Digital In Arbeit

Russlands geistliche Macht

1945 1960 1980 2000 2020

Seit dem Fall des Kommunismus boomt der russisch-orthodoxe Glaube - in Form von Renovierungen, als Ansturm auf Kirchen, als politischer Player. Ein Augenschein.

1945 1960 1980 2000 2020

Seit dem Fall des Kommunismus boomt der russisch-orthodoxe Glaube - in Form von Renovierungen, als Ansturm auf Kirchen, als politischer Player. Ein Augenschein.

Eine kirchliche Reisegruppe macht sich auf den Weg nach Moskau. Schon nach dem ersten Tag ist allen klar, dass man ein falsches Bild der Stadt hat. Das "Dritte Rom" ist schöner, mächtiger und eindrucksvoller, als man es sich vorgestellt hätte. Der Kreml mit seinen dicken Mauern, Türmen und goldenen Kuppeln vieler Kathedralen ist äußerst imposant. Die (frisch renovierten) Kirchen und Klöster strotzen außen und innen vor Gold. Moskau vermittelt das Bild von Reichtum: Die stauverstopften Straßen gehen über vor schwarzen, schweren Luxuslimousinen. Man spürt das Flair einer Welt-,Handels-,Kunst- und Kulturstadt. Wenn man sich jedoch aus dem Zentrum entfernt, quert man endlose Vorstädte mit heruntergekommenen Mietskasernen. Deren Bewohner brauchen für den Weg zur Arbeit täglich ein bis zwei Stunden im Auto oder in der Metro. An fast jeder Kirche ist ein Bettler zu sehen. Die russische Reiseleiterin meint, dass jeder, der Arbeit suche, die Wahl zwischen drei Jobangeboten hätte. Gleichzeitig erklärt sie, die Lebenserwartung der Männer läge bei 49 Jahren. Was ist die Realität jenseits der Touristenhighlights?

Schein und Sein

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat Russland überstanden, weil staatliche Reserven aus Öl- und Gaseinnahmen lockergemacht, Pensionen erhöht und Gewinnsteuern gesenkt wurden. Günstige Kredite ermöglichten Investitionen. Pfarrer Wilfried Wehling der deutschsprachigen katholischen Elisabethgemeinde in Moskau berichtet, dass seine Schäfchen vor allem gutsituierte Handelsleute sind. Sie unterstützen Sozialprojekte, von Armenspeisung über Kinderkrankenhaus bis zu Jugendgefängnis. Wehling meint aber auch, dass die Stadt versucht, Arme aus dem Zentrum an den Rand zu drängen, um das Bild aufzupolieren. So musste eine Suppenküche eingestellt werden.

Aktuelles Problem ist, dass der Hass gegen Arbeitsmigranten aus kaukasischen und zentralasiatischen Regionen wächst. Elf Millionen Gastarbeiter leben in Russland, viele davon illegal in Parallelwelten. Als vor kurzem ein Russe von einem Kaukasier getötet wurde, stürmte ein aufgebrachter Mob einen von Aserbaidschanern geführten Gemüsegroßmarkt. Die Polizei veranstaltete eine Großrazzia: 2000 Ausländer wurden überprüft, 400 verhaftet, 100 abgeschoben. Die Moskauer Deutsche Zeitung zitierte Bürgermeister Sergej Sobjanin: "Ich sehe keinen einzigen Grund, warum wir hier Migranten binden sollten." Die Opposition fordert Visapflicht für Migranten. Putin hält das Problem für ein Relikt des "wilden Kapitalismus". Lösungen haben weder er noch andere.

Aufstieg der orthodoxen Kirche

Erlösung hingegen verspricht die russisch-orthodoxe Kirche. Es ist beeindruckend, wie sich zum Gottesdienst die Menge in den Kirchen drängt. Alte, Junge, Arme, Reiche, Männer, Frauen zünden Kerzen an, bekreuzigen sich vor Priester und Ikonen, stehen stundenlang an, um eine Reliquie zu küssen. So auch in dem im 13. Jahrhundert gegründeten Danilow-Kloster. 1917 wurde es geschlossen, enteignet, zu Fabrik und Gefängnis umfunktioniert, 1988 der Kirche zurückgegeben. Außen präsentiert sich das Kloster eher schlicht, innen strahlt es in überwältigendem Glanz. Neue Ikonen, Luster, Teppiche und liturgische Gewänder zeugen von Reichtum. Zurückgekehrt sind die 18 Glocken, die 1930 von Gläubigen in die USA gerettet worden waren und der Harvard University als Zeitmesser dienten.

Die russisch-orthodoxe Kirche zählt zurzeit etwa 100 Millionen Mitglieder, jedoch nur fünf bis zehn Prozent sind regelmäßige Gottesdienstbesucher. 2006 wurde der Religionsunterricht an Schulen wieder eingeführt. 1998 verlegte das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche seinen Sitz hierher.

Seit 2009 steht Kiril I. der Kirche als Patriarch vor. Durch ihn, so schrieb der in Berlin lehrende russische Philosoph Michael Ryklin in der Kulturzeitschrift Lettre International, sei die Kirche "zu einem integralen Teil der Machtvertikale geworden". Habe die atheistische Sowjetmacht die Kirche versklavt, ihren Zielen unterworfen, so verschmelze nun die operative Macht Putins mit der Kirche. Ryklin weiter: "In der Kirche wird Askese gepredigt und Luxus gefördert, Demut gepredigt und Intoleranz praktiziert." Selbst der Sprecher Kirils musste zugeben, dass der Patriarch Wagenpark, Residenzen und Privatflugzeug zu seiner Verfügung hat.

Laut dem Journalisten Alexander Soldatow hat Kiril ein persönliches Vermögen von vier Milliarden Dollar vor allem mit Tabakhandel angehäuft. Im Westen sorgte der Patriarch zuletzt mit seiner Kritik an Feminismus und Homo-Ehe für Kopfschütteln.

Ungeachtet dessen ist in Kirchen und Klöstern überall tiefe Gläubigkeit zu beobachten. Jahrzehntelang war die Ausübung der Religion unterdrückt. Die russische Reiseleiterin erzählt, dass die Taufe ihrer Söhne vor 30 Jahren geheim in einem Kirchlein in den Wäldern stattfinden musste. Der Priester wurde später unter ungeklärten Umständen tot aufgefunden. Heute sind die Jungen tief beglückt, wenn sie an einer orthodoxen Hochzeit teilnehmen dürfen, wenngleich viele nur marginale religiöse Kenntnisse haben.

"Stalin war ein gläubiger Mann"

Auch für Katholiken war und ist die Situation im (nach)kommunistischen Russland nicht leicht. Pfarrer Wehling, seit über 20 Jahren in Moskau, erzählt, welchen Anfeindungen er früher ausgesetzt war. Mittlerweile seien die Beziehungen zwischen Katholiken und Orthodoxen gut, persönliche Freundschaften entstanden.

Die Renaissance der russischen Kirche ist auch im Dreifaltigkeitskloster in Sergijew Posad zu beobachten, das sich zu einem wichtigen Handelszentrum mit Ikonenmalerei und Holzschnitzerei entwickelte. Herz der Anlage ist die Dreifaltigkeitskathedrale mit Ikonen des berühmten Malers Andrej Rubljow und den Überresten des Heiligen Sergius. In langer Schlange stellen sich Gläubige an, um den Sarkophag zu küssen und Wunschzettel zu hinterlegen. In Flaschen wird Wasser aus einer heilenden Quelle abgefüllt.

Ein Mönch führt uns herum und belehrt: Rasputin sei ein heiliger Mann und zu Unrecht verleumdet, die 1918 ermordete Zarenfamilie von der orthodoxen Kirche als Märtyrer heiliggesprochen, Stalin ein gläubiger Mann gewesen, schließlich habe er 1946 erlaubt, die Anlage wieder als Konvent zu benutzen: Auffallend, dass 60 Jahre Kommunismus konsequent verdrängt werden. Dass in der Stadt weiter Marx-, Engels- oder Leninbüsten stehen, wird geflissentlich übersehen.

Michael Ryklin schrieb dazu im Zürcher Tagesanzeiger: "Die Geheimdienste kontrollieren die Archive der Sowjetzeit. Es war eine schreckliche Vergangenheit und viele Leute wollen nicht, dass sie öffentlich wird." Und weiter: "In Russland wird Stalin heute glorifiziert. Es heißt, er sei ein großer Politiker, und seine Säuberungen seien nötig gewesen. Putins Polittechnologen sagen: Das Einzige, was Russland noch zusammenhält, ist Stalins Sieg im Zweiten Weltkrieg. Wenn wir das verlieren, zerbricht Russland." Rylkins Resümee: "Millionen Opfer werden sinnvoll, geheiligt durch seinen Sieg."

Unterschiedliche Wahrnehmung

Eine (Un)Tat Stalins wurde rückgängig gemacht: Die Christus-Erlöser-Kathedrale, vom Diktator 1931 gesprengt, wurde in den 1990er-Jahren wieder aufgebaut. Angesichts der Pracht innen wie außen fragt man sich, woher das viele Geld für den Neubau stammt -es heißt, aus Spenden der Gläubigen. Zuletzt wurde die Kirche durch den Auftritt von Pussy Riot bekannt. Dass die jungen Frauen in der Vergangenheit durch Sex-Aktionen aufgefallen waren und nach Kritikermeinung seriöser Opposition eher geschadet hätten, ihre Verurteilung daher gleichgültig aufgenommen wird, unterscheidet westliche und russische Wahrnehmung.

Besuche im Neujungfrauenkloster, in der Basiliuskirche am Roten Platz, bei der Ikone der "Gottesmutter von Wladimir" in der berühmten Tretjakow-Galerie samt dem wiederaufgebauten Zarenpalast in Kolomenskoje runden die Reise ab.

Die Autorin ist freie Journalistin u. Buchautorin. Sie lebt in Wien.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau