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Menschsein heißt bewerten ...

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Die Hintergründe des alltäglichen Vorgangs, Werturteile zu fällen

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Die Hintergründe des alltäglichen Vorgangs, Werturteile zu fällen

Das Werten ist eine Aktivität des Menschen besonderer Art. Sie betrifft weder ein technisches Machen, weder das Herstellen von Etwas, das Verändern von oder das Eingreifen in die Natur und natürliche Abläufe. Vielmehr hat das Werten als Entscheiden dem gegenüber eine eigenartige Vorrangstellung. Offensichtlich muss ich gewertet haben bevor ich dieses oder jenes tue, unterlasse, oder unentschieden bleibe; zumindest im Fall des Tuns liegt dem Handeln eine mehr oder weniger deutliche Wertung, man kann auch sagen, Entscheidung zugrunde.

Dieses Werten kann ein bewusster Akt sein, kann einem gewohnten Handlungsschema folgen, kann ohne wirkliche Überlegung getätigt werden, ist häufig für den anderen nicht sichtbar und nicht nachvollziehbar. Es scheint vielfach eingebettet in den gewöhnlichen und gewohnten Ablauf des Tages.

Dennoch wird man nicht bestreiten können, dass das Werten auch einmal aus der Bahn geraten kann. Zwänge von außen, Krankheiten, soziale Verpflichtungen, sie können zu einer neuen Wertung nötigen: auf eine Umstellung der Speisegewohnheiten, Verzicht auf gewohnten Spaziergang, auf eine neue Entscheidung bzw. Wertung der beruflichen Tätigkeit, der politischen Einstellung.

Unendlich viele Beispiele lassen sich anführen. Sie machen zunächst einmal deutlich, dass dem Werten offensichtlich eine unendliche Reichweite zukommt. Wir werten Gegenständen, dieses oder jenes Bild, werten Personen, wählen Freunde aus, entscheiden über Beziehung zu Menschen, werten die Leistungen anderer, und schließlich, was besonders anzumerken ist, wir werten auch die Wertungen anderer.

Das mag als Anmaßung erscheinen und gedeutet werden, ihre Notwendigkeit lässt sich durch einige Beispiele verdeutlichen und durch eine grundsätzliche Überlegung erhärten.

In der Geschichte werten wir die vollzogenen Wertungen in der Vergangenheit, und all den darin enthaltenen Möglichkeiten von Missverständnissen. In der Schule wertet der Lehrer die Wertungen der Schüler, etwa ihre Stellungnahme zu Gewalt und Rassismus. Aber der Schüler wertet auch die Wertungen des Lehrers; etwa Ungerechtigkeiten oder Feigheiten. Offensichtlich gehört das Werten zu jeder menschlichen Beziehung. Wer nicht wertet, dem wird der andere gleichgültig, wer wertet, muss obacht geben, dass er nicht leichtfertig, vorschnell urteilt, nicht seinem Vorurteil, seine Sympathien oder Antipathien erliegt.

Wenn von Wertungen der sogenannte Werte gesprochen wird, so kann ein erstes Beispiel angeführt werden. Toleranz gilt als besonderer Wert in der modernen Gesellschaft; sie gilt als besonderes Ziel der politischen Bildung. Gerade an diesem Begriff aber kann man das Dilemma im Umgang mit Werten deutlich machen.

Natürlich fordern wir im Zusammenhang der Interkulturalität Offenheit für das Andere und den Anderen, für seine religiöse und politische Einstellung. Toleranz scheint als einer der "Werte" zu gelten, die die sogenannte europäische Wertegemeinschaft fordert. Man soll anderen Menschen, anderen Kulturen verständnisvoll, verstehend und wohlwollend gegenüberstehen, sich selbst nicht als urteilende überlegene Instanz ansehen. Die jungen Menschen sollen lernen zuzuhören, den anderen in seiner Meinung zu respektieren. Multikulturalität wird vom Ministerium als Ziel von Unterricht, Erziehung und Schule verordnet.

Gilt Toleranz als Wert unangefochten?

Ob Toleranz nun als Wert oder als Tugend und Habitus gesehen wird, mag zunächst unentschieden bleiben. Heikler und konsequenzenreicher ist eine andere Frage: Ist Toleranz wirklich einer jener Werte, die unangefochten gelten; ist sie eine Norm, der man immer zu entsprechen hat? Um das an einigen Fragen deutlich zu machen: Sollen wir den Kriegstreiber tolerieren, den Rassisten, die Kultur, in der Frauen unterdrückt werden?

Schon die Fragen zeigen die Grenzen, zeigen die Notwendigkeit, Toleranz zu begrenzen, etwa gegenüber den Verletzungen von Menschenrecht und Menschenwürde. Offensichtlich kann man nicht ohne jede Rückbesinnung den in allen Sonntagsreden propagierten Wert der Toleranz anerkennen, zumindest muss jene urteilende Vernunft ins Spiel gebracht werden, die begründet, ob Toleranz oder Widerspruch gefordert ist.

Ich kehre zurück zu unserer systematischen Frage, nach dem Werten als einem Akt des Subjekts. Wie sich herausstellt, umfasst das Werten die Universalität des Lebens bis hin zum Werten seiner selbst. Dieses muss in doppelter Hinsicht gesehen werden: Ich werte meine eigenen Wertungen; bestätige sie erneut, verwerfe sie, spreche mich womöglich schuldig, weil mein Werten doch nur dem eigenen Vorurteil beziehungsweise dem eigenen Vorteil gefolgt ist.

Ich werte aber auch mich selbst in meiner ganzen Existenz, ich versuche das mit allen Vorbehalten, und vielleicht gibt es kaum etwas Schwierigeres, als dieses Werten mit innerer Wahrhaftigkeit einigermaßen zustanden zu bringen, die eigenen Vorurteile zu Durchschauen, der Macht des Zeitgeistes oder dem sogenannten "man" zu widerstehen.

Diese Aussage ist besonders anzumerken; denn in ihr wird gewissermaßen dem Ich eine richterliche Funktion über sich selbst zugedacht. Das Ich ist Angeklagter und Richter in einem, die Neigung, sich freizusprechen, ist allzu verständlich.

Alles wird erfasst vom Werten des Menschen Wenn ich aber nicht umhin kann, auch mich und meine Entscheidungen zu werten, weil ich um mich und mein Tun weiß, dann ist das Werten eine universale Aktivität. Universal heißt hier ein Doppeltes: einmal, dass sich nichts, um das ich wissen kann, dem Werten entzieht; zum anderen, dass ich das Werten keinen Augenblick meines bewussten Lebens grundsätzlich unterlassen kann.

Das mag dem Skeptiker beziehungsweise dem sogenannten Realisten etwas überspitzt und radikal klingen. [...]

Welche Bedeutung dem Satz von der universalen Aktivität des Menschen im Werten zukommt, insbesondere für die Aufgabe von Erziehung und politischer Bildung, wird sichtbar, wenn sich aufzeigen lässt, dass das Werten immer auch ein Akt der Selbstbestimmung ist.

Das lässt sich in der Gegenüberstellung im Wissen, im Erkennen oder Lernen verdeutlichen. Diesem geht es um die Möglichkeit einer nachprüfbaren Aussage über ein Etwas, über etwas "Gegenständliches" im weitesten Sinne: Mag es sich dabei um einen Naturgegenstand, um ein historisches Ereignis oder über eine Objektivation unseres Geistes handeln. Im Wissen geht es immer um den Versuch der "Objektivität", wie wenig diese auch erreichbar sein mag. Im Wissen geht es um die Nachvollziehbarkeit einer Behauptung für jedes denkende Subjekt, das heißt um Argumente, die unabhängig vom jeweils denkenden Ich ihren Geltungsanspruch erheben.

Wissen will gelten, muss gelten wollen, wenn es nicht zum beliebigen Grund werden soll. Anders beim Werten: Da bestimmt sich das Ich in Ansehung von Herausforderungen, von Gegenständlichem. Man will dieses wissen, anderes bleibt einem gleichgültig, man schätzt diese politische Idee, man verachtet eine andere, man zieht es vor, ins Theater zu gehen und nicht in die Disco oder auch umgekehrt.

Das Verhältnis von Wissen und Werten ist auf merkwürdige Weise miteinander verflochten. Zunächst scheint es so, als ob man erst etwas wisse müsse, um dann zu werten - zum Beispiel bei der Wahl einer Partei; dem Wert eines Iyrischen Gedichtes aber auch dem Wert einer Aktie, der Bewertung eines politischen Programmes oder eines politischen Ereignisses.

Werten und Wissen sind eng veflochten Um Werten zu können, muss man wissen, und wer verantwortlich werten will, kann seine Entscheidung nicht blindlings treffen, sie aus dem Nichtwissen dem Zufall überlassen - oder wie man heute sagt - aus dem Bauch heraus; das Werten steht nicht im Gegensatz zur Verkopfung unserer Schulen, ein Vorwurf der sich selbst richtet, wenn man das Denken und Wissen nicht diskriminieren will.

Aber schon, wenn ich mich entscheide, dieses oder jenes Wissen zu wollen, wenn ich etwas für wissenswert halte, muss ich ja schon ein Wissen haben. Bekanntlich hat Platon dafür seine vorgeburtliche Ideenschau angeführt.

Ohne hier auf dieses Problem genau einzugehen, bleibt die Forderung, dass jede Wertung ein Wissen voraussetzt, und die Sorge um dieses Wissen in die Verantwortung des Wertens eingeschlossen ist. Natürlich setzt alles Wissen wollen schon ein Wissen voraus; ohne diese Voraussetzung könnte der Mensch nicht einmal fragen.

Wenn vom Werten als einem Akt des Subjekts die Rede ist, dann muss vorausgesetzt werden, dass das Subjekt um sein Werten weiß; nur dann kann man auch von Verantwortung reden.

Zur Frage nach dem Werten, gehört die Frage nach Kriterien [...]. Wenn von der Freiheit des Wertens die Rede ist, wenn das Werten aber nicht dem Zufall und der Willkür anheimgegeben werden soll, dann können seine Kriterien nicht als deren Einschränkung verstanden werden.

Noch problemtatischer wird die Frage nach möglichen Kriterien; eben da diese Kriterien die Freiheit des wertenden Subjekts nicht aufheben dürfen, und sie andererseits der ungebremsten Willkür und dem reinen Zufall des Wertens Einhalt zu gebieten haben, wenn die Frage nach Verantwortung nicht hinfällig werden soll.

Das gilt in besonderer Weise für die die Demokratie stützende politische Bildung. Welche Konsequenzen sind daraus zu ziehen? Weder Konventionen, noch Gesetze, noch Sitte und Brauchtum können als normative Vorgaben der Würde des freien Wertens genügen. Wo sie zur ungefragten Norm für das Werten vorgeschrieben sind, nötigen sie den Menschen zur Anpassung, zum Verzicht auf seine Autonomie.

[...] Im Gorgias schreibt Platon, dass es vor allem für den Menschen darauf ankomme, dass er mit sich selbst "in Harmonie wäre" und sich nicht "widerspräche".

Um die Bedeutung eines solchen Satzes zu verdeutlichen, ist noch einmal auf die Besonderheit des Subjektseins hinzuweisen, das seine eigenen Wertungen wertet. Der Mensch misst sich an einem Maß, das er in sich selbst vorfindet, das er sich nicht er gegeben hat, das in ihm von Anfang gegeben ist.

Hier muss vom Gewissen die Rede sein; vom Gewissen, das für alles Werten maßgebend ist, das also auch nicht durch vorgegebene oder gar vorgeordnete "Werte" inhaltlich festgelegt ist, und auch um des Wertes der Gewissensfreiheit nicht festgelegt werden darf.

Die Frage nach dem Gewissen selbst kann hier allerdings nur in vorläufiger Weise beantwortet werden: Ich zitiere Kant: "Das Bewusstsein eines inneren Gerichthofes im Menschen (vor welchem sich seine Gedanken einander verklagen oder entschuldigen) ist das Gewissen. Jeder Mensch hat Gewissen und findet sich durch einen inneren Richter beobachtet, und überhaupt im Respekt mit Furcht verbundener Achtung, gehalten, und diese über die Gesetze in ihm wachende Gewalt ist nicht etwas, was er sich selbst (willkürlich) macht, sondern es ist seinem Wesen einverleibt."

Wertung braucht Freiheit und Maß Die Frage nach den Werten ist nur zu beantworten, wenn man vom Subjekt und seiner Notwendigkeit des Wertens spricht, vom Werten kann man nur reden, wenn deren Voraussetzung mit bedacht ist: Freiheit und Maß. Wenn dieses nicht Ausgeburt subjektiver Willkür sein will, dann muss vom Gewissen gesprochen werden.

Wenn zum Beispiel Petzelt ausdrücklich fordert: "Keine Pädagogik kann darauf verzichten, den Eindeutigkeiten der Werte nachzugehen. Die Aufgabe, werten zu lernen, jedoch gehört zur Pädagogik," dann ist die Frage nach deren Struktur gestellt. Die Frage nach dem Werten ist an die Frage nach dem Gewissen gebunden. Dieses muss, wenn überhaupt von einer Orientierung für das Werten gesprochen werden soll, vorausgesetzt werden. Nur unter dieser Voraussetzung lässt sich das Problem von der so genannten "Werterziehung" fassen.

Angesichts der politischen Turbulenzen, in die Österreich mit dem Hinweis auf die EU als sogenannte Wertegemeinschaft geraten ist, angesichts der Zunahme von Gewaltanwendung in der Öffentlichkeit, angesichts der Gefahr des politischen Radikalismus, angesichts der latenten Gefährdung von Demokratie und Menschenrechten gewinnt die sogenannte "Werterziehung" eine besondere Bedeutung.

Nach dem bisher ausgeführten kann damit nicht eine Erziehung zur Anerkennung vorgegebener "Werte" gemeint sein; wobei immer noch fragwürdig bleibt, was denn mit Werten, vor allem im Plural gesprochen überhaupt gemeint sein kann. Hier ist zunächst die Rede vom Werten lernen.

Ganz gewiss gehört dazu ein Zweifaches: einmal die Kenntnis des Sachverhaltes des Objekts, das Verstehen des Phänomens, das das Werten herausfordert. Diese Aufgabe ist nicht so leicht und so selbstverständlich, wie man zunächst annehmen könnte. Das Werten wird zur Anmaßung, wenn damit eine Stellungnahme ohne Wissen gemeint ist. Das Werten wird zur Überforderung und Verführung, wenn die die zu seinem Vollzug notwendige Kenntnis verweigert wird oder gar nicht möglich ist.

Das kommt in manchen sich demokratisch brüstenden Staaten ebenso vor wie in der Politik. Eine besonders missbräuchliche Forderung liegt vor allem dann vor, wenn das Volk zu einer wertenden Abstimmung aufgerufen wird, um über etwas zu urteilen, über das die meisten kaum eine eigenen Meinung haben, sich bilden konnten und können. Natürlich ist damit ein besonders heikles demokratisches Problem angesprochen, das sich aus der fortschreitenden wissenschaftlichen Spezialisierung ergibt.

Hier ist besonders die Schule gefordert: Man möge doch endlich einmal aufhören, das Lernen und Wissen zu diskriminieren, ständig die Verkopfung zu beklagen, um die Gefühlskälte auszuschließen. Wirkliches Wissen, das heißt, die Wahrnehmung und kritische Prüfung seiner Geltung hat der Bildung junger Menschen noch nie geschadet.

Zu beklagen ist allerdings das Vollstopfen der Lehrpläne mit nicht wissenswertem Wissen; beklagen kann man die unverbindliche Spielerei mit leichtfertigen Intellektualismen, die sich zumeist als sehr kurzfristig erweisen. Allerorts spricht man in diesen Zeiten vom "Lernen lernen"; man vergisst dabei häufig genug, dass dieses eben nur beim Lernen selbst gelernt werden kann; in dem man das Fragen und Argumentieren als Dienst an der Wahrheit lernt.

Wer verantwortlich werten will, muss lernen, muss sich das seine Entscheidung rechtfertigende Wissen wenigstens in Grenzen aneignen, angeeignet haben beziehungsweise aneignen können. Das Werten-Lernen ist Gewissensbildung. Diese schließt die Anstrengung des Denkens im Wissen ein, vor allem das Wahrnehmen seiner Normativität. Vor ihr haben sich die Maximen für das Handeln zu rechtfertigen. Gewissensbildung als Grundlage für das Werten lernen ist demnach nicht die Bildung des Gewissens, sondern Bildung des Menschen unter dessen Anspruch.

Damit kann ein Zweifaches gemeint sein. Erstens: zu lernen, auf die Stimme seines Gewissens zu hören, sie nicht im Getriebe des Alltages zu überhören, sie durch das Bedenken des eigenen Vorteils, durch die Herrschaft der Vorurteile nicht zu verdrängen.

Zweitens ist natürlich gemeint, dieses Hören zum Gehorchen, dieses Vernehmen zur Verbindlichkeit werden zu lassen. Gemeint ist, dass der Mensch seinem Gewissen folgt.

Dem Gewissen folgen - ein Akt der Freiheit Dieses ist, und das hat auch die Erziehung zu beachten, ein Akt der Freiheit; es kann weder durch Strafen noch durch die Zusage von Privilegien erzwungen werden. Moralität und Haltung sind durch noch so ausgeklügelte psychische Techniken nicht machbar. Natürlich können sie durch Beispiel und entsprechende soziale Umgebung gefördert, aber nicht erzwungen und nicht bewirkt werden.

Dennoch ist die Pädagogik nicht zu passivem Gewährenlassen, zu resignativer Gleichgültigkeit verurteilt, etwa im Hoffen darauf, dass das Richtige schon geschehen werde, etwa in der bequemen Position dessen, der sich auf das sogenannte Wachsen verlässt.

Der Pädagoge wird immer wieder darauf aufmerksam machen müssen, dass das Leben Werten heißt, dass es Entscheidungen abverlangt. Wenn ihm dies gelingt, dann ergibt sich zwangsläufig die zweite Frage, die nach den vollzogenen Wertungen, die Frage nach der Selbstbetrachtungen.

Kant kennzeichnet dessen besondere Eigenart: "Denn der Handel ist hier die Führung einer Rechtssache vor Gericht. Dass aber der durch sein Gewissen Angeklagte mit dem Richter als eine und dieselbe Person vorgestellt werde, ist eine ungereimte Vorstellungsart von einem Gerichtshofe."

Führung zur Selbstbetrachtung ist eine unverzichtbare und gleichwohl schwer zu fassende Aufgaben. Mit ihr verbunden ist die Frage nach den Kriterien. Führung im Sinne von "Gewissensbildung" ist somit Führung zur Selbsterkenntnis, das heißt Führung zur Frage nach den Motiven und leitenden Regulativen. Das alles verlangt keine besonderen didaktischen Tricks, sondern ist Forderung an jeden Unterricht, wenn wirklich gelernt werden soll.

Was Erziehung in Bezug auf das Werten zu leisten vermag, ist dieses: das Gewissen wachrufen, seine Dignität bewusst werden lassen und das Gefühl der Achtung für jenes Gesetz im Menschen zu fördern. [...]

Und Europas Wertegemeinschaft?

Wenn man den aktuellen Anlass der sogenannten europäischen Wertegemeinschaft nimmt, so lassen sich bei vorsichtiger Umschreibung etwa der Werte der Demokratie, Toleranz, die Respektierung des anderen, unabhängig davon, welche Hautfarbe er auch hat, welche Religion oder Rasse er zugehört; Solidarität und gleiches Recht für alle gilt als "Wert"; alles gründet in der unverzichtbaren Würde des Menschen, so könnte man sagen, der als absoluter Wert anzuerkennen ist.

So könnte man auch sagen, sind Objektivationen des Geistes, die in einer Gesellschaft allgemeine Anerkennung gefunden haben. Solche Werte wie Treue und Zuverlässigkeit, Patriotismus, Kameradschaftlichkeit; sie sind zeitgebunden, manifestieren sich in gegebenen Kulturen. Sie sind geschichtlich geworden, sie ändern sich, man spricht vom Wertewandel, der, wie uns die Soziologen versichern - vor allem bei den Jugendlichen dynamisch vor sich geht; von der Stellungnahme zur Religion, zur Politik, zur Arbeit, zur Freizeit, zur Familie, zum Beruf, zu Reichtum und anderem.

Was sich hier im sogenannten Wertewandel zeigt, sind Bestandsaufnahmen von Wertungen mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit. Bedenklich wird es, wenn diese Bestandsaufnahme zu verbindlichen Verhaltensregeln hochstilisiert werden; als Repräsentanten des Zeitgeist machen sie diesen zur verbindlichen Norm; unterstützen noch dazu die Abhängigkeit von vorgegebenen Werten wenn diese mit staatlicher Macht, mit Sanktionen verbunden sind.

Dann ist der Schritt in die Gesinnungsdiktatur alsbald getan. Andererseits wird eine Gesellschaft, ein Staat, vielleicht eine Staatengemeinschaft ohne festgeschriebene Werte nicht lebensfähig sein. Eine vorgegebene Wertordnung muss die Ordnung der Gesellschaft des Staates garantieren. Diese Werte müssen auch verteidigt werden um der Legalität, das heißt um des Fortbestandes willen.

Nach all dem ergibt sich noch einmal die Frage, was Wertegemeinschaft heißen kann, wie man dem Wort einen positiven Sinn geben will.

Offensichtlich ist damit gemeint, dass eine Gemeinschaft sich für die Verbindlichkeit bestimmter Normen entschieden hat. Bei uns sind das natürlich die Grundrechte der Menschen: Freiheit und Gleichheit, Solidarität, Toleranz et cetera. Welche man hier auch sinnvoller Weise auch nennen würde, sie alle weisen auf das hin, was wir die "Würde der Person" nennen.

Der Autor ist em. Professor für Pädagogik an der Universität Wien. Er hielt seinen Vortrag im Rahmen des Symposiums "Zukunftsvisionen - aus den geistigen Wurzeln Europas" am 4. November in Eisenstadt. Alle Vorträge sind in "katholisch aktuell" (Schriftenreihedes AKV, 11/2000) abgedruckt.

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