Polizistensohn, der das Kosovo befrieden soll

Ausgebrannte Autos liegen vor dem mehrstöckigen Wohnhaus im Zentrum von PrisÇtina. Ein Beamter der Kosovo-Polizei hebt ratlos die Schultern, als er gefragt wird, warum die antiserbischen Ausschreitungen nicht verhindert werden konnten. "Die Demonstranten hatten Pistolen dabei", sagt der schmächtige Mann in blauer Uniform, "irgendwann ist einem die eigene Sicherheit wichtiger."

Einem Gerücht zufolge sollen Serben am Dienstag letzter Woche drei albanische Kinder in den Fluss Ibar in der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Kosovska Mitrovica getrieben haben - zwei Buben ertranken, das dritte Kind wurde bisher nicht gefunden. Kosovo-Albaner zündeten daraufhin in sieben serbischen Ortschaften Häuser an und brannten 25 serbisch-orthodoxe Kirchen nieder. 600 Menschen wurden verletzt, rund 3.600 Kosovo-Serben in die Flucht getrieben.

Ethnische Säuberungen?

Die Uno-Übergangsverwaltung im Kosovo (Unmik) hat diese Darstellung der Ereignisse bisher nicht bestätigt. Es gebe keine Beweise, dass Serben am Tod der drei albanischen Kinder schuld seien, sagt Unmik-Chef Harri Holkeri. Während der NATO-Oberkommandierende für Südosteuropa, Gregroy Jones, die Übergriffe als "ethnische Säuberungen" verurteilte, relativiert Holkeri die Kritik. "Wir sind schockiert und deprimiert, dass Menschen in der Lage sind, so etwas anzurichten", sagt er nach einem Rundgang durch zerstörte Wohnungen.

Mit versteinertem Gesicht lauscht Holkeri bei seinem Lokalaugenschein einer Serbin, die die Angriffe auf ihre Wohnung überlebt hat. Die Frau fordert ihn auf, alles zu tun, damit die Bewohner des Hauses wieder zurückkehren können. "Bitte verhindern Sie künftig solche Gewalt und helfen Sie mit, dass alle Menschen, die im Kosovo leben wollen, das auch können." Nur wenn das Gebäude künftig von internationalen Einheiten geschützt werde, könne für die Sicherheit der Bewohner garantiert werden, meint die Serbin.

Ob aber die internationale Gemeinschaft bereit ist, alles zum Schutz der auf 100.000 geschätzten Minderheiten zu tun und eine Aufstockung der in den vergangenen fünf Jahren von 40.000 auf 18.000 Mann reduzierten KFOR-Truppen zu übernehmen, lässt Holkeri auch auf Nachfrage offen. "Wir müssen uns natürlich genau überlegen, was wir machen können." Nur um zu versichern: "Das ist nicht das Ende, sondern ein Neuanfang für unsere Zusammenarbeit mit der lokalen Regierung."

Schweres Gouverneursamt

Harri Holkeri ist seit Juli letzten Jahres der faktische "Gouverneur" des UN-Protektorats im Kosovo. Als Vermittler bei internationalen Konflikten profilierte sich der frühere finnische Regierungschef in der so genannten Mitchell-Kommission, die von 1995 bis 1998 Lösungsvorschläge für den Konflikt in Nordirland ausarbeitete, die zum Teil immer noch Grundlage des dortigen Friedensprozesses sind. Im Kosovo ist der 67-jährige Polizistensohn von einem solchen Erfolg aber noch sehr weit entfernt. Gradmesser dafür ist auch ein Witz, der dieser Tage im Kosovo kursiert: "Was ist der Unterschied zwischen der Unmik und dem organisierten Verbrechen im Kosovo?" Antwort: "Das organisierte Verbrechen ist organisiert." WM/APA

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