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Mehr als nur "Ausbluten“

Der Sommergrippe sei Dank: Meine Teilnahme an Ingrid Thurnhers TV-Debatte (Im Zentrum) über das Syrien-Drama und unsere "Blauhelme“ am Golan konnte ich überzeugend absagen. Fiebernd - und voll inhaltlicher Ratlosigkeit. Tatsächlich: trotz 50-jähriger Befassung mit Kriegen und Krisen war ich kaum je zuvor so hilflos wie jetzt, Auswege aus einem Konflikt zu entdecken. Ich teile diese Ohnmacht mit vielen: der UNO, EU, Arabischen Liga, Islamischen Weltkonferenz …

Böse Folgen auch für Christen

Nach zwei Jahren Krieg mit bald 100.000 Toten, 5 Millionen Flüchtlingen (im Land und jenseits der Grenzen) und apokalyptischen Zerstörungen hat sich der Fokus des Konflikts zuletzt völlig gewandelt: Nicht mehr ein Regime, nicht mehr Syriens Zukunft stehen primär zur Disposition. Nun geht es um die Fundamente jener Ordnung, die vor bald hundert Jahren aus den Trümmern des Osmanischen Reichs gewachsen war. Konkret:

• Staaten der Großregion Mittelost drohen zu zerbrechen (Syrien, Libanon, Irak, vielleicht auch Jordanien und die Türkei).

• Das alte Schisma muslimischer Sunniten und Schiiten (samt ihren Milizen und politischen Zahlmeistern) löst großräumig neue Gewaltorgien aus - mit bösen Folgen auch für Christen im Orient.

• Hinter religiösem Hass und regionalen Abrechnungen stehen zudem strategische Umwälzungen, die unseren postkommunistischen Erwartungen vom "Ende der Geschichte“ geradezu Hohn sprechen: Die USA, auch Europa sind ratlos und politisch gespalten, Russland ist zunehmend in der alten Sowjet-Rolle, Israel und die Türkei sind hoch alarmiert. Einzig der Iran, den der "Arabische Frühling“ zunächst recht alt aussehen ließ, wird zunehmend zum Architekten eines schiitischen Großraums von Teheran bis Beirut.

Gefährliche Allianz mit Rebellen

Es hat lange gedauert, bis der so genannte "Westen“ (was genau ist das heute?) dahinter gekommen ist, dass Syriens Machthaber Assad - vor allem als Marionette fremder Interessen - weit fester im Sattel sitzt als vermutet. Dass die amerikanischen, saudischen, sunnitischen, auch türkischen Träume (Machtwechsel in Syrien, Ausblutung des Iran, Schwächung Moskaus, Entmachtung der libanesischen Hisbollah …) am Schauplatz des Gemetzels zunehmend sterben. Dass also selbst ein Sturz Assads den Flächenbrand nicht mehr stoppen könnte. Und dass jede Allianz mit den total zerstrittenen syrischen Rebellen immer mehr Gefahr läuft, am Ende auch importierte Mordbanden im Umfeld von Al-Qaida zu stützen.

Gibt es überhaupt Hoffnung? Kaum. Sie liegt, wenn überhaupt, im Versuch, die alten nahöstlichen Zuchtmeister USA und Russland vom Duell hin zum Duett zu bewegen. Auch im Ende der Eiszeit Washington-Teheran. In einem erzwungenen Waffenstillstand. Und im allseitigen Gelöbnis, die Flut der Waffenlieferungen einzudämmen.

Apropos Flut: dem TV-Auftritt Im Zentrum wäre ich letztlich auch fieberfrei entkommen - das Thema Syrien hatte kurzfristig dem Hochwasser zu weichen.

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