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Nachbarn in der Zwickmühle

Alle Nachbarländer wittern im irakischen Chaos die Chance, ihre eigene geostrategische Position zu stärken. Jedoch bergen die Turbulenzen auch für sie enorme Risiken.

Gott soll einst zwischen dem Euphrat und Tigris das Paradies geschaffen haben. Doch solange menschliches Denken zurückreicht, tobten hier Kriege, war Mesopotamien, etwa das Gebiet des heutigen Irak, von alters her heiß umkämpft.

Fast fünf Jahrhunderte lang stand das Land im Zentrum gewaltsamer Rivalitäten zwischen den mächtigen Nachbarn, dem persischen und dem osmanischen Reich. Schah Ismali, der Safawiden-Herrscher Persiens, eroberte 1508 dieses strategisch so wichtige Gebiet, nur um es sechs Jahre später an den osmanischen Sultan Selim I. zu verlieren. 1520 gelang es Persien erneut, den Irak zu unterwerfen, doch wieder nur für vierzehn Jahre, bis es ihm der osmanische Sultan Suleyman der Glorreiche entriss.

Chaos mit langer Tradition

Das ewige Tauziehen um den Besitz Mesopotamiens war die Folge steter Veränderungen in einem äußerst delikaten militärischen Gleichgewicht zwischen den beiden islamischen Reichen Persien und der Türkei. Keine der beiden Mächte konnte den Rivalen entscheidend besiegen, keinem gelang es, die arabischen Bewohner des Iraks langfristig zu unterjochen. Doch beide Staaten versuchten es immer und immer wieder, bis sie schließlich ihre Konflikte auf Grenzgebiete beschränkten und die lokalen Stämme für ihre Machtinteressen einsetzten.

Das heutige Chaos im Zweistromland trägt deutliche Züge dieser alten gewalttätigen Traditionen. Eineinhalb Jahre nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein zeigt sich immer deutlicher, dass der Irak nur dann zu Ruhe, zu Stabilität und zu einer dauerhaften demokratischen Ordnung finden kann, wenn die Nachbarn dies zulassen und darauf hinwirken. Im letzten Jahr versprachen sie das auch auf einer internationalen Konferenz im ägyptischen Scharm el Scheich. Sie bekannten sich zu freien Wahlen, zur Einheit des Landes und zu Stabilität. Zu diesem Zweck treffen sich Vertreter der Nachbarländer (zuletzt in Teheran) auch regelmäßig, um die Kontrolle über die langen Grenzen in teils wildem Terrain herzustellen, den heftigen Schmuggel von Geld, Waffen und Kämpfern zu unterbinden und damit der Rebellion gegen die von den usa geführten multinationalen Besatzungstruppen sowie die von Washington eingesetzte irakische Interimsregierung ihrer Grundlagen zu berauben.

Die Absicht ist redlich, doch sie überzeugt vorerst nicht. Alle Nachbarn wittern im irakischen Chaos die Chance, ihre eigene geostrategische Position zu stärken. Die Turbulenzen bergen jedoch auch für die Nachbarländer enorme Risiken. Zwar stimmen die Politiker der angrenzenden Länder darin überein, dass ein anhaltendes Chaos nur der apokalyptischen Vision Osama bin Ladens nützen werde. Dennoch ziehen sie eine Situation vor, in der der Irak zwar ein gewisses Maß an Stabilität erreicht, die usa jedoch noch so stark in die Entwicklungen verstrickt sind, dass sie ihre Aufmerksamkeit nicht anderen Regimen (wie dem Iran oder Syrien) zuwenden können. Zudem fürchten sie alle den Bazillus der Demokratie, von dem sie sich so lange so erfolgreich abschirmen konnten.

Einziger Gewinner ist Iran

Der einzige Gewinner der gegenwärtigen Situation ist vorerst der Iran. Der Sturz Saddam Husseins hat die "Islamische Republik" von ihrem Erzfeind befreit, der sie acht Jahre lang (1980 bis 1988) grausam bekriegte und den politischen Aufstieg schiitischer Glaubensbrüder jenseits der westlichen Grenzen Persiens blockierte. Auch wenn sich der "große Satan" usa am Tigris fest eingenistet hat, wird die lange unterdrückte schiitische Mehrheit im neuen Irak politisch den Ton angeben. Deshalb setzt sich auch Irans Präsident Mohammed Khatami für "prompte Wahlen" ein. Um den Wahlsieg islamisch orientierter Schiiten zu garantieren, lässt Teheran große Summen an ein halbes Dutzend Parteien fließen.

Irans langjähriger irakischer Verbündeter sciri (Höchster Rat für die islamische Revolution im Irak) unter Abdelaziz Hakim hat laut Meinungsumfragen Interimspremier Iyad Allawi längst überrundet. Und auch der Rebellengeistliche Moqtada Sadr, der sich mit dem einstigen Pentagon-Protege Ahmed Chalabi alliiert hat, liegt weit vorne im Rennen. Beide stehen den iranischen Geistlichen nahe. Durch umfangreiche soziale Hilfe insbesondere im Süd-Irak haben sich die Iraner zudem in den vergangenen Monaten unter der lokalen Bevölkerung beträchtliche Sympathien erkauft.

Neues Zentrum für Schiiten

Selbst die mächtige konservative Fraktion in Teheran hegt Interesse an einem gewissen Maß an Stabilität im Nachbarland - doch nicht zu viel, damit sich die Amerikaner um Teherans Kooperation zur Stabilisierung des Iraks bemühen müssen. Die Hoffnung mancher politischer Kreise im "Gottesstaat", das irakische Chaos eröffne dem Iran die Chance auf Aussöhnung mit dem alten Erzfeind usa, wurde spätestens durch den letzte Woche veröffentlichten Bericht der Zeitschrift The New Yorker und das darauf folgende Fernsehinterview von us-Präsident George W. Bush, in dem er einen Militärschlag gegen den Iran nicht ausschließen wollte, zunichte gemacht. Gleichzeitig versucht Teheran jegliche Provokation, die zu einer Eskalation der Spannungen führen könnte, zu vermeiden. Deshalb bieten iranische Regierungsvertreter Amerika auch immer wieder Hilfe an, dem ehemaligen Feind Irak aus der "misslichen Situation" zu helfen.

Doch so sehr Teheran ein ihm freundlich gesinntes Regime am Tigris begrüßen würde, beunruhigt die herrschenden "Gottesmänner" auch die Aussicht auf ein rivalisierendes Zentrum des Schiismus im Zweistromland. Iraks führender Groß-Ayatollah Ali Sistani verficht - im Gegensatz zu den Erben des iranischen Revolutionsführers Khomeini - einen Islam, der sich weitgehend aus der Politik heraushält und Toleranz predigt. Sistani macht keinen Hehl daraus, dass er Nadschaf, die heiligste Stadt der Schiiten, wieder zum theologischen Zentrum des Welt-Schiismus aufbauen und viele Theologen, die in den achtziger Jahren vor den Repressionen Saddam Husseins in das iranische Qom geflüchtet waren, wieder heimholen möchte. Qom droht damit seine zentrale Stellung im Schiismus einzubüßen.

Der politische Aufstieg der irakischen Schiiten versetzt aber auch sunnitische Regime in den arabischen Nachbarstaaten, die beträchtliche schiitische Minderheiten beherbergen, in Unruhe. Insbesondere das saudische Königshaus sieht sich damit an zwei Fronten bedroht: Die in den Ölzentren des Ostens konzentrierten, traditionell diskriminierten Schiiten haben enge Bindungen an Groß-Ayatollah Sistani geknüpft. Zugleich stehen Saudi-Arabiens bedrängte Herrscher der Militanz sunnitischer Radikaler, von denen so manche den Weg über Syrien in den Irak finden, um dort die usa zu bekämpfen, weitgehend machtlos gegenüber. Ein Erfolg dieser Radikalen im Irak bedroht auch das Königshaus.

Unter massivem us-Druck versucht Syrien wiederum seit kurzem den regen Schmuggel vor allem an Waffen und Rebellen in den Irak Einhalt zu gebieten. Damaskus betrachtet seit langem die Fähigkeit, in der Region für Stabilität zu sorgen, als seine wichtigste strategische Karte. Der Erfolg einer demokratischen Entwicklung im Irak würde Syrien aber in eine einsame Insel des Anti-Amerikanismus und Pan-Arabismus in einem Meer pro-amerikanischer Nachbarn verwandeln.

Schaukelpolitik in Syrien

Anderseits fürchtet das syrische Regime den islamistischen Radikalismus, der innerhalb seines eigenen Landes schon lange auf den Sturz der Regierung sinnt. Und wie das jordanische Königshaus oder die türkische Regierung muss Präsident Baschar Assad einer starken anti-amerikanischen Stimmung im Land Rechnung tragen. Scharfe Maßnahmen, um die Unterstützung der Rebellion im Irak aus Syrien zu stoppen, drohen dem unpopulären Regime noch mehr Rückhalt im Volk zu rauben. So hat sich Assad zu einer heiklen Schaukelpolitik entschlossen. Um die Gefahr eines us-Schlags abzuwenden, beteuert Damaskus, es tue was es könne, um seine durchlässigen Grenze abzuriegeln. Doch es besteht kein Zweifel, dass Syrien angesichts der starken familiären Bindungen von Stämmen auf beiden Seiten der Grenze, sowie gemeinsamer ideologischer Interessen und alter Schmuggeltraditionen dazu gar nicht in der Lage ist.

Türken für Kurdenautonomie

Wie alle anderen Nachbarn, insbesondere jene, die kurdische Minderheiten beherbergen, beunruhigen auch die Türken die Turbulenzen im Irak, die zum Zerfall des Staates führen könnten. Doch Ankaras Position hat sich jüngst etwas abgemildert. In einem Brief an den amerikanischen Präsident hat der türkische Premier Recep Tayyip Erdogan signalisiert, dass die Türken nicht länger bereit seien ihren Schützlingen, der kleinen turkmenischen Minderheit im nord-irakischen Kurdistan, im Bedarfsfall militärisch zu Hilfe zu eilen. Angesichts der Aufnahme von Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union will Ankara offenbar seine strategischen Karten neu mischen und eine militärische Verwicklung im Nord-Irak - den einstigen osmanischen Wilayets (Provinzen) Mosul und Kirkuk), auf die türkische Nationalisten offiziell nie verzichteten - nicht mehr riskieren.

Ja selbst einem irakischen Bundesstaat mit weit reichenden autonomen Rechten für die Kurden widersetzen sich die Türken nicht mehr so vehement wie früher. In Ankara gewinnt vielmehr die Erkenntnis an Boden, dass eine kurdische Selbstverwaltung im Irak die eigene kurdische Minderheit nicht mehr zu Rebellionen gegen die Zentralregierung aufstacheln würde.

Anderseits ginge durch einen Zerfall des Iraks ein wichtiges strategisches Gegengewicht zum Iran verloren und die sich nach Europa sehnenden Türken hegen wenig Interesse daran, in diese unbequeme Rolle schlüpfen zu müssen. Denn auch wenn der Irak nicht das von Gott einst geschaffene Paradies ist, ganz ohne ihn auszukommen, vermögen alle Nachbarn doch auch nicht.

Die Autorin ist Nahost-Korrespondentin.

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