Österreich im großen Zusammenhang gedacht

Fast keine Würdigung von Gerald Stourzh kommt ohne den Hinweis darauf aus, dass er, der "Staatsvertragshistoriker“, just am 15. Mai, dem Tag der Unterzeichnung, geboren wurde. Genau 26 Jahre vor dem historischen Ereignis - was heißt, dass Stourzh, man glaubt es kaum, zum 85. Geburtstag zu gratulieren ist.

Tatsächlich wird der Name Stourzh in erster Linie mit der Erforschung der Jahre 1945 bis 1955, des langen Weges zum Staatsvertrag und damit zu Freiheit und Unabhängigkeit, in Verbindung gebracht. Seine einschlägigen Darstellungen dürfen als die Standardwerke schlechthin gelten. Dass seine umfassende humanistische Bildung weit darüber hinausreicht, ist freilich unbestritten. So hat Stourzh etwa anlässlich des 100. Geburtstags von Albert Camus im Vorjahr einen Beitrag für die FURCHE verfasst, in dem er dem Verhältnis des Autors zu Bibel und Christentum nachspürte (Nr. 45/13).

Menschenrechte und Menschenwürde bilden das Substrat seiner Arbeit, seiner historischen Forschungen, die zu einem gewichtigen Œuvre gewachsen sind. Stourzh selbst hat immer wieder die Prägung durch die "starken antinationalsozialistischen Überzeugungen meiner Eltern“ betont. "Ein engagierter Christ mit halb liberalen, halb sozialistischen Idealvorstellungen. Ein überzeugter Demokrat mit dem elitären Bewusstsein eines Bildungsbürgers adliger Herkunft“: So beschrieben die Historiker Helmut Wohnout und Thomas Angerer Herbert Stourzh, den Vater († 1941). Der Sohn notierte einmal über sich selbst: "Mein lebenslanges Interesse für öffentliche Angelegenheiten […] wurzelt in meiner frühen Erfahrung des Primats der Politik.“

Gerald Stourzh, verwitweter (mittlerweile wieder verheirateter) Vater dreier erwachsener Töchter, ist einer der selten gewordenen Vertreter eines Bildungsbürgertums, das freilich nichts mit jener Karikatur zu tun hat, die "fortschrittliche“ Geister gerne mit diesem Etikett herumreichen: Bei ihm ist der Begriff inhaltlich gedeckt: durch Bildung und durch bürgerlich-liberale Haltungen, frei von Dünkel.

Dem Motto "Gegen den Strom“ (so der Titel eines Bandes mit Schriften seines Vaters) "blieb auch der Autor bis heute treu, wenn der Strom der Zeitdeutung in Richtung Simplifizierung, Oberflächlichkeit und Voreingenommenheit ging“, schrieb Hubert Feichtlbauer in dieser Zeitung zu Stourzhs 80. Geburtstag vor fünf Jahren. Dem ist nichts hinzuzufügen. Die FURCHE gratuliert dem Jubilar herzlich: Ad multos annos!

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