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Russisch-europäisches Gasroulette

Das Duell um die Gasversorgung Europas verläuft zum Vorteil Russlands und der Türkei. Die Abhängigkeit der EU dürfte trotz Nabucco-Pipeline wachsen.

Vladimir Putin hat es immer schon gewusst. Schon damals, als er sich im Jahr 1999 – damals noch Geheimdienstchef, an die Schreibmaschine setzte und einen Artikel über Russlands Ölwirtschaft verfasste: Öl und Gas, so Putin, seien „die Hebel, um Russlands einstige Größe und neuen Reichtum herzustellen“. 20 Jahre, zwei Gas- und eine Öl-Blockade später, weiß die EU nur zu genau, dass Putin unter „Größe“ wohl auch die Macht des Monopols gemeint hat. Nicht umsonst stehen pünktlich zu Jahreswechsel Teile der europäischen Staatengemeinschaft plötzlich heizungslos in der tiefwinterlichen Kälte. Zehn EU-Staaten, unter ihnen auch Österreich, müssen schon jetzt mehr als 50 Prozent ihres Gasbedarfs mit russischen Importen decken – und Europas Problem wird sich verschärfen, laut einer Studie von AT Kearney könnte der Gasbedarf der EU bis 2020 um weitere 70 Prozent zunehmen.

Kleinkrieg um Pipelines

Verzweifelt versucht die EU deshalb, das Liefermonopol der Russen zu brechen und neue Transportwege aufzubauen. In diese Richtung schien ein entscheidender Schritt im Juli getan zu sein, als ein Rahmenvertrag über die Errichtung der Pipeline „Nabucco“ in Ankara unterzeichnet werden konnte. Doch während die Europäer jubelten, bereitete Russland den Gegenschlag vor. Mit der Unterzeichnung des Vertrages mit der Türkei scheint die Errichtung des Konkurrenzprojektes zu Nabucco, die South-Stream-Pipeline, sicher. Ein schlechtes Omen für Nabucco, zumal die Russen mit genau jenen zentralasiatischen Staaten Lieferverträge abgeschlossen haben, von denen auch die EU Gas kaufen will. Martin Selmayr von der europäischen Kommission stellt das zwar in Abrede: „Nabucco und South Stream sind keine rivalisierenden Projekte, sie ergänzen einander.“ Doch internationale Experten sehen das ganz anders. Zeyno Baran vom Washingtoner Hudson Institut ist sicher, dass „beide Projekte gleichzeitig nicht machbar sind“. Der Präsident des russischen Industrieverbandes Valeri Jasew meint: „Durch South Stream ist das Nabucco-Projekt ernstlich ins Wanken geraten.“ Der russische Energie-Experte Valeri Nesterow ergänzt: „Die Frage nach der Ressourcenbasis für Nabucco nach wie vor nicht gelöst ist.“

Solche Zweifel waren es wohl auch, die den italienischen Erdölkonzern ENA dazu gebracht haben, an der Seite des russischen Gazprom-Konzerns als Mitinitiator von South Stream einzusteigen. Zeitgleich hatte Gazprom seine Beteiligung an Nabucco abgesagt. Die Begründung von Gazprom-Vizechef Alexander Medwedew: „Ich kann nicht zwei Fliegen mit einer Klatsche schlagen.“ So gesehen fehlt der russischen Fliege weniger zur Realisierung als der europäischen. Denn bei South Stream steht derzeit nur noch das Okay der bulgarischen Regierung aus, die Gasroute durch ihr Land bauen zu dürfen. Allerdings: Angesichts der 100-prozentigen Abhängigkeit Bulgariens von russischen Gaslieferungen scheint der Widerstand zumindest überwindbar.

Die Türkei wird sich zur Enttäuschung der Europäer weiterhin neutral verhalten, denn sie profitiert von beiden Projekten, indem sie sich als internationale Drehscheibe für Erdöl und Erdgas profiliert. Immerhin würden bei Vollbetrieb beider Pipelines pro Jahr knapp 90 Milliarden Kubikmeter Erdgas über türkisches Gebiet transportiert werden – was für Ankara nicht nur eine Absicherung des nationalen Energiebedarfs bedeuten würde. Die Türkei würde so auch ihre geopolitische Machtposition entscheidend verstärken – mit allen Implikationen, die das auf die Beitrittsverhandlungen zur Europäischen Union hat. So heiß werden die politischen Machtfragen diskutiert, dass kaum noch Raum für Fachleute bleibt, die Sinnhaftigkeit der Projekte zu bewerten.

Nur zwei Papiertiger?

So hält etwa Konstantin Simonov, der Chef der russischen Energie-Sicherungs-Agentur, beide Pipelines für „Papiertiger“. Simonovs Begründung: Die bereits bestehende Pipeline Baku-Erzurum könne der EU mit Leichtigkeit jenes Gas liefern, das sie aus den Shah Deniz II-Gasfeldern Aserbaidschans beziehen will. Russland wiederum könne sich 8,6 Milliarden sparen, indem es statt auf South-Stream auf eine politische Einigung mit der Ukraine setzte.

Doch angesichts der am Dienstag erneuerteten diplomatischen Offensive Moskaus gegen die demokratisch gewählte ukrainischen Führung ist das wohl illusorisch. Bleibt, kopfschüttelnd ein skurriles Fernduell der „Aushängeschilder“ zu beobachten. Deutschlands Ex-Außenminister Joschka Fischer wirbt derzeit bei den Machthabern Zentralasiens für Nabucco und muss versuchen, seinen ehemaligen Koalitionspartner Gerhard Schröder auszubremsen, der im Solde Russlands den selben Politikern South-Stream verkaufen soll.

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