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Mit dem Rollstuhl rein in die Arbeitswelt

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Firmen zahlen lieber Ausgleichstaxen, die Regierung spart. Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen.

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Firmen zahlen lieber Ausgleichstaxen, die Regierung spart. Menschen mit Behinderung haben es oft schwer, in der Arbeitswelt Fuß zu fassen.

Ich hab' mir in der Privatwirtschaft immer schwer getan", sagt die qualifizierte Tischlerhelferin Sabine Pecovnik. Bevor sie zur Firma "Hausmasters" nach Gleisdorf gekommen ist, arbeitete sie in einer Lederfabrik, einem Obstlager und einer Fabrik zur Herstellung von Autoteilen. "Viele Mitarbeiter hänselten mich, weil ich gestottert habe. Die dreischichtige Arbeit und der ständige Stress wurden mir einfach zu viel", erzählt die 41-jährige Weizerin. Sie schätzt es nun sehr, geregelte Arbeitszeiten zu haben. Auf Dauer konnte sie in ihrer psychischen Verfassung mit dem Arbeitsdruck einfach nicht umgehen. Jetzt bei den "Hausmasters", kann sie direkt zu ihrem Chef gehen - das sei in anderen Firmen nicht immer so gewesen.

Die Firma "Hausmasters" der Chance B ist der größte Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung in der Oststeiermark. Mehr als 50 Mitarbeiter, die aufgrund einer Beeinträchtigung am "ersten" Arbeitsmarkt nicht bestehen konnten, verdienen hier ihr Einkommen. "Das Dienstleistungsangebot hat sich im Laufe der 16-jährigen Geschichte immer weiter entwickelt. Es umfasst heute Erhaltungs- und Reinigungsarbeiten, Holz- und Montagearbeiten, ein Kleinbaustellenservice, eine KFZ-Werkstätte und einen Lebensmittel-Laden", erklärt der Leiter der "Hausmasters" Peter Herbitschek. Kaum jemand im Bezirk Weiz hält einen Jahresumsatz von 1,8 Millionen Euro für möglich. Zwei Drittel des Umsatzes werden selbstständig erwirtschaftet. Nur ein Drittel geht auf Förderungen von Lohnkosten und Sozialpädagogischer Leistung wie etwa Betreuung zurück. "Diese Förderungen sind notwendig. Ohne sie können wir den Betrieb nicht weiterführen", sagt Herbitschek. Er ist froh, dass alle Mitarbeiter ein fixes Dienstverhältnis haben, denn "so bekommen alle einen Lohn, zahlen Lohnsteuer und Sozialversicherung. Und jedem steht eine Pension zu".

Jeder Handgriff sitzt

Der Tagesmenüplan steht fest: Gemüsestrudel mit Kartoffel-Gurken-Salat. Im "Incafé" in der Grazer Münzgrabenstraße werden am Vormittag alle Vorbereitungen für die stressige Mittagszeit getroffen. "Jetzt ist es noch ruhig, aber ab halb zwölf geht es so richtig los, dann ist alles voll", sagt die Betreuerin Gudrun Marat. Während in der noch relativ entspannten Zeit ein wenig geblödelt wird, fährt ein weißer LKW vor. Die Lieferung der Lebensmittel ist da. Nun sind schnelle Handgriffe gefragt. Kurze Anweisungen der Begleiterin reichen aus, um Mehl, Zucker, Schafskäse und Spirituosen an den richtigen Ort in der Küche zu verfrachten. Die Mitarbeiter des "Incafés" vom Verein "Jugend am Werk" beweisen sich als eingespieltes Team.

Darunter auch Robert Posch. Seit 1994 ist er im Verein, und seit der Eröffnung vor zwei Jahren hier im "Incafé". Als Robert Posch in der Küche anfing, hatte er Probleme, das Messer zu halten - jetzt schneidet er das Gemüse wie ein Profi. "Die Entwicklungsschritte aller, die hier arbeiten, werden immer wieder dokumentiert", erklärt Marat. So sei es möglich, sich immer wieder neue Ziele zu stecken. Die Leiterin Veronika Candussi sieht das "Incafé" als ein zukunftsweisendes Vorzeigeprojekt: "Weil das Restaurant in die Gesellschaft integriert ist, kann es als offene betreute Werkstätte betrachtet werden. Die Bevölkerung nimmt es als Angebot an. So bekommen die Mitarbeiter das Gefühl, etwas für die Gesellschaft zu leisten." Die große Vision des "Incafés": Ein Sprungbrett hin zur Wirtschaft zu sein. Candussi ist darauf stolz, dass bereits einige ihrer Mitarbeiter in anderen Betrieben Praktika machen.

Ausgleichstaxe statt Beschäftigung

Zwei verschiedene Arbeitsplätze, ein Thema: "Arbeit und Behinderung". Auf die Frage, "Was machst du eigentlich?", antworten Menschen überwiegend mit ihrem Beruf. Egal, ob mit oder ohne Behinderung, für alle Menschen nimmt die Arbeit einen wesentlichen Bestanteil im Leben ein.

Das Gesetz verlangt, dass in Österreich Betriebe und öffentliche Einrichtungen pro 25 Mitarbeiter einen Menschen mit begünstigter Behinderung einstellen. Als begünstigt behindert gilt eine Person, dessen Beeinträchtigungsgrad über 50 Prozent liegt. Erfüllen Betriebe diese Quote nicht, schaffen sie also keine geschützten Arbeitsplätze, müssen sie monatlich eine Ausgleichstaxe von 248 Euro pro nichterfüllten geschützten Arbeitsplatz bezahlen. Ab 100 Mitarbeitern steigt die Taxe auf 348 Euro an. Ein Betrag, den sich viele Betriebe gerne leisten. Die aktuellsten Aufzeichnungen des Sozialministeriumservices aus dem Geschäftsbericht 2014 zeigen, dass nur 21,8 Prozent der 18.899 einstellungspflichtigen Dienstgeber in Österreich ihre Beschäftigungspflicht erfüllen - die große Mehrheit zahlt. Die Arbeitssituation von Menschen mit Behinderung sieht in Österreich düster aus. Nach Statistiken des Arbeitsmarktservices (AMS) waren im Juli 2015 exakt 64.772 Menschen mit Behinderung arbeitslos. Dieser Anteil macht mehr als 20 Prozent der Gesamtarbeitslosigkeit in Österreich aus. Die meisten von ihnen beziehen Mindestsicherung. Laut Eva Skergeth-Lopic, Geschäftsführerin der Chance B in Gleisdorf, ist diese Zahl mit Vorsicht zu genießen":"Länder und Bund haben unterschiedliche Definitionen für den Begriff Behinderung. Deshalb werden auch nicht alle, die beeinträchtigt sind, in den Statistiken berücksichtigt."

Sparstift angesetzt

Das Behindertenwesen ist Landessache, und wird deshalb in jedem Bundesland anders geregelt. Die steirische Landesregierung will mit einer Novellierung des Behindertengesetzes vermehrt auf das Thema "Inklusion" eingehen. Im Zuge dessen wurde jedoch auch die bestehende Leistungs- und Entgeltverordnung (LEVO) überarbeitet. "Mit der LEVO stehen oder fallen die finanziellen und pädagogischen Ressourcen in der Behindertenarbeit. Alle Einsatzmöglichkeiten der Behindertenhilfe sind davon abhängig", sagt Werner Gobiet, Vorstand des Dachverbands der Steirischen Behindertenhilfe. Aufgrund der Knappheit der Ressourcen, die sich aus der Novellierung ergeben, sieht er in vielen Fällen nicht mehr eine pädagogische Unterstützung von Menschen mit Behinderung, nur noch ein "Aufbewahren".

Dass die berufliche Eingliederung in betriebliche Arbeit und der Lohnkostenzuschuss für Menschen mit Behinderung gestrichen werden, ärgert die Geschäftsführerin der Chance B. "Dies gefährdet die dauerhafte Aufrechterhaltung der Selbsthilfefirma Hausmasters", sagt sie.

In der Novelle sieht Gobiet eine versteckte Gefahr: "Das Ziel, Menschen mit Behinderung aus den Tageswerkstätten hinaus in betriebliche Beschäftigungsverhältnisse am ersten Arbeitsplatz zu begleiten und ihnen eine Berufsausbildung oder ein regulär bezahltes, sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis zu ermöglichen, wäre wohl sehr begrüßenswert, würden nicht die gekürzten Ressourcen dies unmöglich machen."

Auch wenn der "erste" Arbeitsmarkt wünschenswert wäre, erweist sich dieser unter ungeeigneten Bedingungen für viele Menschen mit Behinderung als verhängnisvoller Stolperstein. "Darin liegt auch das Gründungsmotiv der Firma "Hausmasters", sagt der Leiter Peter Herbitschek. Für ihn steht eines fest: "Einige Menschen mit Behinderung bräuchten einen eigenen Arbeitsmarkt, in dem sie das Arbeitsumfeld vorfinden, das auf ihre Bedürfnisse eingeht." Damit aber alle so einen passenden Arbeitsplatz wie Tischlerhelferin Sabine Pecovnik finden, müsste es viel mehr Förderungen geben.

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