Richard David Precht - © Foto: Foto Fischer

Richard David Precht: "Es geht nicht um Moral"

1945 1960 1980 2000 2020

Richard David Precht provoziert – aktuell mit seiner Meinung zum Ukrainekrieg. Ein Gespräch über „Aufregungskultur“, kurzfristige Politik und die ewig verzögerte ökologische Revolution.

1945 1960 1980 2000 2020

Richard David Precht provoziert – aktuell mit seiner Meinung zum Ukrainekrieg. Ein Gespräch über „Aufregungskultur“, kurzfristige Politik und die ewig verzögerte ökologische Revolution.

Er ist einer der omnipräsentesten und zugleich umstrittensten Intellektuellen Deutschlands. Von den einen wird Richard David Precht für seine Fähigkeit bewundert, Philosophie durch bildhafte Sprache einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, andere kritisieren die eilfertigen Kommentare des Bestsellerautors zum politischen (Welt-)Geschehen – von Kritik an Kinder-Corona-Impfungen bis zum Nein zu schweren Waffen für die Ukraine. Was sagt er selbst zum Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit? DIE FURCHE hat mit Precht am Rande des diesjährigen Seggauer Pfingstdialogs „Green Europe. Deal or no deal?“, bei dem er eine Keynote hielt, gesprochen.

DIE FURCHE: Die Neue Zürcher Zeitung hat Sie vor Kurzem in einem Porträt als deutschen Nationalpsychologen bezeichnet. Sehen Sie sich auch so?

Richard David Precht: Das hat ein Mann geschrieben, der mich seit sehr langer Zeit nicht leiden kann. Ich selber denke über so etwas nicht nach. Wer sich selbst eine solche Rolle gibt, der würde unter sein Niveau gehen.

DIE FURCHE: Haben Sie ein besonderes Gespür dafür, was die Menschen bewegt?

Precht: Ich setze mich für viele Dinge ein, die nicht zwingend mehrheitsfähig sind.

DIE FURCHE: Ist es Nonkonformismus, der Sie in der Impfdebatte und jetzt beim Ukrainekrieg treibt?

Precht: Das ist ein viel zu großes Wort. Ich habe in der Corona-Debatte ein Buch über die Pflicht geschrieben, mit dem ich mir sehr viele Feinde gemacht habe. Darin habe ich versucht, zu erklären, dass der moderne Fürsorgestaat nicht nur das Recht, sondern die Pflicht hat, für das gesundheitliche Wohlergehen seiner Bürger zu sorgen. Aber mit der Impfpflicht gehen wir einen Schritt zu weit. In der deutschen Verfassung handelt der erste Satz von der Menschenwürde. Das ist ein Konzept von Immanuel Kant. Der Mensch ist ein Zweck an sich, er darf nicht verzweckt , also durch den Nutzen einer höheren Sache verdeckt werden. Wenn wir mit dem Argument, wir müssen die Kinder impfen, weil wir nicht genug Erwachsene haben, die sich impfen lassen, um eine Herdenimmunität zu erreichen, dann begehen wir aber genau diese Verzweckung. Es ist nicht falsch, wenn Eltern sich dafür entscheiden, ihre Kinder impfen zu lassen. Es ist aber falsch, einen gesellschaftlichen Druck aufzubauen, dass wir das sollen. Das ist kein Nonkonformismus. Das ist eine wichtige Einschränkung.

DIE FURCHE: Erleben wir in der Art und Weise, wie wir heute wichtige Themen debattieren, eine Krise der Öffentlichkeit?

Precht: Diese Diagnose würde ich unterstreichen. Sogar etablierte Qualitätszeitungen haben sich zumindest in ihren digitalen Auftritten leider sehr weit an die Aufregungskultur der sozialen Medien angepasst. Das hat dazu geführt, dass wir über gesellschaftliche Themen wie Corona oder den Ukraine-Krieg nicht mehr in den dafür notwendigen mindestens 50 Schattierungen diskutieren, sondern nach einem Freund-Feind-Schema und einer digitalen Ethik, die nur Schwarz und Weiß kennt. Für kulturell hoch entwickelte Demokratien wie Österreich und Deutschland ist das ein kultureller Rückschritt.

DIE FURCHE: Was macht es mit unserer Gesellschaft?

Precht: Es führt dazu, dass die Leute, die es nicht für die richtige Idee halten, Waffen in die Ukraine zu liefern, sich nicht in öffentlich rechtliche Talkshows trauen oder nur sehr selten hingehen. Egal, was sie sagen, finden sie am nächsten Tag ein 99 prozentiges Medienecho gegen sich vor. Dabei vertreten sie schätzungsweise 50 Prozent der bundesrepublikanischen Gesellschaft. Und die Frage, ob wir mehr Waffen in die Ukraine liefern sollen oder nicht, ist eine der allerschwersten Fragen, vor der wir in ethischer und politischer Hinsicht in der Bundesrepublik bisher gestanden sind. Sie verdient es, in aller Ruhe und Differenziertheit analysiert zu werden. Aber das findet im öffentlichen Raum fast nicht statt.

DIE FURCHE: Im Fall der Ukraine ist aber auch ein ganz existenzieller Zeitdruck gegeben. Es ist Krieg, täglich sterben Menschen …

Precht: Es ist aber nicht der Zeitdruck, weswegen die Debatte so geführt wird, wie sie geführt wird. Dass die politischen Entscheidungsträger schnell handeln, ist etwas anderes, als dass sich die Massenmedien mit holzhackerischer Sicherheit ein Urteil bilden und zwar fast alle das Gleiche und Andersdenkende diffamiert werden.

DIE FURCHE: Ist Ihre Sicht auf die Demokratie nicht zu pessimistisch?

Precht: Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Helmut Schmidt von Fernsehdemokratie sprach, um zu sagen, dass eine Demokratie mit Fernsehen nicht dasselbe ist wie Demokratie ohne Fernsehen. Auch eine Demokratie mit sozialen Netzwerken ist etwas anderes als eine Demokratie ohne soziale Netzwerke. Diese Dinge verändern die Öffentlichkeit und das politische Handeln sehr viel mehr, als wir es wahrhaben wollen. Tatsächlich haben wir heute in allen westeuropäischen Demokratien ein absolutes Primat der Kurzfristigkeit in der Politik auf Kosten der Langfristigkeit.

DIE FURCHE: Sagen Sie das jetzt, weil Sie selber Opfer dieser neuen Erregungskultur geworden sind?

Precht: Ich fühle mich nicht als Opfer.

DIE FURCHE: Weil Sie auch von der Erregung profitieren?

Precht: Sie unterstellen mir, dass ich bei dem, was ich denke und äußere, stets überlege, ob es mir nützt oder nicht nützt. Glauben Sie mir, es wäre einfacher gewesen, mich in der Coronadebatte zurückzuhalten. Ich bin mit wütendsten Hassattacken von Querdenkern beschimpft worden, um dann als der Mann dargestellt zu werden, der deren Positionen vertritt. Also da denkt man, die Welt ist komplett verrückt geworden.

DIE FURCHE: Wie wichtig sind bei alledem noch Ideologien?

Precht: Die Hauptrolle spielt heute die Aufmerksamkeit, nicht die Ideologie.

DIE FURCHE: Warum reden dann alle von Haltung?

Precht: In unseren heutigen Zeiten ist Haltung ein wichtiges Wort. Dabei ist Haltung zu zeigen, in unserer Gesellschaft fast unmöglich geworden. Wenn Sie Haltung zeigen und weder in das eine noch das andere Raster passen, ecken Sie an und lösen im Zweifelsfall in den Medien gewaltig Negatives aus.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau