Zivildienst - Dienst ohne Waffe: Mit neun Monaten dauert der Zivil- drei Monate länger als der Präsenzdienst. Rund 44 Prozent der Tauglichen entscheiden sich für den „Zivi“, 56 Prozent für das ­Bundesheer. - © APA / Hans Klaus Techt
Politik

Neun Monate ohne Waffe

1945 1960 1980 2000 2020

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Die Zahl der Zivildienstleistenden geht von Jahr zuJahr zurück. Doch was bedeutet das für die Lage in der Praxis? Ein Lokalaugenschein.

1945 1960 1980 2000 2020

Hilfsorganisationen schlagen Alarm: Die Zahl der Zivildienstleistenden geht von Jahr zuJahr zurück. Doch was bedeutet das für die Lage in der Praxis? Ein Lokalaugenschein.

Patrik Rotter strahlt über das ganze Gesicht. „Heute ist mein letzter Tag als Zivildiener“, jubelt er. Als Rettungssanitäter war er für das Wiener Rote Kreuz in den vergangenen neun Monaten im Einsatz. Wehmütig denkt der 20-Jährige an die vielen Erlebnisse und Erfahrungen in dieser Zeit zurück; an die zahlreichen Fahrten mit Blaulicht durch die Straßen der Stadt. Patrik Rotter ist einer von mehreren Tausend Männern, die jedes Jahr den Zivildienst anstelle des Bundesheeres leisten. Neun Monate dauert dieser heute – drei Monate länger als der Präsenzdienst beim Bundesheer.

Seit über zehn Jahren geht die Zahl der Stellungspflichtigen aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge zurück. Nur rund 46.500 junge Männer erhielten im Vorjahr Post von der Stellungskommission des Österreichischen Bundesheeres – zum Vergleich: 2008 waren es noch um knapp 10.000 mehr. Rund 44 Prozent der Tauglichen entschieden sich im Vorjahr für den Zivildienst; rund 56 Prozent für das Bundesheer. Die Zahl der Zuweisungen ging ebenso zurück, bestätigt die Zivildienstserviceagentur des Innenministeriums auf Nachfrage. Waren es 2015 noch 15.226, sank die Zahl im Vorjahr auf 14.600, bestätigt deren Leiter Ferdinand Mayer. Doch für ihn sei der Rückgang kein Anlass zur Sorge. Alleine im Vorjahr gab es die drittmeis­ten Zuweisungen seit der Einführung des Zivildienstes im Jahr 1975, erklärt er. Rund 5700 Zivildienstpflichtige (43 %) wurden im Vorjahr dem Rettungswesen zugewiesen; gefolgt von Einrichtungen in den Sparten Altenbetreuung und Behindertenhilfe. Insgesamt werden Zivildiener laut Innenministerium in über 1700 Trägerorganisationen eingesetzt. Deren Bedarf kann bis zu fast 90 Prozent gedeckt werden.

Eine der größten Einrichtungen, die Zivildiener heute beschäftigt, ist das Österreichische Rote Kreuz. Derzeit versehen in der Landesorganisation Wien 188 junge Männer ihren Dienst; 163 davon im Rettungsdienst. Auch das Wiener Rote Kreuz beklagt einen Zivildiener-Rückgang. Rund ein Viertel der aktuellen Stellen kann gegenwärtig nicht besetzt werden. Die Situation in Wien sei entspannter als in den anderen Bundesländern, da die Migration den Rückgang ausgleiche, so Alexander Preyer, Personalchef und Zivildienstverantwortlicher beim Wiener Roten Kreuz. Prekär sei die Lage noch nicht, da auf viele Freiwillige zurückgegriffen werden kann.

Alexander Preyer führt den Rückgang der Zivildienstleistenden auch auf die Wahrnehmung des Bundesheeres in der Gesellschaft zurück. Dieses habe es durch vermehrte Werbung geschafft, sich im Bewusstsein der jungen Männern positiver zu verankern. Außerdem dauere der Zivildienst heute um drei Monate länger als das Bundesheer, so Preyer. „Zivildiener leisten eine gesellschaftlich wertvolle Aufgabe. Ohne Zivildiener wäre unser Sozialsystem und das Rettungswesen um ein Vielfaches teurer“, sagt Rotkreuz-Präsident Gerald Schöpfer. „Wir stehen vor dem großen Problem, dass immer weniger Jugendliche für den Zivildienst oder das Bundesheer in Frage kommen.“ Hier brauche es dringend Lösungen von der Politik, fordert er. Das Rote Kreuz begrüße daher die aktuelle Diskussion über die Reform der Tauglichkeitskriterien. Österreich habe ein „Gesundheitsproblem“, das dringend behandelt werden sollte, so der Rotkreuz-Präsident

„Reality Check“ im Zivildienst

Damit das Interesse am Zivildienst bei jungen Männer weiterhin aufrecht bleibt, rührte Karoline Edtstadler, Ex-Staatssekretärin im Innenministerium, die Werbetrommel – in ihren Aufgabenbereich fiel der Zivildienst. Sie sehe in diesem eine „Erfolgsgeschichte“, wie sie sagte. Die letzte Reform solle eine bessere Qualifikation der Zivildiener in den Organisationen erreichen. In den Bundesländern werden auch die „Zivildiener des Jahres“ ausgezeichnet, um der Gesellschaft zu zeigen, welche Leistungen sie erbringen. Kein Thema für Edtstadler war die Verlängerung des Zivildienstes, um den Rückgang durch die geburtenschwachen Jahrgänge abzufedern.

Auch das Wiener Rote Kreuz beklagt einen Rückgang an Zivildienern. Rund ein Viertel der aktuellen Stellen kann gegenwärtig
nicht besetzt werden.

Der Rückgang der Zivildiener interessiert Markus M. nicht. Seit April versieht er seinen achtwöchigen Grundwehrdienst beim Bundesheer. „Ich würde das Land mit der Waffe verteidigen“, klingt der 20-Jährige im Gespräch mit der FURCHE patriotisch. Weshalb hat er sich bei der Mus­terung für den „Dienst mit der Waffe“ entschieden? Für ihn sei das Bundesheer in Österreich mit einem Haus vergleichbar, das von vornherein gut gebaut werden und auch auf einem sicheren Fundament stehen müsse, um möglichen Katastrophen besser standzuhalten. Zur „Standfestigkeit dieses Hauses“ möchte er beitragen, betont er. Sollten ihm die sechs Monate „taugen“, schließt er nicht aus, den Präsenzdienst auch zu verlängern. „Ich bin absolut kein Gegner des Zivildienstes“, hält der junge Mann fest. „Ich sehe ihn als einen notwendigen Beitrag für die Gesellschaft.“

„Auf unsere Organisation wirkt sich der Rückgang der Zivildiener nicht so dramatisch aus wie auf die anderen“, bestätigt Martin Saboi, Zivildienst-Koordinator bei der Caritas Wien. „Wir hätten aber gerne viel mehr Wunschkandidaten.“ Diese seien auch motivierter als die von der Zivildienst­agentur Zugewiesenen. Unter den vier Zuweisungsterminen sei jener im Oktober der weitaus beliebteste, da an diesem viele Maturanten beginnen, bestätigt er. Die meis­ten Zivildiener bringen viel an „jugendlichem Wissen“ in die Organisationen, das auch wertgeschätzt werde, meint Christian Schober, wissenschaftlicher Leiter des NPO- und SE-Kompetenzzentrums an der Wirtschaftsuniversität Wien. In einer im Jahr 2012 veröffentlichten Studie setzte er sich mit weiteren Autoren mit dem gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen des Zivildienstes in Österreich auseinander. Für die Mehrheit der für diese Studie befragten Zivildiener seien die erworbenen Fähigkeiten in der Ausbildung beziehungsweise im beruflichen Werdegang von Nutzen oder eher von Nutzen. Knapp ein Drittel gab an, dass der Zivildienst sie besser in die Gesellschaft integriere. Jährlich sollen rund 26 Prozent der Zivildiener nach dem Zivildienst als ehrenamtliche Mitarbeiter den Einrichtungen erhalten bleiben, bestätigt Christian Schober. Beim Wiener Roten Kreuz sei es jeder zweite Zivildiener im Rettungsdienst, der nach dem Zivildienst wieder zurückkomme, so Alexander Preyer.

Viele junge Menschen erleben den Zivildienst bei der Caritas als einen „Reality-Check“, so Saboi. Sie kommen dabei erstmals mit Menschen am Rande der Gesellschaft – etwa mit Obdachlosen – in Kontakt. Mit ihnen zu reden oder Karten zu spielen – dafür hätten die Hauptamtlichen heute auch immer weniger Zeit, bedauert Martin Saboi. „Hier kommen dann die Zivis ins Spiel.“ Sie gefährden auch keinen einzigen Arbeitsplatz eines Hauptamtlichen, da sie bei der Caritas Wien nur Hilfstätigkeiten übernehmen. Ohne sie würde vielleicht die Qualität der Arbeit zurückgehen, ist der Zivildienst-Verantwortliche der Caritas überzeugt.

Faktor Berufsausbildung

In der Gesellschaft werde durchaus wahrgenommen, dass Zivildienstleistende einen essentiellen und entscheidenden Beitrag zum Gesundheitswesen leisten, so Alexander Preyer. Für viele soziale Einrichtungen seien Zivildiener nicht nur eine wichtige Stütze; sie erhalten oft auch eine Berufsausbildung, die sie weiterbringt – beim Wiener Roten Kreuz können sie Rettungssanitäter werden. „Ich habe mich ganz bewusst für den Zivildienst entschieden“, erzählt ­Patrik Rotter. „Weil ich danach Medizin studieren möchte.“

Als Exot gelte er unter seinenFreunden nicht. So wie er, entschieden sich viele seiner Freunde für den Wehrersatzdienst. Dass der Dienst ohne Waffe nur etwas für „Schwächlinge“ sei, dieser Sichtweise erteilt er eine Absage. „Kraft und Ausdauer werden von einem Zivildiener genauso verlangt wie von einem Soldaten.“ Larifari sei der Dienst ohne Waffe daher bestimmt nicht. Patrik Rotter wird dem Wiener Roten Kreuz auch weiterhin die Treue halten, sagt er. „Ja, ich komme als Ehrenamtlicher zurück“, erzählt er. „Ganz bestimmt.“

Furche Zeitmaschine Vorschau