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ROLLENTAUSCH: Bettler klären auf

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Bettlern wird in Österreich oft mit Ablehnung statt mit Verständnis begegnet. Ein Verein will das ändern und schickt bettelnde Menschen auf die Straße, um zu erklären.

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Bettlern wird in Österreich oft mit Ablehnung statt mit Verständnis begegnet. Ein Verein will das ändern und schickt bettelnde Menschen auf die Straße, um zu erklären.

Eine junge Frau, Kraushaar quillt unterm roten Käppi hervor. Mit einem Lächeln auf den Lippen bietet sie Passanten Flyer an: "Goldenes Wiener Herz", flötet sie.

Die Frau heißt Florina, stammt aus Rumänien und verkauft normalerweise das "MO-Magazin" von SOS Mitmensch. Die Grenze zum Betteln ist fließend. Heute ist Florina mit einem Spezialauftrag unterwegs: Sie arbeitet in einem sechsköpfigen Team von Aufklärern, will informieren und Bewusstsein bilden.

Am Schwedenplatz im Wiener ersten Bezirk ist am frühen Samstagnachmittag viel los. Heute ist es der Arbeitsplatz für die Aufklärer, drei Frauen und drei Männer, alle stammen aus Rumänien. Der Verein "Goldenes Wiener Herz" stattete sie mit roten Jacken und Schildkappen aus. Den Arbeitsplatz Straße kennen sie gut: als Bettler oder Verkäufer von Straßenmagazinen.

Gleicher Arbeitsplatz, andere Aufgabe

"Ich möchte in Österreich arbeiten, bekomme aber keine Arbeit. Jeden Tag verkaufe ich Straßenmagazine und viele meinen, ich gehöre zu einer Bettelmafia. Das stimmt aber nicht!", erzählt der 26-jährige Aufklärer Salmin einer Passantin. Die zeigt sich mäßig interessiert, obwohl sich Salmin gut auf Deutsch ausdrücken kann.

Salmin ist seit drei Jahren in Österreich. Er ist der Zweitälteste von elf Geschwistern, seine Familie lebt in einem Häuschen in Titesti, einem Dorf 130 km nordwestlich von Bukarest. "Ich habe meine Schweißerausbildung 2008 mit Diplom abgeschlossen und dann im Dacia-Autowerk gearbeitet", erzählt er. Ein Jahr später übernahm Renault das Werk und ersetzte Salmins Arbeitsplatz durch einen Roboter: "Wir haben nichts in Rumänien."

Auch in Wien hat Salmin keine feste Unterkunft: ein paar Wochen Unterschlupf bei Bekannten, ein paar Wochen nach Hause, dann mit großen Hoffnungen wieder nach Österreich. Das Zeitungsverkaufen in Wien bringt bis zu 15 Euro pro Tag: "Wenn ich Essen und Unterkunft abziehe, kann ich nur ganz wenig Geld an meine Familie schicken." Salmin ist jung, sportlich, spricht Deutsch und hat Träume. Groß sind sie nicht, aber konkret: "Arbeit und eine Familie."

Studie über Vorurteile und Selbstbilder

Arbeit, zumindest kurzzeitig, gibt der Verein "Goldenes Wiener Herz" sechs jungen Rumänen: Sie, als direkt Betroffene, sollen über die Hintergründe des Bettelns aufklären. Der Verein startete im Frühjahr eine Spendenkampagne im Internet und lukrierte von privaten Geldgebern 9500 Euro. Dazu gab es Projektförderungen von der Österreichischen Hochschülerschaft und dem sozial-kulturellen Verein, der die WIEN-WOCHE veranstaltet. Mit deren Start am 13. September begann die Aufklärungsarbeit auf der Straße. Das Projekt läuft bis Ende Oktober unter dem Slogan "Stell dich nicht so an - Stell mich an!"

Die Aufklärer sind über den Verein angestellt. "In dieser Zeit sind sie sozialversichert, das waren sie bisher noch nie", betont Teresa Wailzer. Die 26-jährige Studentin ist Obfrau des Vereins "Goldenes Wiener Herz", der ausschließlich von Freiwilligen getragen wird. Wailzer schrieb im vergangenen Jahr ihre Diplomarbeit über Vorurteile und Selbstbilder rumänischsprachiger Bettler in Wien. Dabei lernte sie über hundert bettelnde Menschen persönlich kennen und interviewte fünfzehn für ihre eigene Forschung. Teresa Wailzer spricht Rumänisch, so konnte sie direkt Kontakt aufnehmen: "Anfangs waren alle verschlossen, aus einer Art Selbstschutz. Dann haben sie mir viel erzählt."

Am zweiten Einsatztag sind die Bettel-Aufklärer rund um das Burgtheater unterwegs. Es ist ein sonniger Herbsttag und Teresa Wailzer begleitet die sechs Rumänen bei der Aufklärungsarbeit: "Alle sind mit großem Ernst bei der Sache." Viele Passanten nehmen den Flyer, manche werfen ihn in den nächsten Mülleimer. "Es ist schwer, längere Gespräche zu führen", sagt Wailzer. Einige von denen, die das Projekt fördern, seien eigens vorbeigekommen, weil sie die Bettel-Aufklärer persönlich kennenlernen wollten. "Wir hoffen, dass Vorurteile abgebaut werden, und dass unsere sechs Aufklärer einen Job bekommen."

Mit direkter Armut konfrontiert

Auf Wiens Straßen betteln täglich unzählige Menschen. Wie viele genau, weiß niemand. Eine gesicherte Zahl gibt es nur von der Stadt Salzburg: 120 bettelnde Personen wurden in einer Tages-Totalerhebung im Frühjahr 2013 gezählt. Der Großteil kommt aus Rumänien und Bulgarien, wo die anhaltende Wirtschaftskrise viele Menschen in große Armut treibt. Sie versuchen ihr Glück in Österreich. Manche von ihnen pendeln in Sammeltaxis hin und her, andere wollen in Wien mit ihrer Familie ein neues Leben aufbauen.

Mit offenen Armen werden sie hier nicht aufgenommen. "Durch Bettler sind wir direkt mit Armut konfrontiert, was nicht angenehm ist", beschreibt Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas Wien, das Problem. Viele Österreicherinnen und Österreicher seien unsicher, ob sie den rumänischen Bettlern Geld geben sollen.

Florina, die hauptsächlich Straßenmagazine verkauft und nur selten bettelt, gehört bis Oktober zum Aufklärerteam. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern im Alter von fünf und elf Jahren in einer kleinen Wohnung. Vor kurzem hat Florinas Mann eine Arbeit in einer Gartenfirma gefunden; sie verkauft weiterhin den ganzen Tag Zeitungen am Straßeneck. Manche geben ihr eine Münze, ohne eine Zeitung zu kaufen, erzählt Florina. "Ungefähr 10 Euro bekomme ich an einem Tag." Ein nicht unwesentlicher Beitrag für das Familieneinkommen. In Zukunft würde sie gerne als Hausbesorgerin arbeiten. Ihren Kindern wünscht sie eine bessere Zukunft. In Österreich, wie sie betont.

Wie arbeitet die Bettelmafia?

In den vergangenen Monaten berichteten Medien, dass kriminelle Organisationen den bettelnden Menschen ihr Geld wegnähmen. Fakten gab es keine. "Dass es überhaupt keine Ausbeutung gibt, wäre vermessen zu sagen", stellt Teresa Wailzer fest, und führt zwei kürzlich aufgeklärte Fälle aus Salzburg an. "Aber die sogenannte Bettelmafia, wie sie in den Medien transportiert wird, habe ich nicht gefunden."

Für sie sieht die Bettelmafia aus der Beobachtung im Rahmen ihrer Forschung anders aus: "Wenn mehrere aus dem weiten Familienkreis gemeinsam betteln, sammelt einer immer wieder das Geld ein. Aus purer Angst, die Polizei könnte es wegnehmen." Da gilt es scharf zu differenzieren: "Ist Menschenhandel im Spiel, muss die Polizei sofort handeln." Laut Experten vom Bundeskriminalamt seien drei Prozent der Bettler Opfer von Menschenhandel, berichtet Klaus Schwertner: eine viel zu geringe Zahl, um alle Bettler zu kriminalisieren (siehe links).

Mehr als tausend ehrenamtliche Stunden hat das Team vom "Goldenen Wiener Herz" bereits in das Projekt gesteckt. Mit Ende Oktober sei Schluss, sagt Teresa Wailzer: "Unsere Mittel und unsere Kraft reichen nicht, um weiterzumachen." Auf jeden Fall will der Verein die Aktion gut dokumentieren und bei einem Runden Tisch von Hilfsorganisationen präsentieren. Hell strahlen würde das "Goldene Wiener Herz", wenn wenigstens einer der Aufklärer Arbeit fände.

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