la Pagerie gewidmet, Napoleons Frau Josephine also, die von hier stammt und deren erster Mann als Governeur der Insel von Revolutionären guillotiniert worden war. Man findet zwar überall auf Martinique Büsten und Denkmäler von ihr, aber gar so beliebt scheint sie nicht zu sein: In Fort-de-France etwa hat man ein bekanntes Standbild der Josephine, das zu den Pflicht-Fotoobjekten der Touristen zählt, kurzerhand geköpft. Ein echter Nationalheld ist für die Martiniquais dagegen Viktor SchSlcher, der 1848 die Befreiung der Sklaven durchsetzte, die von ihm gestiftete Bibliothèque SchSlcher in Fort-de-France ist sicher eines der eindrucksvollsten Bauwerke.

Als ein historisches Ereignis von besonderer Tragweite verdient der Ausbruch des Mont Pelée Erwähnung, der am 7. Mai 1902 innerhalb von wenigen Minuten die damalige Hauptstadt St. Pierre mitsamt ihren 30.000 Einwohner unter seinen Lavamassen begrub. Heute ist St. Pierre nur noch ein kleines Fischerdorf mit ein paar tausend Einwohnern, in dem neben einem Musée Vulcanologique noch immer Ruinen an den katastrophalen Ausbruch erinnern. Der mächtige Mont Pelée selbst beherrscht den gesamten Nordteil der lnsel. Der Aufstieg ist bis zum 1397 Meter hohen Gipfel möglich, und wenn diesen ausnahmsweise einmal keine Wolken umlagern, dann ist der Blick auf den Atlantik im Westen, die Karibik im Osten und den tropischen Urwald, der das Innere von Martinique überwuchert, atemberaubend. Als Naturdenkmal kaum weniger eindrucksvoll ist übrigens die Savane des Pétrifications, ein Wald versteinerter Bäume, an der Südspitze der Insel.

Karneval wie in Rio

Das unbestrittene Zentrum von Martinique ist Fort-de-France, das das unglückliche St. Pierre als Hauptstadt abgelöst hat. Rund ein Drittel der 350.000 Inselbewohner lebt hier. Den Hafen beherrscht das mächtige Fort Saint Louis, dessen verrostete Kanonen einst Schutz vor den Engländern und Holländern boten. Die Kathedrale Saint Louis, deren schmiedeeisernen Turmspitzen das Wahrzeichen der Stadt sind, verweist darauf, dass die Martinikaner überwiegend katholischen Glaubens sind. Unbedingt empfohlen sei dem Besucher noch das Musée Departemental, das faszinierende Zeugnisse von Leben und Kunst in präkolumbianischer Zeit zeigt.

Was vor allem an dieser Stadt begeistert, ist ihre karibische Buntheit und Ausgelassenheit, die sich natürlich nirgends besser erleben lässt als am Markt, wo tropische Früchte und Fische in unendlicher Vielfalt angeboten werden. An vier Tagen im Jahr erfährt diese Fröhlichkeit noch einmal eine ungeahnte Steigerung, wenn während des Vavas, des Karneval, das öffentliche Leben völlig zum Stillstand kommt.

Martinique wäre allein schon aus kulinarischen Gründen eine Reise wert, denn hier gehen die französische, kreolische, spanische und italienische Küche eine höchst delikate Verbindung ein, die noch dazu mit Früchten aus dem tropischen Urwald und dem tropischen Meer aufwarten kann, wie sie in dieser Qualität in Europa nicht zu bekommen sind. Und auch die zahllosen Cocktails mit dem besten Rum der Welt sind, wenn mit einer gewissen Vorsicht genossen, durchaus nicht zu verachten.

Paul Gauguin hat vor 100 Jahren hier sein erstes Inselparadies gefunden, und daran hat sich auch heute nichts geändert: Wer die Karibik ohne ihre Schattenseiten kennenlernen und genießen will, kommt an Martinique nicht vorbei.

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