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Petri Nachfolger und das Wetter

Freitag, 7. September, Wien, Am Hof: Wenn Jugendliche auf den Papst warten.

Wir warten, auf den Papst: Obzwar er nur ein Mensch ist, aber halt ein besonders heiliger Mensch", meint Stefan nicht ohne Ironie zu Beginn des Tages, an dem der Papst kommt. Passend zum Motto "Auf Christus schauen" meinen einige Oberstufen-Schüler des Erzbischöflichen Gymnasiums Hollabrunn etwas scherzhaft, sie erwarteten, "dass er ausschaut wie Jesus", und das, "obwohl Jesus nicht achtzig Jahre alt wurde, damals wurde doch überhaupt niemand 80". Vor allem aber das Wetter an diesem Freitag in Wien weckt viele Erwartungen an den Papst: "Wir erwarten uns, dass er das Wasser teilt", sagen einige, "nein, dass er es in Wein verwandelt" die anderen. Philipp fordert ebenfalls Wetterwunder: "Wenn er der Nachfolger von Petrus ist, könnte er dafür sorgen, dass es heute nicht regnet."

Lukas bleibt nüchtern: "Ich freue mich und bin sehr gespannt, wie er sich den Leuten präsentiert. Nur das Programm ist ein bisschen sehr zeitgebunden." Der minutiöse Ablauf für die erste Station der päpstlichen Pilgerreise nach Österreich am Platz am Hof fasziniert die Jugendlichen. Die Einschätzung des Vorprogramms reicht von Johanns "ein bisschen knapp gestaffelt" bis zu Julias: "Das Programm ist absolut lächerlich, da steht sogar, man solle jubeln und klatschen, zu einem Zeitpunkt, wo er noch gar nicht da ist." Lena meint auch: "Es ist ja nett, dass er da ist, aber übertrieben ist das alles schon, ich glaube gar nicht, dass er das so will." Diese Meinung teilt Stefan: "Er ist nicht so ein Typ. Früher war das ganz anders, es wäre besser, wenn er sich nicht so abschotten würde von der Welt." Doch die Schüler sind sich einig, dass das Sicherheitsregiment heute nötig ist.

"Alle irgendwie hingezogen"

Philipp meldet Zweifel am Event-Charakter an: "Ich finde es übertrieben, die Jugendlichen werden alle irgendwie hingezogen, aber es interessiert doch eher die ältere Generation." Austauschschülerin Sidney vermutet, dass ein Papstbesuch bei ihr in den USA ähnlich viel Aufwand bedeuten würde, aber: "Seit einer Woche sehe ich dauernd im Fernsehen, wie aufgeregt die Leute deswegen sind, das wäre in Boston nicht so, obwohl ihn dort auch jeder kennt." Auch über die Kosten machen sich die jungen Leute Gedanken: "Das kostet fünf Millionen, habe ich gehört, das ist unsere Bildung, was da für den Papst ausgegeben wird", meint Katharina. Von Ablehnung oder Vorverurteilung ist aber nichts zu spüren, als die Schüler in freudiger Erwartung nach Wien fahren, um den Papst persönlich zu sehen, und zwei Stunden Aufwärmprogramm in der Kälte durchstehen.

Mehr als 6000 Jugendliche finden sich trotz Regens Am Hof ein und harren stundenlang tapfer aus, die Einmütigkeit wird optisch noch gesteigert durch die allgegenwärtigen gelben Regenhäute. Nur wenige ziehen die benachbarten Kaffeehäuser vor. Der Platz ist voll, die Kälte bewegt sogar noch mehr dazu, sich auf die Klänge der Musik, die gut gefällt, einzulassen. Die Schüler sind von den Menschenmassen fasziniert, nehmen das Geschehen aber auch mit humorvoller Distanz. So meint Sandra auf die skeptische Frage, was wäre, wenn jemand nun eine Toilette brauchen würde: "Was glaubst du, warum die da gerade gelbe Umhänge verteilt haben?"

"Sind jetzt reingewaschen"

Katharina stimmt diese Ansammlung nachdenklich: "Irgendwie ist das schon schlimm, so eine Menschenmasse nur wegen dieses einen Mannes." Und einige geben ihr darin recht, dass der Papst selbst das wohl gar nicht so will und auch sie selber sich nicht vorstellen könnten, es zu genießen, würden die Menschen ihretwegen "so auszucken". Verhalten positiv meinen viele: "Es ist schon auch sehr beeindruckend" oder "etwas Besonders auf jeden Fall, aber halt ein bisschen übertrieben". Einig sind sich die Jugendlichen danach in einem Punkt: "Es war kalt, ich bin nass." Julia äußert stolz: "Der Papst hat uns sogar bemitleidet, dass wir drei Stunden da im Regen gestanden sind." Mit etwas Ironie setzt sie nach: "Es war wunderbar, wir sind jetzt so reingewaschen, sehen Sie nicht unseren Heiligenschein?" Sandra resümiert trocken: "Haben wir also den Papst auch gesehen." Markus meint darauf: "Er schaut in echt nicht anders aus als im Fernsehen", wobei einige, die bedauert haben, so wenig von ihm zu sehen, noch hinzufügen: "Und er ist klein."

Wünsche an den Papst fallen den Hollabrunner Jugendlichen konkretere ein als die, die bei den Interviews auf der Bühne genannt wurden: Zölibat abschaffen, Frauen als Priester, Angestellte der Kirche besser bezahlen, kein Kirchenbeitrag - und nicht zuletzt schöneres Wetter. Katharina untermauert ihren Wunsch nach verheirateten Priestern ganz im Sinne der von Kardinal Schönborn so positiv herausgekehrten jüdischen Abstammung Jesu: "Es hat ja angeblich früher als Schande gegolten, wenn ein jüdischer Mann nicht verheiratet war." Kathi fasst das Thema weiter: "Der Papst soll nicht so konservativ sein, ein biss-chen lockerer werden, einmal auch Kondome erlauben."

Verwunderung herrscht über den Stromausfall - trotz der straffen Organisation: Nach so langer Wartezeit so wenig vom Papst selbst gehört zu haben … Johann: "Warum haben eigentlich überall die Lichter gebrannt, nur die Mikrophone hatten keinen Strom."

"Ein bisschen gar, heilig'"

Nicht glauben können die Schüler, dass die Jugendlichen auf der Bühne wirklich so denken, wie es den Eindruck machte. Schon während mancher Interviews war zu hören: "Wer denen wohl gesagt hat, was sie da verkünden sollen?" Sandra findet die meisten von ihnen "ein bisschen gar, heilig'". Katharina ist darüber verblüfft, dass vor ihr eine Frau beim Eintreffen des Papstes geweint habe: "Wenn die wirklich so denken, müssen die schon extrem katholisch erzogen sein." Die Schüler sind auch skeptisch gegenüber Menschen, die besonders viel Zeit in der Kirche und bei der Geistlichkeit verbringen und die meinen, dadurch bessere Menschen zu sein. So kommen Kathi und Markus zum Schluss: "Wenn du in die Kirche gehst und glaubst, dass du dadurch gleich ein guter Christ wirst, ist das wie wenn du in die Garage gehst und glaubst, du wirst ein Auto." Ebenso beschäftigen sich manche mit dem Papst insofern, als sie in dieser Rolle lieber jemand jüngeren oder einen Schwarzen gesehen hätten.

Doch Thema des Tages bleibt das Wetter. Julia neidisch: "Dem Papst ist sogar der Schirm getragen worden." Und Kathi wirft ein: "Er könnte sich ruhig auf unsere Ebene begeben." Was Markus zum abschließenden Wunsch führt: "Das nächste Mal soll er sich zu den anderen Leuten in den Regen stellen."

Unterm Volk

Die Ansprachen des Papstes und deren Bewertung sind das eine. Die Menschen, die gekommen sind, das andere. In diesem Sinn mischten sich Absolvent(inn)en der Katholischen Medienakademie an den drei Tagen des Papstbesuchs unters - mehr oder weniger - fromme Volk und gestalteten für die Furche nebenstehende Reportagen.

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