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Patt an der Sprachenfront

Wo sich alles um Identität dreht: Der „Brüsseler Rand“ ist zum Symbol der belgischen Krise geworden.

Endstation. Weiter als Kraainem fährt die Metro nicht. Die Hauptstadt ist längst außer Sicht, unscheinbare Ruhe liegt über den Hügeln. Ein Schild begrüßt den Besucher in Flandern, denn auch die zweisprachige Region Brüssel endet hier. Und es scheint, als beiße sich auch Belgien die Zähne aus an dieser Idylle, die ein Pulverfass ist.

Ein Jahr lang schleppte sich der Dauerkonflikt zwischen Flamen und Frankophonen dahin. Diese Woche sollte endlich Schluss sein mit dem, was vielen Menschen schon längst wie ein Versteckspiel vorkommt: Eine Erklärung wollte Premier Leterme abgeben, wie die Regierung denn nun die Reform des belgischen Staates angehen wolle. Stattdessen ersuchte er König Albert II., seine Regierung zu entlassen, und sprach von unüberbrückbaren Gegensätzen zwischen Flamen und Wallonen. Der König jedoch lehnte Letermes Rücktritt als Regierungschef ab. Er erinnerte stattdessen in einer Rede an seinen 1993 verstorbenen Bruder König Baudouin I. Für Baudouin seien unterschiedliche Kulturen der Reichtum einer Gesellschaft gewesen.

Bilinguale Spaltung

Dass die Unterschiedlichkeiten noch lange nicht überall als ein solcher Reichtum gesehen werden, sieht man in der provinziellen Beschaulichkeit des „Brüsseler Rand“. Zusammen mit der Hauptstadt, in der man vor allem französisch spricht, bildet er den einzigen zweisprachigen Wahlkreis des Landes: Brüssel-Halle-Vilvoorde, kurz „BHV“. Ein Synonym für Ärger mit drei Buchstaben? Voilà, BHV, das weiß jeder in Belgien. Obwohl die Peripherie Brüssels offiziell zu Flandern zählt, können die Menschen dort Politiker beider Sprachgruppen wählen, und weil in manchen Kommunen die Mehrheit der Bevölkerung bereits französisch spricht, sitzt in deren Gemeinderäten kein einziger Flame mehr. „BHV spalten“ fordern daher alle niederländisch-sprachigen Parteien. Die frankophonen wären dazu nur bereit, wenn eine Reihe ihrer Hochburgen an Brüssel angehängt würde. Für die Gegenseite ist wiederum klar: der Rand bleibt flämisch. „Totale Impasse“ schreiben die Zeitungen an diesem windigen Morgen, wenige Tage, bevor der Premier die Brocken hinschmeißen wird.

Noch im „Gemeentehuis“

Impasse oder nicht, Kraainem sieht aus wie immer. Gepflegte Eigenheime, gestutzte Hecken, leere Straßen. Und die französisch-sprachigen Hinweisschilder übersprüht. Der ländliche Hang zur Folklore äußert sich hier eher eigenwillige: Auch wenn gut drei Viertel der Einwohner frankophon sind, der Bürgermeister hat noch immer im Gemeentehuis zu sitzen. Also verschwindet maison communale unter einer Schicht Farbe. Und gefeiert wird in der sportshal, nicht in der salle des sports. Mit Sprühdosen macht man ein gutes Geschäft in dieser Gegend, in der es immer um Identität geht und alles Symbolik ist. Die frankophonen Aktivisten revanchieren sich mit der belgischen Trikolore, die sie über die niederländische Version kleben (siehe Bild). Seit Generationen geht das so, und man scheint hier nicht aus den eigenen Parolen herauszuwachsen. „Wir machen es noch immer“, lacht Kurt Ryon. Er und sein Freund Roel De Leener sind Anfang 30, und schon ein halbes Leben kämpfen sie hier draußen für die flämische Sache. Inzwischen haben sie das Wohl der nächsten Generation im Auge: „Wir haben kleine Kinder“, erzählt De Leener. „Es ist wichtig für sie, dass die Kommune flämisch bleibt.“

Es begann alles auf dem Schulklo, wo der halbstarke Kurt einst mit dem Edding für Klarheit an der Sprachenfront sorgte. Wenig später wurde er im – flämischen – Jugendclub vom TAK angeworben, dem Taal Aktie Komitee. An dessen Wiege wiederum stand 1970 Flor Grammens, ein fanatischer Umgestalter von Ortsschildern, und eine Ikone der flämischen Bewegung. Die „Sprachaktionisten“ kämpfen seither mit Flugblättern und Kundgebungen dafür, dass in Flandern flämisch gesprochen wird. Sie unterbrechen Gemeinderatssitzungen, die gegen die Sprachgesetze auf Französisch stattfinden, und werden nicht selten im anschließenden Handgemenge verhaftet. Manche halten sie für Extremisten, fordern sie doch unverblümt die Unabhängigkeit Flanderns. Auf ihrer Website ziert die belgische Flagge eine Toilettenbrille, darunter steht: „Spül Belgien durch!“ Ryon und De Leener wiegeln ab. „Wir sind eher Greenpeace für Flandern. Wir fordern nur, dass man unsere Rechte respektiert. Wir haben keine Waffen und sind nicht gefährlich. Alles, was wir tun, geschieht mit einem Augenzwinkern.“

Kurt Ryons Eltern schienen dem Zwinkern nicht so ganz zu trauen, als er mit 14 begann, sich politischen Aktionen zu widmen. „Ich erzählte ihnen, ich ginge in den Jugendclub. Stattdessen war ich mit TAK unterwegs.“ Erst als ein Polizist seinen Vater anrief, erfuhren sie vom neuen Hobby ihres Sohns: „Er fragte mich, was das soll. Ich sagte, ich setzte mich für die Rechte Flanderns ein, und deshalb säße ich im Knast.“ Ryon und De Leener lachen auf. Mit solchen Anekdoten können sie Abende füllen. „So 100-, 200-mal“ schätzt Ryon, sei er bisher festgenommen worden. „10-mal im Jahr“, präzisiert sein Genosse. Von der Theke im flämischen Kulturzentrum Kraainems kommen zwei frische Biere. Die Taktivisten, wie sie sich selber nennen, haben ein jugendliches Aussehen, dem entspricht auch ihr Umgangston, und doch hat sich der alkoholische Habitus vieler alter Flaminganten ihrer bereits bemächtigt: Im Plauderton berichten sie von ihren Aktionen, und regulieren nebenher ihren Flüssigkeitspegel.

Verschärfter Ton

„Wake me up before you go-go“, säuselt es aus den Lautsprechern, doch Weckrufe stoßen hier auf taube Ohren. Seit einem Jahr heißt es, ohne Lösung für den Brüsseler Rand gebe es keine Lösung für Belgien, und je zwingender eine Entscheidung für das ganze Land wird, desto mehr verschärft sich der Ton vor Ort. Roel und Kurt berichten von Drohungen, die sie per E-Mail empfangen haben. Auch auf der Gegenseite wird diese Entwicklung wahrgenommen. „Eine gewisse Spannung“ sieht Arnold d’Oreye de Lantremange vom „Front Démocratique des Francophones“ in seiner Gemeinde. Seine Partei, traditionell auf die Belange der Französisch-sprachigen in Brüssel ausgerichtet, ist unter Flamen so populär wie das TAK bei Frankophonen. Ihr Chef, Olivier Mangain, ist als „Extremist“, „Pitbull“ und „Flamenhasser“ verschrien. Der Bürgermeister von Kraainem jedoch spricht mit bedächtiger Stimme und der unaufgeregten Nüchternheit aus knapp vier Jahrzehnten Lokalpolitik. „Früher verstanden die Menschen in Arlon oder Oostende nicht, um was es hier geht. Inzwischen fühlen sie sich davon betroffen.“

Vorbei an der Realität

Es ist diese Entwicklung, die Arnold d’Oreye im ganzen Land bekannt gemacht hat. Er ist einer „der Bürgermeister“, die seit knapp zwei Jahren darauf warten, von der flämischen Regionalregierung in ihr Amt eingesetzt zu werden. Es wäre überraschend, wenn dahinter keine Sprachaffäre steckte. D’Oreye und seine Kollegen in den benachbarten Kommunen Wezembeek-Oppem und Linkebeek hatten die Aufrufe zu den Wahlen in den jeweiligen Muttersprachen der Einwohner verschickt, statt allein auf Niederländisch. „Damit wollten wir die Aufmerksamkeit auf die Probleme hier lenken“, erläutert er: Die flämische Regionalregierung, die mehrheitlich frankophonen Gemeinden immer weniger Zuschüsse zahle; die Vergabe von Sozialwohnungen über einen Niederländisch-Test; und eine Sprachgesetzgebung, die an der Realität vorbeigehe. „Schauen Sie sich die Bibliothek an. Drei Viertel der Bücher müssen auf Niederländisch sein. Das steht in keinem Verhältnis. Ich habe nichts gegen Flamen. Ich bin aber gegen eine Politik, die alles Frankophone abschaffen will und sagt: ‚Ihr seid in Flandern, also passt euch an!‘“

Dass ihr Protest ein solches Echo haben würde, hätte Arnold d’Oreye nicht gedacht. Der Europäische Rat schickte im Frühjahr eine Delegation, die UN rügte die flämische Wohnungspolitik als rassistisch und in der letzten Amtszeit vor seiner Pensionierung traf d’Oreye mit arabischen, chinesischen und englischen Reportern zusammen. Sein Amt kann er im Übrigen auch ohne den offiziellen Segen der Regionalregierung ausführen. „Bis zur Benennung des neuen Bürgermeisters bleibt der alte im Amt“, zitiert er. Dann deuten seine Mundwinkel ein leises Grinsen an. „Und wer ist der alte Bürgermeister? Genau!“

Der Autor ist freier Journalist in Amsterdam.

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