"Papst soll Dalai Lama treffen!"

Hongkongs Kardinal Joseph Zen ist enttäuscht, dass Benedikt XVI. seinen Termin mit dem geistlichen Oberhaupt der Tibeter abgesagt hat, und fordert mehr Solidarität zwischen den Religionen in China. Von Wolfgang Machreich

Die chinesische Führung hat keine Angst vor dem Gebet, dafür umso mehr vor religiösen Organisationen. Das sagt der Hongkonger Kardinal Joseph Zen Ze-kiun kürzlich bei einer Pressekonferenz in Wien - und die aktuellen Ereignisse in Tibet bestätigen Zens Auffassung: Peking interpretiert die in der chinesischen Verfassung garantierte Religionsfreiheit ausschließlich individuell. Gebet oder Meditation sind für den einzelnen - ob katholisch oder buddhistisch oder … - erlaubt, sobald sich die Gläubigen jedoch zu einer Organisation außerhalb des Machtapparats formieren, greift die Zentrale ein.

Das ist auch der Grund, warum Peking keine religiöse Führung außerhalb ihres Einflussbereichs duldet: Keinen Dalai Lama, den hat man durch den so genannten Pantschen Lama, eine Pekinger Marionette, ersetzt, und keinen katholischen Bischof, der sich dem Papst in Rom verpflichtet fühlt. In China ist nur die 1957 vom kommunistischen Regime gegründete "Patriotische Vereinigung chinesischer Katholiken" zugelassen, die offiziell keine Kontakte mit dem Vatikan unterhalten darf und ihre Bischöfe unter staatlicher Aufsicht ernennt. Die papsttreue Untergrundkirche hingegen gilt als "vom Ausland gesteuerte subversive Organisation".

Ein besonders "subversives Element" ist in den Augen der chinesischen Regierung Kardinal Joseph Zen. Der Sohn eines Teehändlers aus Shanghai tritt in jungen Jahren in den Orden der Salesianer Don Bocos ein, studiert in Italien und arbeitet als akademischer Lehrer, bevor er 2002 zum Bischof von Hongkong ernannt wird. Vier Jahre später erhebt Papst Benedikt XVI. den 74-Jährigen zum Kardinal - die politisch brisanteste Kreation des Papstes, denn Zen hat schon in der Vergangenheit keine Gelegenheit ausgelassen, die chinesische Regierung zu kritisieren und die Kardinalswürde scheint ihn darin noch mehr zu bestärken: So fordert Zen die chinesische Regierung regelmäßig auf, die Verantwortung für das Massaker auf dem Tiananmen-Platz in Peking von 1989 zu übernehmen. Am zehnten Jahrestag der Rückkehr Hongkongs zu China, im Juli letzten Jahres, marschiert der Kardinal mit anderen Demonstranten durch die Stadt und erklärt, ihm sei nicht nach Feiern zumute, "da Hongkong immer noch keine Demokratie ist". Bei seinem Auftritt vor der Presse in Wien stellt Zen die chinesische Führung an den Pranger, weil sie "der schlimmsten Form des Kapitalismus" frönt und mit der wirtschaftlichen Freizügigkeit in China keine politischen Änderungen einhergehen - und weil sich das kommunistische Regime die katholischen Bischöfe "wie Sklaven" hält und nicht akzeptieren will, dass "Religionsfreiheit mehr bedeutet, als die Freiheit zu beten".

Zen scheut auch nicht vor klaren Worten in Richtung Vatikan zurück. Nach der Pressekonferenz in Wien sagt Zen im Gespräch mit der Furche, dass er sehr enttäuscht über die Absage des Gesprächs zwischen Papst und Dalai Lama gewesen ist. Das geistliche Oberhaupt der Tibeter hat im Dezember letzten Jahres Italien besucht und ist mit einigen Politikern zusammengetroffen. Auch eine Begegnung mit Benedikt XVI. war geplant, wurde aber vom Vatikan abgesagt.

Die Absage ist laut italienischen Medien der Preis, den der Vatikan für die jüngste Bischofsweihe in der südchinesischen Metropole Kanton gezahlt hat. Der neue katholische Erzbischof von Kanton, Joseph Gan Junqiu, ist im November 2006 von der "Patriotischen Vereinigung chinesischer Katholiken" zum Bischof gewählt worden; unmittelbar danach erhält er die Zustimmung des Heiligen Stuhls und teilt das auch öffentlich mit. Wegen dieser öffentlichen Bekundung der Treue zum Papst hat die "patriotische" Kirchenhierarchie die Weihe und Amtseinsetzung Gans hinausgezögert - bis zur Absage des Papstes, den Dalai Lama zu empfangen. Für Zen ein Fehler: "Der Papst hätte den Dalai Lama treffen sollen", sagt er und fordert generell mehr Solidarität zwischen den verfolgten Religionen in China: "Was heute gegen eine Religion gerichtet ist, trifft morgen die andere und übermorgen alle Glaubensgemeinschaften in China", warnt der Kardinal.

Dieser Logik verpflichtet, nimmt Zen auch die im Westen nicht unumstrittene und als Sekte verschrieene Falun-Gong-Bewegung in Schutz, die in China brutal verfolgt wird. Zen weigert sich, deswegen als "Freund von Falun Gong" hingestellt zu werden. Die Spiritualität dieser Gruppe ist ihm fremd, sagt der Kardinal, aber er kann nicht erkennen, was diese Gruppe Schlechtes macht, dass sie derartig drangsaliert wird. "Ich verteidige nicht Falun Gong", sagt Zen, "ich verteidige das Recht auf Religionsfreiheit, und das muss für alle gelten" - für Falun-Gong-Anhänger, für Katholiken, für Tibeter …

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