Mexiko: Im Bann von Mord und Drogen

An der Grenze zwischen Mexiko und den USA eskaliert der Drogenkrieg. Die Strategie der harten Hand gegen die Rauschgiftkartelle bringt nur Teilerfolge.

Als Mitte der 80er-Jahre die großen Drogenströme noch relativ ungehindert von Südamerika über die Karibik Richtung Miami/USA liefen, war die Drogenwelt noch in Ordnung. In Kolumbien regierte das Medellin-Kartell Pablo Escobars und das einzige, was die USA dem entgegenzusetzen hatten, waren die Fönwellen, Leinenanzüge und Ray-Ban-Sonnenbrillen von Ricardo Tubbs und Sonny Crockett # Drogenfahndung als Fernseh-Soap #Miami Vice#. In der Realität hatten die Drogenbarone längst das Sagen. Erst Mitte der 90er-Jahre schlossen die USA unter hohem Aufwand die Karibikroute, Tubbs und Crockett wurden in Pension geschickt # die Drogenbosse mussten sich neue Wege zum US-Markt erschließen. Sie fanden ihn: Mexiko.

Das sind die historischen Ursprünge eines aktuellen Drogenkriegs, bei dem allein in den vergangenen drei Jahren 28.353 Menschen (lt. Regierungsbericht August 2010) ums Leben kamen und der den mexikanischen Staat nicht nur Milliarden Dollar kostet, sondern auch seine Reputation.

Denn jeden Tag drängen Meldungen über Hinrichtungen auf offener Straße, Morde und Attentate an die Öffentlichkeit. Beispiele von Dienstag der aktuellen Woche: Fünf tote Männer bei drei Schusswechseln (Chihuahua, Ciudad Juárez) drei ermordete Frauen, eine davon schwanger (Ciudad Juárez). Diese Liste ließe sich täglich fortsetzen. 162 von 2400 Gemeinden in Mexiko zählen zu den unsichersten Gegenden Amerikas. Dort liefern sich Drogenkartelle im Kampf um die besten Transportrouten regelrechte Schlachten. Die Mordrate liegt in der Region Chihuahua bei 143/100.000 Einwohner (Österreich 0,8/100.000). Chihuaua vereinigt mit den Provinzen Sinaloa, Baja California, Tamaulipas und Nuevo Léon 80 Prozent aller Morddelikte in Zusammenhang mit Drogenhandel. #Amerika wird das nächste Kolumbien#, warnt der US-Drogenexperte Ted Carpenter, der Amerikas Drogenbedarf für die Eskalation verantwortlich macht.

US-Waffen und US-Geld

Tatsächlich sind es Geld und Waffen aus den USA, mit denen der Krieg der Kartelle bezahlt und gefochten wird. #Es gibt alleine 12.000 Gunshops an der Grenze, in denen man halbautomatische und automatische Waffen kaufen kann#, sagt Erasmo Cabrera, der Mexikos Regierung bei der UN-Drogenbehörde UNODC in Wien vertritt. Die Waffen sind aufgrund des US-Waffengesetzes frei erwerbbar. Die Folge: Allein seit 2007 haben Fahnder 84.000 Schusswaffen und Hunderte Tonnen Munition bei Razzien sichergestellt. Erst am Dienstag reiste der mexikanische Präsident Felipe Calderón zu einem Krisentreffen nach Chihuahua. Als Willkommensgruß verübten Unbekannte Attentate auf zwei Regierungsbüros. Nach der Ermordung mehrerer Journalisten in den vergangenen beiden Jahren wandte sich nun die Vereinigung der Zeitungen von Ciudad Juárez mit einem Appell an Calderón, er möge #endlich das Leben der Bürger in der unsichersten Stadt Mexikos schützen#.

Calderón hatte im Dezember 2006 zum #Krieg gegen die Drogenkartelle# mobil gemacht und 5000 Soldaten bereitgestellt, die als Kriseneinsatztruppe die exzessive Gewalt stoppen sollten. Der Erfolg lässt dabei allerdings auf sich warten # die Zahl der Toten stieg seit 2007 auf das zehnfache Niveau an. Das hat allerdings weniger mit dem Armee-Einsatz als mit steigenden Rivalitäten zwischen den kriminellen Familien zu tun. Abseits von spektakulären Erfolgen (Zerstörung von 227 Drogenfabriken, mehr als 115.000 verhaftete Clan-Mitglieder) müht sich die Regierung bisher vergeblich, den Rhythmus der Gewalt zu brechen. Das liegt an der Korruption örtlicher Beamter (bisher wurden 600 Beamte und Polizisten angeklagt) und an dem Zulauf der Kartelle durch Angehörige der armen Bevölkerungsschichten.

Denn das Geschäft ist lukrativ: Zwar wurden insgesamt 8000 Tonnen Suchtgift seit 2006 sichergestellt. Die geschmuggelte Menge dürfte aber mehr als neunmal so groß sein, schätzen Experten. Joaquín Villalobos, ein mexikanischer Konfliktlösungs-Spezialist, sieht die Regierung jedenfalls auf dem richtigen Weg: #Dass die Kartelle miteinander kämpfen zeigt ihre Schwäche.# Die beschlagnahmten Arsenale freilich zeigen auch ihre Stärke: Die Zahl der Flugzeuge (409) der Drogenbarone entspricht der Hälfte der American Airlines-Flotte, die Zahl der Boote (310) übersteigt die der mexikanischen Marine um das Doppelte. Die Feuerkraft der Waffen entspricht jener der Armeen von Honduras und El Salvador zusammen.

In manchen Regionen Mexikos, resümiert einer der Experten nüchtern, steht über allen Gesetzen noch immer jenes des #Plata o Plomo# # Silber oder Blei: Wer Bestechungsgeld ablehnt, darf mit Hinrichtung durch Erschießung rechnen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau