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Ruth Wodak: "Polemik gab es immer. Jetzt verletzt man Tabus"

1945 1960 1980 2000 2020

Ihre Analysen sorgen für Emotionen: Ruth Wodak, Sprachwissenschafterin und Wittgenstein-Preisträgerin, beschreibt im furche-Gespräch politische Sprechweisen, Wesenszüge der österreichischen Identität - und entgegnet dem Vorwurf der Einseitigkeit.

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Ihre Analysen sorgen für Emotionen: Ruth Wodak, Sprachwissenschafterin und Wittgenstein-Preisträgerin, beschreibt im furche-Gespräch politische Sprechweisen, Wesenszüge der österreichischen Identität - und entgegnet dem Vorwurf der Einseitigkeit.

DIE FURCHE: Die Kommission gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit des Europarats (ECRI) hat in ihrem Bericht Österreich heftig kritisiert. Fühlen Sie sich bestätigt?
Ruth Wodak: Es bestätigt tatsächlich viele unserer Datenerhebungen. Das bedeutet nicht, dass es in anderen Ländern Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht geben würde, aber dass in Österreich bestimmte Dinge öffentlich gesagt werden können, die anderswo sicher den Rücktritt von Politikern zur Folge hätten.

DIE FURCHE: In einer Studie haben Sie die Zusammenhänge zwischen Populismus, Nationalismus und Sprache untersucht. Was war Ihre Ergebnis?
Wodak: Der Nationalismus ist gekennzeichnet durch ein sehr starkes Wir-Gefühl in Abgrenzung von anderen. Das ist kein österreichisches Spezifikum. Auch in Frankreich ist Chauvinismus durchaus verbreitet. Was auffallend war, ist die Umkehr auf "wir sind das Opfer von ...". Letztes Jahr war man Opfer der EU, in der Waldheim-Zeit Opfer des Jüdischen Weltkongresses, also irgendwelcher scheinbar mächtiger Lobbys - ohne nachzufragen: Gibt es Punkte, die berechtigterweise kritisiert werden? Das Sichverschwören auf einen "Schulterschluss" ist ebenso zu hinterfragen: Wer soll Schulter schließen mit wem? Das setzt eine Homogenität einer Nation voraus, die es so nicht gibt.

DIE FURCHE: Die Kommission gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit des Europarats (ECRI) hat in ihrem Bericht Österreich heftig kritisiert. Fühlen Sie sich bestätigt?
Ruth Wodak: Es bestätigt tatsächlich viele unserer Datenerhebungen. Das bedeutet nicht, dass es in anderen Ländern Fremdenfeindlichkeit und Rassismus nicht geben würde, aber dass in Österreich bestimmte Dinge öffentlich gesagt werden können, die anderswo sicher den Rücktritt von Politikern zur Folge hätten.

DIE FURCHE: In einer Studie haben Sie die Zusammenhänge zwischen Populismus, Nationalismus und Sprache untersucht. Was war Ihre Ergebnis?
Wodak: Der Nationalismus ist gekennzeichnet durch ein sehr starkes Wir-Gefühl in Abgrenzung von anderen. Das ist kein österreichisches Spezifikum. Auch in Frankreich ist Chauvinismus durchaus verbreitet. Was auffallend war, ist die Umkehr auf "wir sind das Opfer von ...". Letztes Jahr war man Opfer der EU, in der Waldheim-Zeit Opfer des Jüdischen Weltkongresses, also irgendwelcher scheinbar mächtiger Lobbys - ohne nachzufragen: Gibt es Punkte, die berechtigterweise kritisiert werden? Das Sichverschwören auf einen "Schulterschluss" ist ebenso zu hinterfragen: Wer soll Schulter schließen mit wem? Das setzt eine Homogenität einer Nation voraus, die es so nicht gibt.

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DIE FURCHE: Nun liegt ein Wahlkampf hinter uns, in dem die FP trotz Einsatzes von Jörg Haider - dessen Aussage über Ariel Muzicant für Sie eindeutig "antisemitisch" war - klar verloren hat. Ist bei solchen Äußerungen eine größere Sensibilität festzustellen?
Wodak: Man hat medial eine große Sensibilität gemerkt, wobei es eine kleine Anfangszeit gebraucht hat. Auch auf Grund von Kritik des Auslandes hat es dann kritische Bemerkungen der Oppositionsparteien gegeben, was im Titelblatt des profil "Haider gegen Häupl" kulminiert ist. Das war ein Konstruieren hin auf diesen Gegensatz. Trotzdem war diese Wahl nicht nur eine Entscheidung gegen den Antisemitismus oder die Instrumentalisierung antisemitischer Gefühle, sondern das Ergebnis vielfältiger Ursachen.

DIE FURCHE: Sie sind in Ihren Analysen vor allem auf Wortmeldungen freiheitlicher Politiker eingegangen. So haben Sie etwa - im Auftrag der SPÖ - ein Gutachten über Medienrichter Ernest Maurer erstellt und ihm nach einer sprachwissenschaftlichen Analyse eines Urteils aus dem Jahr 1986 "Verharmlosung von rassistischen Ideologien" vorgeworfen. Haben Sie keine Angst vor der Instrumentalisierung durch politische Parteien?
Wodak: Nein, denn wenn ich dieses Gutachten im Auftrag von wem immer gemacht hätte, wäre ich zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Die Frage ist, ob man sich als Wissenschafter die Autonomie behält, die Ergebnisse zu präsentieren, die man objektiv nachvollziehbar und überprüfbar recherchiert hat, oder ob man die Ergebnisse liefert, die der Auftraggeber will. Das habe ich nie gemacht. Dass aber jeder Wissenschafter seine/ihre Werte in die Arbeit hineinträgt, hat Jürgen Habermas auch für die Naturwissenschaften gezeigt. Es gibt keine Wissenschaft im luftleeren Raum. Wir haben grundsätzlich immer auch andere Parteien untersucht und uns im Buch "Racism at the Top", das sechs EU-Länder vergleicht, mit allen Mainstream-Parteien beschäftigt.

DIE FURCHE: Orten Sie eine Verrohung der Sprache in der Politik?
Wodak: Polemik gab es immer, das ist ein Mittel der Politik. Man will Leute von sich überzeugen, daher macht man die anderen schlecht. Was man jetzt beobachten kann, ist das Verletzen von Tabus, die bisher in der Zweiten Republik gegolten haben. Dazu gehören Antisemitismus, offene Fremdenfeindlichkeit - etwa im Wiener Wahlkampf 1999 - oder Unwahrheiten, auf die niemand reagiert.

DIE FURCHE: Von den Niederungen der Politik zu den Hohen Schulen: Sie fordern die Universitäten auf, sich gegen eine Sprache der Gewalt auszusprechen. Wie gelangt dieses Anliegen von den Eliten an den Stammtisch?
Wodak: Die sprachliche Ebene allein ist hier zu wenig. Aber da fehlt den Bildungsinstitutionen - und das meine ich durchaus selbstkritisch - die Sprache der Vermittlung.

DIE FURCHE: Begriffe wie "Diskursanalyse" machen Otto Normalverbraucher tatsächlich ziemlich ratlos.
Wodak: Aber man kann ihm sagen: "Die Worte, die du verwendest, tun weh." Es gibt die Erfahrung jedes Einzelnen, dass beispielsweise die Verunglimpfung des eigenen Namens nicht angenehm ist. Hier muss eine Übersetzung aus dem Wissenschaftschargon in eine alltagsnahe Sprache geschehen.

DIE FURCHE: Sie haben "diskursive Interkulturen" angedacht. Was kann man sich darunter vorstellen?
Wodak: In Holland setzen sich etwa Schulkinder aus der Türkei oder Marokko mit "echten" Holländern zusammen und diskutieren ihre Erfahrungen. Wenn das sinnvoll moderiert wird und man akzeptiert, dass der oder die andere Experte für die jeweilige Kultur ist, dann werden Einigungsprozesse möglich. So etwas könnte man in jedem Gemeindebau machen. Im Kaisermühlenblues gibt es dazu schöne Beispiele. Die Marianne Mendt ist hier eine total positive Identifikationsfigur.

DIE FURCHE: Ein Schwerpunkt Ihrer Analysen liegt auf der Spannung zwischen Nationalität und Identität. Gibt es so etwas wie eine österreichische Identität?
Wodak: Es gibt nicht die österreichische Identität, sondern Identitäten. Für unterschiedliche Gruppen sind unterschiedliche Dinge identitätsstiftend. Dazu gehört in jedem Fall oft der Pass eines neutralen Landes. Viele wissen zwar nicht genau, was Neutralität eigentlich bedeutet, aber sie ist in jedem Fall emotional identitätsstiftend.

DIE FURCHE: Typisch für Österreich ist auch seine karge Medienlandschaft. Sie selbst haben die Berichterstattung der Kronenzeitung untersucht.
Wodak: Wir haben mehrere Zeitungen untersucht. Die Kronenzeitung ist deshalb ein Phänomen, weil sie - gemessen an der Bevölkerungszahl - die meistgelesene Zeitung weltweit ist. Wir haben die Kampagnen um Hainburg und in der Waldheim-Zeit untersucht, wo alles auf ein Thema zugeschnitten war, vom Titelblatt bis zum Leserbrief. Wenn man sich vorstellt, dass über 40 Prozent der Österreicher das lesen, kann man sich vorstellen, wie meinungsbeeinflussend dieses Medium wirkt. Die Politiker überlegen sich nicht umsonst: Was schreibt die Krone?

DIE FURCHE: Von der Ein- zur Vielfalt: Im Juni des heurigen "Europäischen Jahres der Sprachen" findet eine Tagung über "Die Kosten der Mehrsprachigkeit" statt. Wie teuer kommt sie uns?
Wodak: Das Budget für Übersetzungen in der EU ist gewaltig - angesichts der Erweiterung ein riesiges Problem. Was uns die Mehrsprachigkeit aber bringt, ist Gleichberechtigung. Wir haben in unseren EU-Studien gesehen, dass in bestimmten Gremien, wo vor allem Englisch und Französisch gesprochen wird, die Muttersprachler sich besser durchsetzen. Oder man findet eine Art von Englisch als "lingua franca", in der man nicht perfekt sein muss, aber so gut, dass man einander versteht.

DIE FURCHE: Viele fürchten diese Vereinheitlichung und ein Sprachensterben.
Wodak: So lange es eine klare funktionale Trennung gibt, dass etwa das Englische nur in bestimmten Gremien verwendet wird, sehe ich diese Gefahr nicht. Sollte es aber dazu führen, dass man ohne diese Sprache in zentralen Gesellschaftsbereichen nicht mehr weiter kommt, dann würden die anderen Sprachen zwar nicht gleich sterben, aber in Wortschatz und Grammatik langsam eingeschränkt werden. Das kennen wir etwa vom Bretonischen in Frankreich.

DIE FURCHE: Sie wurden 1996 mit dem Wittgensteinpreis ausgezeichnet und haben mit dem Preisgeld von 15 Millionen Schilling ein Forschungszentrum über "Diskurs, Politik, Identität" gegründet. Nächstes Jahr enden die Zahlungen. Was dann?
Wodak: Es wäre natürlich von Seiten des Geldgebers nicht besonders effizient, wenn das eingestellt würde, doch das sollte zuerst evaluiert werden. Momentan schreiben wir an einem Buch über die "neue europäische Identität". Im letzten Jahr sind uns die visionären Reden von Politikern wie Joschka Fischer, Romano Prodi oder Tony Blair aufgefallen. Anhand dieser Reden orientieren wir uns, welche Ideen für die Zukunft Europas kursieren.

Ruth Wodak - © APA/Standard/Heribert Corn

Ruth Wodak

Forschungsfeld Erlebtes

Als Diplomatenkind habe sie die Wichtigkeit von Fremdsprachen erlebt. Auch die Beschäftigung mit dem Rassismus sei ein autobiographisches Motiv: "Ich bin selbst Jüdin und habe manifest Antisemitismus in Österreich erlebt. Wahrscheinlich ist das ein Verarbeitungsmechanismus." Ruth Wodak wurde 1950 in London geboren. Paris, Belgrad und Moskau waren weitere Stationen. An der Universität Wien begann Wodak das Studium der Linguistik, Slawistik und der Modernen Europäischen Geschichte und promovierte 1974 sub auspiciis praesidentis. Nach ihrer Habilitation in Soziolinguistik und Psycholinguistik führten sie Gastprofessuren nach Schweden und in die USA. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhält Wodak 1996 Österreichs höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschafter, den Wittgenstein-Preis. Mit dem Preisgeld von 15 Millionen Schilling gründete sie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Wittgenstein-Institut mit dem Schwerpunkt "Diskurs, Politik, Identität". Auch die Geschlechter-Forschung liegt im Zentrum ihres wissenschaftlichen Interesses. Die Linguistin spricht selbst sechs Sprachen: neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Russisch, Serbisch und Italienisch. Letzteres "nicht fluently".

Als Diplomatenkind habe sie die Wichtigkeit von Fremdsprachen erlebt. Auch die Beschäftigung mit dem Rassismus sei ein autobiographisches Motiv: "Ich bin selbst Jüdin und habe manifest Antisemitismus in Österreich erlebt. Wahrscheinlich ist das ein Verarbeitungsmechanismus." Ruth Wodak wurde 1950 in London geboren. Paris, Belgrad und Moskau waren weitere Stationen. An der Universität Wien begann Wodak das Studium der Linguistik, Slawistik und der Modernen Europäischen Geschichte und promovierte 1974 sub auspiciis praesidentis. Nach ihrer Habilitation in Soziolinguistik und Psycholinguistik führten sie Gastprofessuren nach Schweden und in die USA. Neben zahlreichen anderen Auszeichnungen erhält Wodak 1996 Österreichs höchstdotierte Auszeichnung für Wissenschafter, den Wittgenstein-Preis. Mit dem Preisgeld von 15 Millionen Schilling gründete sie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften das Wittgenstein-Institut mit dem Schwerpunkt "Diskurs, Politik, Identität". Auch die Geschlechter-Forschung liegt im Zentrum ihres wissenschaftlichen Interesses. Die Linguistin spricht selbst sechs Sprachen: neben Deutsch auch Englisch, Französisch, Russisch, Serbisch und Italienisch. Letzteres "nicht fluently".

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