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Neue Mittelschule – eine Gesamtschule?

Die Schule beginnt – und damit die nächste Runde der Debatte zur Schulreform. Diese eröffnet Rupert Vierlienger, der über Jahre hindurch Lehrer ausbildete.

Das Wesensmerkmal der echten Gesamtschule (fortan kurz Gesamtschule) ist der Verzicht auf die Selektion der Zehnjährigen in Gymnasiasten und Hauptschüler. Weil die Neue Mittelschule (NM) diesen Verzicht nicht leistet, ist sie keine Gesamtschule, sondern bloß eine Variante der Hauptschule. Wäre es anders, müsste es doch zuletzt eine Serie von „Damaskus-Erlebnissen“ (Saulus – Paulus) gegeben haben, denn am „Run“ auf die NM nehmen ja auch Landesschulrats-Präsidenten und Hauptschuldirektoren teil, die Gegner einer gemeinsamen Sekundarstufe I sind. Der Zuspruch wird vor allem durch die finanzielle Mitgift ausgelöst: Die zusätzlichen sechs Lehrerstunden pro Klasse bereichern das curriculare Angebot und ermöglichen für einige Unterrichtsstunden das Zwei-Lehrer-System. Dass vereinzelt Lehrer aus der Sekundarstufe II mitarbeiten, ist eine willkommene Zugabe, aber kein wesentliches Ingrediens. (Dass beide für die Lehrerbildung zuständigen Ministerien an eine gemeinsame universitäre Lehrerbildung für die Sek. I denken, ist eine kräftige Geburtshilfe für die Gesamtschule!)

Weil ich den Verzicht auf Selektion als die „conditio sine qua non“ der Gesamtschule herausgestellt habe, sei das Augenmerk auf die schädlichen Folgen dieser Fehlkonstruktion gelenkt und vice versa auf den Gewinn, den der Verzicht brächte.

Vorweg: Ich würde kein Plädoyer für die Gesamtschule halten, wenn sie den besten Schülern Schaden zufügte. Ich hätte 1973 die Übungsschule für die Ausbildung der Hauptschullehrer an der Päd. Akademie der Diözese Linz nicht als Gesamtschule gegründet und meine gymnasialreife Tochter Lydia nicht „immatrikuliert“, wenn die Befürchtung vom Verkümmern der Eliten nicht schon damals von der Forschung entkräftet gewesen wäre. Dass sich 30 Jahre später die Siegerstaaten bei TIMSS, PISA und PIRLS als langjährige Gesamtschul-Nutzer erwiesen haben, war mir eine Genugtuung.

Es geht um einen Paradigmenwechsel

An die Eltern der 9 1/2-Jährigen gewendet möchte ich die Frage stellen, wie sie eine Schule empfänden, die ihnen die Schulwahlsorgen (beinahe) bis ans Ende der Pflichtschulzeit verschöbe? Der Wegfall der fehlerbesetzten Schülersortierung würde ihre Schule gerechter und humaner werden lassen! Ihre Kinder würden erleben, was Lydias Bruder Marcellinus, der 16-jährige Gymnasiast, gegenüber der 14-Jährigen in ihrem letzten Gesamtschuljahr als den eigentlichen Unterschied zwischen seiner und ihrer Schule bezeichnet hat: „Ich muss lernen, damit ich keinen Fünfer bekomme – und du kannst lernen, weil es dich interessiert!“

Er hat verstanden, dass es um einen Paradigmenwechsel geht: Um eine Schule, die weiß, dass man mit einem Löffel Honig mehr Fliegen fängt als mit einem Fass voll Essig! Um eine Schule, welche die Schüler nicht aneinander misst (Riegenbildung) und dabei zu gehässigem Rivalisieren anstachelt, sondern die Zusammenarbeit und das Helfen fördert. Nicht: „Übertriff den anderen!“ lautet ihre Devise, sondern: „Übertriff dich selbst!“

„Erfahren zu müssen, dass man unerwünscht ist“ und daher ausgegrenzt wird, ist nach Mutter Teresa die schwerste Krankheit, die einem zustoßen kann. Das gegliederte, das im Hinblick auf den Leistungsanspruch gestufte Schulsystem konfrontiert die Zehn- bis 14-Jährigen geradezu mit einem Syndrom von Ausgrenzungserlebnissen: vom Unerwünscht-Sein am Gymnasium bis zum Unerwünscht-Sein in der bisherigen Klassengemeinschaft (repetieren). Wer andauernd frustriert und vor den Kopf gestoßen wird, wem die Anerkennung und das Selbstwertgefühl, ja sogar die Freunde geraubt werden, der wird zur leichten Beute für die Clique, die sich zu einer schulischen Gegenkultur verschwört und den Lehrer in die Resignation treibt. Dann fallen Sätze wie: „In ana Stund bin i wieder draußen!“

Jede natürlich empfindende Mutter weiß um die Bedeutung des Vorbildes für ihr Kind. Weiß es auch die Schulpolitik? Im permanenten Ausgrenzungsprozess lässt sie die jeweils Schwächsten in ghetto-ähnliche Subgruppen abdriften, in denen die Vorbilder fehlen. Dort spiegelt sich der desinteressierte Blick des einen im desinteressierten Auge des anderen und die Lernmotivation bricht zusammen.

Die Gesamtschule nützt das didaktische Potenzial, das im „peer tutoring“ liegt, im Einsatz der sehr guten Schüler als Lehrmeister der Schwachen. Wer meint, die „Hilfslehrer“ müssten ihm als „Ausgebeutete“ leid tun, irrt! „Wenn die Begabten in das Belehren anderer involviert werden“, heißt es in einer amerikanischen Metastudie, „ergreifen sie Strategien auf höherer kognitiver Ebene, als wenn sie nur für das Bestehen ihrer Tests lernen.“ Welch ein Gewinn für den sozialen Reifungsprozess des jungen Trainers, wenn er bei diesem Tun entdeckt, dass die schulische „Pechmarie“ in gesamtmenschlicher Sicht durchaus eine „Goldmarie“ sein kann!

Das gegenwärtige System fördert Gleichmacherei

In einer elitär sein sollenden Klasse ist der Hochbegabte vom Mobbing bedroht, weil sein Lerneifer die Latte für alle in die Höhe treibt. In der Gesamtschule dagegen wird er bedankt!

Der „geborene Lehrer“ und das gegliederte System sind nicht kompatibel! Wenn er beispielsweise in einer der oberen Riegen (gymnasiale Unterstufe, erste oder zweite Leistungsgruppe der Hauptschule etc.) einem Schüler begegnet, der seine Ausführungen nicht verstanden hat und daher bei der Schularbeit versagt, fühlt er sich bei seiner Schulmeister-Ehre gepackt und kramt in seiner pädagogischen Schatztruhe nach verbesserten Methoden. – Genau genommen versündigt er sich aber mit solchem Bemühen am Gesetz des gestuften Systems: Dieses provoziert doch Abstufung und Schulverweis! Wozu denn sonst gäbe es die niveau-verschiedenen Etagen? Die Systemgegebenheiten honorieren gleichsam die Rigidität des systemkonformen Lehrers und werfen seinem begabten Kollegen Prügel vor die Füße!

Wenn der Lehrer erwarten darf, ein sortiertes (und damit homogen sein sollendes) Schüler-Kontingent vor sich zu haben (sehr-, mittelmäßig- oder schlecht Begabte), kann er ohne Gewissensbisse zum Exerziermodell der Didaktik Zuflucht nehmen: gleiche Inhalte – in gleicher Weise – im gleichen Tempo und in der gleichen Zeit. (Ein Nährboden für die Schattenwirtschaft namens Nachhilfe mit einem Jahresumsatz von 165 Millionen Euro!) Er hobelt seine Schüler „nach der Schnur“ (Herbart) und steht mit dem gegliederten System im Dienste der Gleichmacherei. Groteskerweise aber wird dies von ideologisch verblendeten Gegnern der Gesamtschule vorgeworfen, ihr, die sich im Stile der besten Schulreformer vor 1933 auf individualisierenden Unterricht spezialisiert.

Bei gründlicher Analyse der Argumente im einschlägigen Schulstreit verstärkt sich der Verdacht, dass es gar nicht die Sorge um die gute Schule ist, welche die Gegner der Gesamtschule umtreibt, sondern das atavistische Moment des ständischen Denkens: „Mein Kind soll nicht mit Krethi und Plethi auf derselben Schulbank sitzen!“

Die Überzeugung, dass in die moderne Schule kein antidemokratischer Sprengsatz eingebaut sein darf, hat in den USA 1954 zum Gesetz gegen die Rassentrennung in den Schulen geführt. Nach mehr als einem halben Jahrhundert müsste unser Parlament nachziehen und für die Pflichtschulzeit ein Gesetz gegen die Trennung nach Leistung verabschieden.

Der Autor war Gründungsdirektor der Pädagogischen Akademie der Diözese Linz, lehrte Schulpädagogik an der Universität Passau, veröffentlichte 2009 „Steckbrief Gesamtschule“ (Böhlau)

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