Salut dem Friedensflüsterer

Der Nobelpreis ist eine Ehre, doch nur die Anerkennung durch die USA gibt der UNO, was sie am meisten braucht: Macht.

Was nichts kostet, ist nichts wert - oder anders gesagt: Was ich mir nicht viel kosten lasse, ist mir nicht viel wert. Treffender lässt sich das bisherige Verhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und den Vereinten Nationen nicht beschreiben. Wenn die USA auf der Suche nach einer weltweiten Allianz gegen den Terror nun aber bereit sind, sich die UNO etwas kosten zu lassen, gibt das umgekehrt zur berechtigten Hoffnung Anlass, dass auch der Wert und damit die Effizienz der Vereinten Nationen steigt.

Worüber UN-Generalsekretär Kofi Annan sich dieser Tage wohl mehr freut: über die Vergabe des Nobelpreises an ihn und seine Organisation oder die Begleichung der US-Rückstände von immerhin 2,33 Milliarden Dollar? Nicht nur was den absoluten Betrag betrifft, ist die Überweisung aus Washington sicherlich als bedeutender einzustufen. Mit dem Nobelpreis an der Brust gewinnt man (bestenfalls) an Prestige, aber mit den USA im Rücken erhält man Macht und kommt damit der mit der Auszeichnung transportierten Vision der UNO als einer globalen Friedensmacht einen entscheidenden Schritt näher.

Denn reale Macht und Durchsetzungskraft, daran hat es den Vereinten Nationen seit ihrer Gründung im Jahr 1945 immer wieder, einmal mehr, einmal weniger, gefehlt. Dafür wurden sie immer wieder, einmal mehr, einmal weniger, kritisiert. Dabei sind aber gerade die schärfsten Kritiker, die Regierungen der Nationalstaaten - die größten und mächtigsten zuvorderst -, nicht von einem gewissen Hang zur Schizophrenie freizusprechen. Auf der einen Seite kritisieren sie die Vereinten Nationen für ihre Defizite und dass sie keinen Frieden herstellen können, auf der anderen Seite führen sie diese Handlungsschwäche selber herbei. Die Vereinten Nationen können aber nur das leisten, was ihre Mitglieder - wieder die größten und mächtigsten zuvordest - zulassen. Und bislang, genauer gesagt bis zum Terror vom 11. September, ließen gerade die USA keine Möglichkeit aus, ihre Marginalisierungsstrategie gegenüber der UNO umzusetzen und diese in den Hintergrund der Weltpolitik zu schieben.

Ein Missverständnis lag auch immer darin, dass die Vereinten Nationen mit Militärallianzen wie der NATO verglichen wurden. Doch die NATO hat - trotz aller zuletzt proklamierten Veränderungen in Richtung einer sicherheitspolitischen Dienstleistungsorganisation neuen Typs - eine ganz andere Aufgabe: die der Verteidigung; und ganz andere Instrumente: Soldaten und Waffen. Mit Soldaten und Waffen kann man - wie sinnvoll auch immer - rasch zuschlagen, und insofern ist es relativ leicht gefallen, in Bezug auf die Effektivität Militärallianzen vor der weltumspannenden UNO den Vorzug zu geben.

Der 11. September hat aber auch in diesem Punkt die Tages- und Rangordnung der Weltpolitik über den Haufen geworfen. Dem Kampf gegen den Terror ordnet sich plötzlich alles unter, und jene Bekämpfer des Terrors, von denen man sich den größten Erfolg verspricht, werden allem anderen übergeordnet. Worauf es jetzt ankommt, ist eine neue Qualität von Effektivität. Primär zählen nicht mehr Soldaten und Waffen, sondern die Fähigkeit, tragfähige Allianzen zu schmieden, die einen längeren Bestand garantieren als die aus Schreck, Betroffenheit und erstem Mitgefühl heraus entstandenen Ad-hoc-Bündnisse.

"Da gibt es ja doch noch diese Vereinten Nationen", hat vielleicht ein Berater des US-Präsidenten in einer ziemlich verfahrenen Krisensitzung die rettende Idee gehabt. Eine Lösung aus der Not heraus, völlig konträr zum bisherigen Vorgehen der Bush-Administration, in gewisser Weise vergleichbar mit der Notlösung des Nobelpreiskomitees, das in der angespannten Weltlage einen möglichst wenig kontroversen Preisträger gesucht hat. Wobei Kofi Annans Wahl vorrangig ein Wechsel für die Zukunft und weniger die Anerkennung bisheriger Leistungen ist.

Denn als Botschafter des Friedens war der 63 Jahre alte Ghanaer weitgehend glücklos: Im Irak blieben seine Versuche, Saddam Hussein zur Räson zu bringen, ohne dauerhaften Erfolg. Auch auf dem Balkan spielte die Weltorganisation in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre nur mehr eine Statistenrolle. Im Nahen Osten vermochte Annan ebenfalls nichts auszurichten. Zypern und Korea sind weitere ungelöste Konfliktherde, bei denen die UNO letztlich zum Zuschauen degradiert ist.

Tatenlos zusehen - eine traumatische Erfahrung, die den Sohn des Erbfolgers eines Stammeshäuptlings und späteren britischen Gouverneurs an der Goldküste tief geprägt hat. Als Unter-Generalsekretär für die Blauhelm-Einsätze der UNO sah er 1984 das Massaker an 800.000 Tutsi in Ruanda mit an. Er entschuldigte sich später für die Ohnmacht der Vereinten Nationen - für sein Wegschauen, wie Kritiker in Afrika seitdem bitter sagen. Als ein Jahr später Blauhelme das Morden in Bosnien zuließen, schien die UNO als Schutzmacht der Schwachen endgültig versagt zu haben.

Doch Kofi Annan gelang es - leise und ohne großes Gehabe - das Grundprinzip der Vereinten Nationen, die Staatensouveränität, in Frage zu stellen und durch das Prinzip Einmischung zu ersetzen. Eine Konsequenz daraus: der bewaffnete Friede, das Recht auf Einsatz von Gewalt, um der Gewalt gegen Wehrlose Herr zu werden - allerdings mit Mandat und Erlaubnis der UNO. Im Kampf gegen den Terror ist Annan die Umsetzung geglückt. Amerikas Gegenschlag trägt das Siegel der Vereinten Nationen.

Ein internationaler Strafgerichtshof (den die amerikanischen "Souveränisten" bisher so unbekümmert abgelehnt haben), ein Verwaltungsmandat der UNO für Afghanistan, das schon viel früher hergehört hätte: Vieles Wünschenswerte ist auf einmal denkbar und möglich geworden - seit nicht nur mehr das Nobelpreiskomitee "öffentlich kundtut, dass der einzige begehbare Weg zu globalem Frieden der über die Vereinten Nationen ist".

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