Neuer Blick auf die Arabische Welt

Die arabischen Revolutionen bezeugen die grundlegenden Veränderungen der arabischen Welt. Doch europäische Betrachter unterliegen in ihrer Analyse manchem Irrtum. Eine Analyse.

Die Ereignisse in Libyen und anderen Staaten sprechen scheinbar gegen die großen Hoffnungen, die die Revolutionen in Tunesien und Ägypten produziert haben. Gewaltsame Unterdrückung und Bürgerkrieg scheinen denjenigen recht zu geben, die eine Rückkehr zur Realpolitik einfordern. Es soll sich wieder mal alles geändert haben, damit sich nichts ändert.

Die Annahme, Revolutionen führten direkt zu demokratischen Gesellschaften, ist sicherlich idealistisch. Revolutionen sind keine linearen Prozesse; sie schwanken zwischen Beharrung und Bewegung.

Aber: Die arabischen Revolutionen des Jahres 2011 bezeugen die grundlegenden Veränderungen in der arabischen Welt. Dass noch keine fertigen Pläne zur gesellschaftlichen Neuordnung vorliegen, ist nicht verwunderlich. Ein Kenner revolutionärer Entwicklungen, Leo Trotzki, hat schon zur russischen Revolution 1917 geschrieben: “Die Massen gehen in die Revolution nicht mit einem fertigen Plan zur gesellschaftlichen Neuordnung hinein, sondern mit einem scharfen Gefühl der Unmöglichkeit, die alte Gesellschaft länger zu dulden.” Dies ist der Moment, den die Menschen in der arabischen Welt jetzt erleben. Aus diesem Moment können demokratische Gesellschaften entstehen, Hybride mit autoritären und demokratischen Zügen oder auch Diktaturen. Das ist abhängig von der Lage in den einzelnen arabischen Gesellschaften.

Cliquenherrschaft und Bildung

Gemeinsame Elemente gibt es allerdings in arabischen Gesellschaften: Die Blockierung des politischen und sozialen Systems durch kleine Cliquen. Die Jugend ist über viele Jahre in den Zustand der “waithood” gezwungen, ein Kunstwort für den Zustand des quälenden Wartens zwischen Jugend und Erwachsensein, der sich über viele Jahre zieht. Dieser Zustand ist um so schwerer zu ertragen, weil eine medienproduzierte Globalisierung der Erwartungen, die Unmöglichkeit, sie zu erfüllen, um so stärker spüren lässt.

Ein wichtiges Ensemble von Elementen der Transformation der arabischen Gesellschaften (und darüber hinaus) ist bereits 2007 von Courbage/Todd in ihrer damals kaum begriffenen demographischen Studie “Die unaufhaltsame Revolution” benannt worden: Die steigende Alphabetisierung und die damit korrelierende steigende Geburtenkontrolle, verbunden mit einem Rückgang endogamer Ehen. All dies ist, so die Autoren, Ausdruck der Normalität der Entwicklung der arabischen Welt.

Es gibt aber keine einheitliche arabische Welt. Die Entwicklungen in den einzelnen Ländern unterscheiden sich sehr. In Tunesien geht es um die Weiterentwicklung der Revolutionen oder die Restauration möglichst vieler Teile des alten Systems. Libyen steht vor dem Abschluss des Aufstandes gegen das alte Regime, der noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird, und der Aufgabe, einen Staat neu zu begründen. In Marokko und Algerien ist die Lage trotz Protesten weiterhin stabil. Auch in Palästina wächst die Unzufriedenheit mit der alten Gesellschaft. Der Libanon ist blockiert von den etablierten politischen Lagern. Syrien befindet sich eher in einer Sackgasse. Die Proteste haben noch nicht jene kritische Masse erreicht, um die brutale Repression durch die Regierung zu stoppen. Das syrische Regime begeht Selbstmord in Zeitlupe, da es durch seine Gewalt die Spaltung des Landes vorantreibt. Bemerkenswert, dass die Protestbewegung, allen Versuchen religiöser oder ethnischer Spaltung widerstanden hat.

Bahrain, so steht zu befürchten, steuert auf einen politischen Stillstand zu, verstärkt durch die Anwesenheit fremder Truppen, ständige Verhaftungen von Oppositionellen und politisch produzierte kommunalistische Spaltungen zwischen Sunniten und Schiiten, vielleicht hin und wieder von Protestaktionen unterbrochen.

Jordanien und der Oman sind nach anfänglichen Protesten zur relativen Ruhe gekommen, trotzdem sind Spannungen vorhanden; Kuwait und die Vereinigten Arabischen Emirate sind relativ ruhig, auch Qatar und Oman sind es, im Westen Mauretanien. Die Menschen im Sudan und im Irak haben ihre spezifischen Sorgen. Eine vielfältige Welt! Eine Prognose zu wagen, wäre verwegen. Im Hintergrund warten regionale und transnationale politische, ökonomische und militärische Interessen, die Interventionen nicht abgeneigt sind und (zu)lange an scheinbarer ‚Sicherheit und Stabilität‘ interessiert waren.

Nur: Die Diktatur ist nicht das natürliche politische System ‚der Araber‘. Die Modernisierung der arabischen Gesellschaften hat gezeigt, dass es anders geht. Aber wie?

Sicherlich haben die ‚sozialen Medien‘ - aber auch Handys - zur Entstehung und Entwicklung der arabischen Revolutionen beigetragen; entscheidend sind aber die Straßen, Plätze und manchmal auch das Schlachtfeld. Schon vor 2011 war die Bedeutung von Internet und Mobiltelefonie für die politischen Transformationen in der muslimischen Welt bekannt. Es hat kaum jemanden interessiert, auch nicht die ‚Experten‘. Die arabischen Regime allerdings, die sich jetzt - wie gerade in Bahrain - noch stärker an die Verfolgung von Netzaktivisten und -nutzern machen, haben schon früh versucht, mit Repression darauf zu reagieren. Reale und virtuelle Welt sind nicht getrennt. Deshalb ist die freie Kommunikation so elementar für die Weiterentwicklung der arabischen Revolutionen. Deshalb setzt sich die tunesische Bloggerin Lina Ben Mhenni auch für “freien Zugang zu Informationen, die durch keinerlei Machtinstanz gefiltert oder manipuliert wurden”, ein und möchte die Garantie eines freien Internetzugangs in die tunesische Verfassung schreiben. Idealistisch? Eher realistisch, wenn einem die Demokratie eine Herzenssache ist.

Europas Angst vor dem Islam

Und der Islam? Zuerst einmal erscheint es banal, dass in einer Weltregion, in der die Mehrzahl der Menschen islamischen Glaubens sind, auch der Islam eine Rolle spielt. Der starre Blick von Europa aus auf die ‚islamische Gefahr‘ hat sicherlich den arabischen Regimen geholfen, da dadurch die autoritären Züge der Regime nicht mehr gesehen wurden. Islamische Gruppen und Parteien werden in der Zukunft eine Rolle spielen, wenn Chancengleichheit aller Kräfte gegeben ist, aber vielleicht keine große (siehe Indonesien). Allerdings könnten Teile der alten Regime versucht sein, sich mit autoritären islamischen Organisationen zu verbünden, um “die Vertiefung der Kultur der Partizipation” zu verhindern, der sich die ägyptische Facebook-Gruppe “Al Sawa” verschrieben hat.

Alle Versuche zur Restauration oder kosmetischen Modernisierung alter Geschäfte können aber die Erfahrungen des Jahres 2011 nicht auslöschen, so dass weiterhin die Chance auf - mehr oder weniger - demokratische Verhältnisse besteht.

Brauchen wir also wirklich einen neuen Blick auf die arabische Welt? Vielleicht sollten wir zuerst einmal wirklich auf die Menschen in der arabischen Welt schauen - und nicht auf unsere eigenen Fantasien und Begierden. Auf die Menschen, die zuerst einmal “ohne Furcht den Geschmack des Brotes und des Öls genießen” wollen, so der libysche Schriftsteller Giuma Bukleb.

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