"Recht auf Unabhängigkeit"

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Der Vorsitzende der Christdemokraten des Kosovo, Mark Krasniqi, über den Konflikt in seiner Heimat, die europäisch-christliche Prägung der Albaner und ihre religiöse Toleranz sowie die Zukunft der Region.

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Der Vorsitzende der Christdemokraten des Kosovo, Mark Krasniqi, über den Konflikt in seiner Heimat, die europäisch-christliche Prägung der Albaner und ihre religiöse Toleranz sowie die Zukunft der Region.

dieFurche: Welches Ziel verfolgt Ihrer Ansicht nach die serbische Regierung im Kosovo?

Mark Krasniqi: Serbien will die Albaner aus ihrer angestammten Heimat vertreiben, das Gebiet "ethnisch säubern". Der serbische Expansionskurs gegen die ethnisch albanischen Gebiete begann schon am Ende des zwölften Jahrhunderts. Unterstützt wird die Regierung mit ganzer Kraft auch durch die orthodoxe Kirche.

dieFurche: Albanische Bevölkerungsgruppen gibt es auch in Mazedonien, Montenegro und anderen Regionen des Balkans. Würde die von den Kosovo-Albanern angestrebte Unabhängigkeit auch dort zu solchen Forderungen führen?

Krasniqi: Es gibt eine serbische Propaganda, die sagt, die Befreiung Kosovos gefährde Mazedonien und Montenegro. Das Gegenteil ist richtig: Die Albaner in Mazedonien oder Montenegro haben nur den Willen, in ihrem jeweiligen Land tatsächlich gleichberechtigt zu sein. Sie wollen keine eigenen Republiken gründen. Die Albaner werden aber durch die mazedonische und montenegrinische Politik gefährdet, die anti-albanisch ist.

dieFurche: Inwiefern?

Krasniqi: In Mazedonien stellen die Albaner 37 Prozent der Bevölkerung, aber im Staatsdienst beträgt ihr Anteil gerade zwei Prozent. Die mazedonische Regierung - und leider auch die Bevölkerung - kämpft gegen die Bildung der Albaner und erlaubt zum Beispiel nicht die Gründung einer albanischen Universität. Das gleiche gilt für Montenegro. Ein unabhängiges Kosovo wäre eine Stütze für die Albaner in diesen Ländern.

dieFurche: Welche Verbindung sollten die Albaner aus verschiedenen Ländern untereinander haben?

Krasniqi: Wir haben eine einheitliche nationale albanische Kultur. Ich denke, daß diese Kultur gepflegt werden kann, wenn in absehbarer Zeit die Grenzen wie in Westeuropa an Bedeutung verlieren.

dieFurche: Manche befürchten, in einem unabhängigen Staat Kosovo könnte sich islamischer Fundamentalismus in Europa ausbreiten.

Krasniqi: Die meisten Albaner im Kosovo sind moslemischen Glaubens. Aber der Islam der Albaner kann nicht mit dem Islam des Iran oder arabischer Staaten verglichen werden. Das Volk der Albaner ist ein europäisches Volk gewesen und auch geblieben. Es ist von der christlichen Kultur geprägt. Früher waren ja alle Albaner Christen; die Türkei hat ihren Glauben mit Gewalt durchgesetzt. Albanische Moslems sind stolz auf die Generationen ihrer Vorfahren, die einen katholischen Namen tragen. An religiösen Feiertagen wie Ostern und Weihnachten kann man in katholischen Kirchen viel mehr Jugendliche islamischen Glaubens treffen als Katholiken. Sie fühlen sich dort zu Hause, weil in albanischer Sprache gepredigt und gesungen wird.

dieFurche: Würde die religiöse Toleranz auch in einem unabhängigen Kosovo bestehen bleiben?

Krasniqi: Ich kenne mein Volk und auch die europäische Geschichte sehr gut. Ich kann Ihnen versichern, daß die Albaner toleranter sind als die Westeuropäer. Niemals haben sie einen Religionskrieg unter sich geführt. Aber die Geschichte lehrt uns, daß es solche Kriege in Europa gegeben hat. Man kennt ja zum Beispiel den Dreißigjährigen Krieg. Gott möge geben, daß das alles der Vergangenheit angehört. Die Gebete werden vom lieben Gott erhört, unabhängig davon, ob sie in einer Kirche oder in einer Moschee gesprochen werden. Vor allem betrachten die Albaner sich in erster Linie als Angehörige eines einzigen Volkes, die Religion ist Privatsache. Sie sind deshalb zwar religiös, aber eben auch tolerant gegenüber dem Glauben der anderen.

dieFurche: Wie stehen Sie zum bewaffneten Kampf der kosovo-albanischen Armee UCK?

Krasniqi: Die serbische Propaganda bemühte sich von Anfang an, die UCK als terroristische Organisation darzustellen. Tatsache ist, daß die UCK nur das eigene Land befreien will. Sie führt einen Krieg zur Selbstverteidigung. Die UCK hat keine serbischen Zivilisten getötet, die sich nicht am Kampf beteiligt haben. Das serbische Militär und die serbische Polizei töten wahllos, selbst kleine Kinder. Von den zweitausend Albanern, die 1998 getötet wurden, waren nur fünf Prozent Soldaten der UCK.

dieFurche: Haben die Albaner Unterstützung durch die serbische Opposition erhalten?

Krasniqi: Die Opposition in Serbien hat gegenüber den Albanern die gleiche Einstellung wie die Regierung. Die serbische Opposition kämpft im Grunde nur, um an die Macht zu kommen, nicht um die albanische Frage zu lösen oder um Serbien tatsächlich zu demokratisieren. Was die Haltung gegenüber den Albanern betrifft, sind Seselj und Draskovi'c sogar schlimmer als Milosevi'c. Frieden werden wir nur bekommen, wenn unser Recht auf Selbstbestimmung und Unabhängigkeit geachtet wird. Das allein garantiert ein gutes Zusammenleben.

Das Gespräch führte Michael Ragg knapp vor Beginn der NATO-Luftangriffe.

SPENDEN FÜR KOSOVO Care: PSK 1.236.000 (Kennwort: Flüchtlingshilfe Kosovo) Caritas: PSK 7.700.004 (KW: Kosovo) Diakonie Österreich: PSK 23.13.300 (Kosovo) Hilfswerk Austria: PSK 90.001.002 (Kosovo-Hilfe) Israelitische Kultusgemeinde: Bank Austria 684.155.203 (Hilfe für den Kosovo) Rotes Kreuz: PSK 2.345.000 (Flüchtlingshilfe Kosovo) UNICEF Österreich: PSK 151.000.1 (Kinder aus Kosovo) Volkshilfe Österreich: PSK 1.740.400 (Kosovo) Zur Person Wissenschaftler & Publizist Mark Krasniqi, 1930 in der Nähe von Peja im Kosovo geboren, studierte in Padua und Belgrad Literatur, Geographie und Ethnographie. Er arbeitete zehn Jahre an der Akademie der Wissenschaften in Belgrad und lehrte 20 Jahre an der Universität von Pristina. Wegen seiner kritischen Haltung zum Kommunismus zwang ihn der Staat 1981 zur Aufgabe seiner Lehrtätigkeit. Seit 1993 ist der Wissenschaftler und Publizist Vorsitzender der Christdemokratischen Partei des Kosovo.

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