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"Ohne die USA zerfällt der Irak"

Der schiitische Geistliche Ayad Jamaluddin dankt den USA für die Befreiung von Saddam Hussein und wünscht sich einen säkularen Irak.

Ayad Jamaluddin ist der prominenteste schiitische Kleriker, der bei den irakischen Parlamentswahlen Mitte Dezember letzten Jahres nicht auf der Liste der Vereinigten Irakischen Allianz kandidierte, sondern auf der säkularen Liste von Ex-Übergangs-Premier Iyad Allawi. Jamaluddin lebte von 1979 bis zum Sturz Saddam Husseins im Exil in Dubai. Der passionierte Raucher kubanischer Zigarren überlebte im Dezember 2005 einen Attentatsversuch von Terroristen, die er persönlich mit einer ak-47 in die Flucht zu schlagen versuchte.

Die Furche: Aufgrund der anhaltenden Sicherheitsprobleme gibt eine Debatte, ob die us-Politik im Irak versagt hat. Ist auch für Sie die Regierung Bush im Irak gescheitert?

Ayad Jamaluddin: Nein, die Amerikaner haben im Irak nicht versagt. Natürlich gibt es weiter Probleme und unser zentrales Problem heißt Terrorismus. Aber allein schon die hohe Wahlbeteiligung bei den letzten Wahlen zeigt, wie sehr wir Iraker die Demokratie wollen. Dazu benötigen wir immer noch die amerikanische Unterstützung im Kampf gegen den Terror, aber auch als Schiedsrichter zwischen den irakischen Parteien. Der derzeitige us-Botschafter in Bagdad, der ja selbst aus unserer Region stammt, spielt hier eine sehr positive Rolle.

Die Furche: Sie können den Argumenten für einen Rückzug der us-Truppen demnach nichts abgewinnen?

Jamaluddin: Zur Zeit brauchen wir die Amerikaner auf jeden Fall noch. Es gibt im Irak keine einzige relevante politische Kraft, die einen sofortigen Rückzug der Truppen verlangen würde. Über die Geschwindigkeit eines späteren Rückzugs gibt es Meinungsverschiedenheiten, aber nicht über die Notwendigkeit, derzeit weiter im Land zu bleiben. Die us-Truppen waren bislang nicht zuletzt auch ein Schutz gegen das zunehmende Rachebedürfnis der schiitischen Bevölkerung gegen die Terroristen.

Die Furche: Was wäre die Folge eines amerikanischen Abzugs?

Jamaluddin: Würden die usa sich jetzt zurückziehen, würde das Land in mindestens drei Teile zerfallen und zu einem Paradies für dschihadistische Terroristen verkommen. Das wäre nicht nur für den Irak, sondern für den ganzen Nahen Osten eine Katastrophe, denn der Irak ist ein Kernland der gesamten Region.

Die Furche: Zieht die Präsenz der Besatzungstruppen nicht auch den Terror internationaler Dschihadisten geradezu an?

Jamaluddin: Es gibt viele Araber die behaupten, dass der Terrorismus erst als Antwort auf die Besatzung der Amerikaner gekommen wäre. Das ist aber historisch nicht richtig. Bei uns gab es schon Terror, bevor Kolumbus Amerika entdeckt hat. Wir hatten historisch eine Situation, in der wir zwar die Rechte von Muslimen anerkannt haben, aber nicht die Menschenrechte aller Menschen. So waren etwa Christen und andere religiöse Minderheiten in den traditionell islamischen Gesellschaften benachteiligt. Diese Vergangenheit lässt sich nicht leugnen. Heute können wir aber versuchen, einen anderen Weg zu gehen. Ich jedenfalls danke den Amerikanern, dass sie uns von Saddam Hussein befreit haben, wie sie euch in Europa von Hitler befreit haben. In Europa hat man leider viel zu schnell vergessen, was die Amerikaner damit geleistet haben. Anstatt dankbar für die eigene Befreiung vom Faschismus zu sein, kritisieren die Europäer nun, dass die Amerikaner auch uns befreit haben.

Die Furche: Nach dem Anschlag auf die Moschee in Sammara, einem der wichtigsten schiitischen Heiligtümer, ist es zu Racheakten schiitischer Milizen gegen Sunniten gekommen. Schlittert der Irak in einen Bürgerkrieg?

Jamaluddin: Das wäre eine Katastrophe für den Irak und wir hoffen, dass alle Beteiligten mit Besonnenheit reagieren. Was die Durchsetzung der Scharia betrifft, entspricht dies den Intentionen einiger islamistischer Politiker, Parteien und lokaler Kommandanten, aber nicht denen der gesamten schiitischen Bevölkerung. Gerade in der Schia gibt die Tradition des Quietismus, der Nichteinmischung in Politik, der sich viele Geistliche verbunden fühlen.

Die Furche: Sie kandidierten als schiitischer Kleriker auf einer säkularen Liste. Warum?

Jamaluddin: Weil ein säkularer Staat auch für religiöse Menschen von Vorteil ist. Nur ein Beispiel: Wenn ich mit meiner Kleidung als schiitischer Geistlicher auf einem arabischen Flughafen eintreffe, erlebe ich regelmäßig Diskriminierung. In säkularen Staaten wie hier in Europa geschieht mir das nicht. Eine Trennung von Religion und Staat bringt auch für religiöse Menschen mehr Freiheit, ihre Form der Religion auszuüben.

Die Furche: Also auch religiöse Muslime würden von einem säkularen islamischen Staat profitieren.

Jamaluddin: So ist es. Gerade als schiitischer Geistlicher will ich keinen religiösen Staat, auch keinen schiitischen. Wenn sie die Entwicklung des schiitischen Klerus im Irak ansehen, muss man zwischen der Zeit vor und nach der Revolution von 1958 unterscheiden. Davor haben sich die schiitischen Geistlichen von jeder Politik ferngehalten und vertieften sich ganz in ihre religiösen Studien. Das änderte sich nach 1958, als Teile des schiitischen Klerus gegen die linksnationalistische Regierung aufbegehrten und sich damit politisierten. Mit der Gründung schiitisch-islamischer Parteien wurden erstmals auch Ziele wie die Errichtung eines islamischen Staates propagiert. Dieser Trend verstärkte sich noch durch die islamische Revolution im Iran. Als Folge dessen und der brutalen Unterdrückungspolitik Saddam Husseins ist jetzt die Mehrheit der schiitischen Geistlichen politisiert, was sie von den traditionellen religiösen Gelehrten unterscheidet. Ich selbst sehe mich aber eben in der Tradition dieser alten schiitischen Gelehrten, die keinen religiösen Staat wollten.

Das Gespräch führte Thomas Schmidinger.

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