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Mutter und Tochter ihrer Zeit

Historische Quellen haben die Eigenart, eine Geschichte zu erzählen, die erst im Kontext richtig zu lesen ist. Für frühere Zeiten sind Quellen oft nicht ausreichend vorhanden. Forschen läßt sich über Herrscher, Päpste, Menschen, die vor allem in wirtschaftlichen, politischen, herrschaftlichen Belangen an die Öffentlichkeit getreten sind. Sie haben Urkunden besiegelt, werden als Zeugen genannt. Treten als Stifter oder Verbrecher auf. Dann besteht die Chance, daß etwas über ihr Leben überliefert wird. Keine Frage, das meiste Material aus dem Mittelalter hat vor allem über das Leben von Männern Aufschlußreiches zu bieten.

Eine große Ausnahme stellen die historischen Quellen dar, die über das Leben der Hildegard von Bingen, ihre Visionen und Erkenntnisse, berichten. Um ihnen gerecht zu werden, muß man aber deren Typus betrachten. Ihre Lebensbeschreibungen, die kurz nach ihrem Tod von Mönchen niedergeschrieben wurden, folgen einem bestimmten Schema, das der hagiographischen Literatur zuzuordnen ist. Das heißt, die Texte wollen zum Ausdruck bringen, welch außergewöhnliches und vorbildhaftes Leben die geistliche Frau Hildegard gelebt hatte. Vorbild für Männer und Frauen, die, was zu dieser Zeit gar nicht anders vorstellbar gewesen wäre, verpflichtet waren, nach christlichen Überzeugungen zu leben. So eine Vita, eine Lebensbeschreibung, hat nicht den Charakter eines Dokumentarfilms, der lückenlos über ein Leben Aufschluß geben soll, sondern sie ist von vornherein eine Deutung: Hildegard galt den Autoren als Heilige, als charismatisch begabte Außergewöhnliche.

Geboren wurde Hildegard 1098 in Bermersheim bei Alzey in Rheinhessen. Ihre Eltern waren der edelfreie Hildesbert von Bermersheim und Mechthild, die ihr zehntes Kind, Hildegard, schon mit acht Jahren der Obhut Jutta von Sparheim übergaben. Dort lebte Hildegard nach der Regel des heiligen Benedikt in einer Klause beim Disibodenberger Mönchskloster. Dieses Kloster erlebte seine Blüte in den Jahren 1108-1143.

Es entsprach durchaus der Zeit, daß Kinder schon in ganz frühen Jahren von ihren Eltern für ein Leben im Kloster bestimmt wurden. Schon die Regula sanctarum virginum aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts bestimmte das Mindestalter für den Klostereintritt mit sechs bis sieben Jahren. Mit der Begründung, daß man in diesem Alter Lesen, Schreiben und Gehorsam lernen könne. Auch später erzählen die Quellen über noch jüngere Mädchen, die auf den Wunsch ihrer Eltern, Vormunde oder wegen widriger Umstände in Klöstern aufwuchsen. Oft war von einer freiwilligen Entscheidung der Mädchen keine Rede. Freiheit kann aber auch keine Kategorie sein, unter deren Gesichtspunkt das Leben von Frauen zu dieser Zeit betrachtet wird.

Hildegard bezeichnete sich mit Vorliebe als indocta, als Ungelehrte. Aber in ihrer Kindheit und Jugendzeit wurde ihr eine sehr gute Ausbildung zuteil.Vor allem durch den Disibodenberger Mönch Volmar, der sie bis zu seinem Tod 1173 begleitete. In ihrer Vita wird berichtet, daß Hildegard von Kind an außergewöhnliche Begabungen besaß. Die Gabe der "Schau Gottes", erstrebenswertestes Talent des mittelalterlichen Menschen, der seine Begrenztheit oft schmerzlich erlebte und in der "Schau" die Aufhebung des Irdischen, Unausweichlichen, Endlichen sah. Ihre Begabungen lagen auch auf wissenschaftlicher Ebene und zeigten sich in spirituellen und künstlerischen Bereichen.

In den Werken Hildegards findet sich die Universalität des Denkens der Gelehrten ihres Jahrhunderts wieder. Sie verfaßte Schriften zu Theologie und Philosophie, zu Anthropologie und Kosmologie, Musik und Natur- und Heilkunde. Zehn Jahre lang (1141 -51) arbeitete sie am "Liber Scivias", ihrer Glaubenslehre, die Kosmologie und Anthropologie mit der Theologie verknüpft. Hier erschließt sich das Heilsmysterium in 26 Schauungen der Nonne. In den Jahren darauf befaßte sie sich mit einem Buch zur Lebenskunde, dem "Liber Vitae Meritorium", um in den letzten Lebensjahren, quasi als Zusammenschau, ihre Kosmosvisionen im Buch der Gotteswerke, dem "Liber Divinorum Operum" festzuhalten.

In ihrem Denken spiegelt sich das Heraustreten des mittelalterlichen Menschen aus dem unabwendbaren Schicksal, nicht durch eine kausale Veränderung der Umwelt, sondern durch eine Betrachtung des Lebens von einem reflektierten Standpunkt. Hildegard ist die erste Frau, von der überliefert ist, daß sie heraustritt aus dem zyklischen Leben, um es auf seine Kostbarkeit hin zu betrachten. Sie ist die erste, von der wir in diesem Zusammenhang durch die Quellen erfahren, und dadurch ist sie selbst "Quelle" geworden, das Leben der Menschen dieser Zeit besser zu verstehen. Es ist nicht anzunehmen, daß sie die erste Frau war, die in dieser Art ihr Dasein wahrgenommen hat, aber aufgrund ihrer ausgeprägten Persönlichkeit gelang es ihr, sich Gehör zu verschaffen und "schriftlich" zu werden.

Das Leben der Hildegard von Bingen fällt in eine der spannendsten Zeiten des Hochmittelalters. Ihre Geburt fällt in ein Jahrhundert, in dem es zum Großen Schisma (1054) zwischen der Ostkirche mit ihrem Zentrum in Byzanz und der römischen Kirche gekommen war. Papst Gregor VII. (1073-1085) versuchte durch sein dictatus papae eine Reform der katholischen Kirche mit aller Gewalt durchzusetzen. Und im 12. Jahrhundert, in das der Großteil ihres Lebens fiel, fanden nicht nur Kreuzzüge, drei Laterankonzile, philosophische wie theologische Blütezeiten, sondern auch das erstaunlichste Phänomen des Mittelalters: die neuen Armutsbewegungen ihren fruchtbaren Boden. Zeitgenossen der Hildegard waren: Anselm von Canterbury ( 1109), Petrus Abaelard (1079- 1142), Bernhard von Clairvaux (1090-1153), und Hugo von St. Victor ( 1141). Das Wormser Konkordat brachte eine Lösung des Investiturstreits in Sicht, die Reformbenediktiner bauten die prächtige romanische Kirche von Cluny (1130), während in St. Denis zur gleichen Zeit der Beginn der Gotik festzumachen ist. Selbst für Österreich kann ein bedeutsames Datum in dieser Zeit gefunden werden: 1156 wurden die Babenberger zu Herzögen ihres kleinen Reiches.

Hildegard selbst wird in ihren Lebensbeschreibungen als Seherin, als Prophetin und Mystikerin geschildert. In einer Intensität, die sich zu dieser Zeit bei keiner anderen Frau finden läßt. Die selbst immer wieder von Krankheiten Zurückgeworfene sieht in der Kraft Gottes den Ursprung allen Werdens und Seins. Diese Viriditas, die "Grünkraft", die sich in der ganzen Schöpfung wiederfinden läßt, zieht sich durch ihre theologischen Abhandlungen und wird zum Schlüsselbegriff in Hildegards Weltbild und bedeutet im Gegensatz zu ihrer eigenen Kränklichkeit und Schwäche: Lebenskraft, Lebensfülle. Zu erreichen in einem tugendhaften Leben, in einer geistigen Existenz. Verwirklicht in den Personen von Jesus und Maria.

Hildegard, die ein berührend natürliches Verhältnis zur Beziehung zwischen Mann und Frau in ihren Texten an den Tag legte, konnte mit ihrer eigenen Situation als Frau in der Kirche längst nicht so viel anfangen. Sie war zeitlebens zerrissen zwischen der Aufgabe, für ihr Frauenkloster selbstbewußt zu sorgen, und sich gegen die Mönche des Disibodenberges, die auf angestammten wirtschaftlichen Vorteilen beharrten, zu wehren und andererseits der Auflage der Demut nicht zu offensichtlich zuwiderzuhandeln.

Ähnlich wie Teresa von Avila, die Jahrhunderte später von sich sagte: "Ich bin ein Weib und obendrein kein gutes", mußte sie mit der Tatsache leben, als Frau nie die gleiche Bildung erhalten zu können.

"Ich, erbärmlich und mehr als erbärmlich in meinem Sein als Frau", schrieb Hildegard in einem Brief an Bernhard von Clairvaux, "schaute schon von meiner Kindheit an große Wunderdinge." Den berühmten Abt bittet sie um Rat, ob sie ob ihrer Ungelehrtheit nicht besser schweigen sollte? Bernhard antwortete: "Wir freuen uns mit dir über die Gnade Gottes, die in dir ist. Und was uns angeht, so ermahnen und beschwören wir dich, daß du sie als Gnade erachtest und mit der ganzen Liebeskraft der Demut und der Hingabe entsprichst." Ein Freibrief eines der bedeutendsten Theologen der Zeit, weiter zu predigen!

Hildegard schrieb Briefe an die ganze damals bekannte Welt. Mahnend wendet sie sich an Kaiser und Päpste. Sie findet leidenschaftliche Worte, um Mißverständnisse anzuprangern, erdreistet sich gar, Friedrich Barbarossa "Dummkopf" zu nennen.

Zahlreiche Missions- und Predigtreisen nahm die Nonne trotz der Mühsalen mittelalterlichen Reisens auf sich, um ihren Hof- und Visitationspflichten nachzukommen: Sie nützte die Gelegenheit zu predigen. Einige dieser Predigten sind festgehalten worden. Gar nicht zimperlich geht sie mit den Klerikern ins Gericht, fordert dringend notwendige Reformen: "Ihr seid Nacht, die Finsternis atmet, ein halsstarriges Volk, das vor lauter Wohlstand nicht mehr im Lichte wandelt."

300 Jahre später wurden Prediger verbrannt, die sich mit solcher Vehemenz gegen die Mißstände im Klerus gewandt hatten. Hildegard liefen auf ihren Missionsreisen die Menschen in Scharen zu. Sie ließen sich, so berichten die Erzähler, von ihr ermahnen und heilen. In den Quellen wird Hildegard "Magistra" genannt. Ein Titel, der Kirchenlehrern zuerkannt wurde. Ein Zugeständnis der meisten Zeitgenossen an ihre theologische Kompetenz. Gegen Ende ihres Lebens setzte sie diese Macht ein und wäre beinahe gescheitert am Unwillen mancher Kleriker.

Im Jahr 1177 gestattete Hildegard das Begräbnis eines jungen Mannes auf dem Klosterfriedhof, der bis kurz vor seinem Tode im Kirchenbann stand. Als die geistliche Obrigkeit davon erfuhr, verlangte sie die sofortige Entfernung des Leichnams vom klösterlichen Gottesacker. Hildegard selbst soll, mit über achtzig Jahren, das Grab unkenntlich gemacht haben, um eine Exhumierung zu verhindern. Spätestens zu diesem Zeitpunkt wird klar, daß sie sich niemals einem ihrer Meinung nach ungerechten Urteil beugen würde. Das Interdikt wurde über ihr Kloster verhängt, Gottesdienst mit Gesang und Sakrament verboten. Das bewegte die greise Nonne, noch einmal auszuholen und in einem Brief an die Mainzer Prälaten eine Theologie der Musik niederzuschreiben. Die hohen geistlichen Herren sollten sich in acht nehmen, "damit der Satan, der den Menschen der himmlischen Harmonie und den Wonnen des Paradieses entriß, sie nicht übers Ohr haue." Und: "Menschen, die der Kirche in bezug auf das Singen des Gotteslobes Schweigen auferlegen, begehen Unrecht auf Erden, da sie Gott die Ehre des ihm zustehenden Lobes rauben." Wenige Monate vor ihrem Tod wurde das Interdikt durch Erzbischof Christian von Mainz, der monatelang in Rom beim 3. Laterankonzil festgehalten worden war, wieder aufgehoben. In seinem Brief an Hildegard bedauerte er, was den Ordensfrauen durch das Interdikt auferlegt worden war.

Hildegard hatte eine Art "magnetische Anziehungskraft" auf ihre Umwelt. Ihre Popularität unter den Zeitgenossen war bemerkenswert und spiegelt sich deutlich in den Berichten um ihren Tod. Ihr wurde eine Verehrung zuteil, die der kirchlichen Obrigkeit bald zu weit ging. Die Berichte über "süßlichen Geruch", der von ihrem Grab aufgestiegen sein soll, entspricht den Formeln einer hagiographischen Berichterstattung, die Chronisten wollten ihre Bedeutung unterstreichen. Die Wunder, die sich an ihrem Grab ereigneten, sollten den Grad ihrer Heiligkeit bezeugen.

Interessant ist, daß es doch nie zur offiziellen kirchlichen Heiligsprechung gekommen ist. Historiker vermuten, daß vor allem die Ereignisse in ihren letzten Lebensmonaten und das Interdikt, daß sie sich durch ihren Widerstand und Mut zugezogen hatte, die kirchlichen Untersuchungsbehörden zögern ließen. Die verschiedenen Versuche, sie heiligzusprechen, verliefen im 15. Jahrhundert endgültig im Sand.

Daß Hildegard dennoch im Heiligenkalender geführt wird, verdankt sie der Verehrung vieler. Durch Zeitgenossen, und durch Jahrhunderte hinweg wurde die spröde, kluge und unbeugsame Frau verehrt und erlebt heute einen neuen Höhepunkt ihrer Bedeutsamkeit für viele Menschen.

Die Autorin ist Historikerin und Religionsjournalistin im ORF-Fernsehen.

Buchtip Die Welt der Hildegard von Bingen Von Heinrich Schipperges. Herder Freiburg 1997, 160 Seiten, geb., öS 496,

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