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Schule als kleinster gemeinsamer Nenner

1945 1960 1980 2000 2020

Letzten Dienstag hat die Regierung ihre Bildungsreformpläne präsentiert. Das Ergebnis: Minimal-Kompromisse bei Schulverwaltung und Gesamtschul-Modellregionen, kleine Fortschritte bei Autonomie und Elementarbildung - und jede Menge Klärungsbedarf. Eine Analyse.

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Letzten Dienstag hat die Regierung ihre Bildungsreformpläne präsentiert. Das Ergebnis: Minimal-Kompromisse bei Schulverwaltung und Gesamtschul-Modellregionen, kleine Fortschritte bei Autonomie und Elementarbildung - und jede Menge Klärungsbedarf. Eine Analyse.

Vergangenen Dienstagmorgen ist ein Wunder geschehen - zumindest wenn man Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) glaubt: Nach monatelangem Tauziehen in der achtköpfigen Bildungsreformkommission, nach theatralischen Abgängen zweier Landeskaiser und einem finalen, Verhandlungsmarathon hätten sich schlussendlich "die Kinder durchgesetzt". Das Papier, das sie gemeinsam mit Staatssekretär Harald Mahrer (ÖVP) präsentierte, war freilich weniger der herbeizitierte "Durchbruch" als ein Ausfluss dessen, wie in Österreich gemeinhin Bildungspolitik funktioniert: als gegenseitiges In-Schach-Halten widerstreitender Ideologien - oder als machtpolitischer Bazar: Gibst Du mir, geb ich Dir Aber beginnen wir von vorn, bei jenem Kapitel, das die nachhaltigste Neuerung verspricht.

Fokus auF ElEmEntarbErEich

Es geht um das zweite verpflichtende Kindergartenjahr für alle - die einzige Maßnahme, für die im Rahmen der ansonsten zu "Kostenneutralität" verdonnerten Bildungsreform frisches Geld in die Hand genommen wird. Man kann die Formulierung, wonach mit dieser Investition spätere "Reparaturen" unnötig werden sollen, bedenklich finden; aber Tatsache ist, dass gerade Kinder mit sozialem oder sprachlichem Förderbedarf (egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund) von dieser Neuerung profitieren -insbesondere in Wien, Kärnten und der Steiermark, wo die Quoten bei den Vierjährigen etwas schlechter liegen. Dass es bei Kindern ohne Förderbedarf auch eine "Opt-out"-Möglichkeit geben soll, war das nötige Zugeständnis an die Volkspartei. Ebenfalls geplant ist ein "Bildungskompass", wie ihn Markus Hengstschläger analog zum Mutter-Kind-Pass vorgeschlagen hat - samt Potenzialanalysen ab 3,5 Jahren und durchgehender Sprachstands- und Entwicklungsdokumentation bis zum Ende der Schullaufbahn. So gut das klingt, so zweifelhaft ist, ob es auch die nötigen Förder-Ressourcen gibt. Wenn sie fehlen, bleibt für die ohnehin überlasteten Kindergartenpädagoginnen nur mehr Bürokratie. Dass im Reformpapier weder für sie, noch für die Kindergartenleitungen eine akademische Ausbildung vorgesehen ist, bringt die zuständige Plattform "EduCare" in Rage. Sie bezweifelt, ob auf diese Art der geplante Austausch von Kindergartenpädagoginnen und Volksschullehrerinnen auf Augenhöhe gelingen kann. Dass die Flexibilität und Kommunikation in der "Schuleingangsphase neu" verbessert werden soll und punktuelle Schulreifeprüfungen beendet werden, ist jedenfalls höchste Zeit. Ebenso, dass Volksschulen autonom über Jahrgangsklassen oder alternative Leistungsbeurteilungen entscheiden können. Die rund 2000 jährlichen Schulversuche allein dazu könnte man sich bereits ab 2016/17 sparen.

Ausbau der Autonomie

Womit wir beim Herzstück der Reform angekommen wären: Dem Ausbau der Schulautonomie, die alle ideologischen Differenzen überstrahlen soll. Allzu weit ist sie allerdings nicht gediehen: In der Sekundarstufe 1 (AHS-Unterstufe und Neue Mittelschule) soll zwar bis zu ein Drittel der Stunden autonom festgelegt werden können, in der Oberstufe sind es wegen der Zentralmatura allerdings nur 20 Prozent und in den Volksschulen gar nur fünf Prozent. Für Schwerpunktschulen wie die 150 österreichischen Musik-Volksschulen ein veritables Problem. Um autonom agieren zu können, ist künftig auch eine kritische Größe von mindestens 200 Schülerinnen und Schülern nötig, kleinere Standorte müssen sich zu einem Schulcluster ("Verwaltungseinheit neu") zusammenschließen. Autonom festgelegt werden können hier etwa mehrjährige Schulkonzepte oder auch die Öffnungszeiten der Schule, die deutlich ausgeweitet werden sollen. Ein wichtiger Schritt, sofern der "Lebensraum Schule" für Lehrkräfte und Schüler attraktiver wird. Die personelle und finanzielle Autonomie der Schulleiter, die auf fünf Jahre befristet berufen werden, ist freilich deutlich kleiner als erhofft: Sie haben nur ein Vetorecht bei Neuanstellungen und können zusätzliches Unterstützungspersonal nur "im Rahmen der zugewiesenen Ressourcen" einsetzen; auch verfügen sie über keine generelle Budgethoheit, sondern können nur das Sachmittelbudget etwas freizügiger verwalten. "Da hat der Mut gefehlt", kritisiert der Wiener Bildungswissenschafter Stefan Hopmann, der als einziger Experte (neben all den Behördenvertretern) kurz in einer Arbeitsgruppe für die Bildungsreformkommission tätig war. Hopmann wagt sogar die Prognose, dass durch die zusätzlichen Beobachtungsmechanismen und fehlenden Mittel am Ende "die autonomen Entscheidungsspielräume sogar noch schrumpfen" könnten.

Gesamtschule-Modellregionen

Deutlich kleiner als geplant sind auch die Modellregionen für eine gemeinsame Schule aller Sechs- bis 14-Jährigen ausgefallen. Pro Bundesland dürfen nur maximal 15 Prozent aller Schulen bzw. aller Schülerinnen und Schüler an diesem Modell teilnehmen - sehr zur Freude der ÖVP, die für den Erhalt des Gymnasiums kämpft, aber zum Ärger von Vorarlberg und Wien, wo man landesweite Modellversuche plant. (Michael Häupl ist dennoch zuversichtlich, bereits 2025 - nach der ersten Evaluierung - flächendeckend starten zu können.) Welche Schulen beim 15-Prozent-Modell mitmachen sollen bzw. müssen, konnten Heinisch-Hosek und Mahrer indes nicht schlüssig erklären. Klar ist nur, dass (katholische) Privatschulen nicht dazu gezwungen sind - und dass die Schulpartner zwar beratend eingebunden werden, aber eine Teilnahme an einem Modellversuch nicht ablehnen können. Hier endet also die Schulautonomie. Bleibt die Frage, wie sinnvoll 15-Prozent-Gesamtschul-Modellregionen insgesamt sind. IHS-Bildungsforscher Lorenz Lassnigg ortet einen "Knebelungsparagraphen", Stefan Hopmann sieht hingegen das gesamte Vorhaben skeptisch: Erstens, weil man dadurch nichts erfahren werde, was man nicht schon wisse; und zweitens, weil sich durch Gesamtschulmodelle insgesamt das große Problem der sozialen Segregation nicht lösen lasse: Es würden sich einfach neue Differenzierungstechniken -etwa durch die Flucht in Privatschulen - entwickeln. Einen sozialen Ausgleich könne man nur über mehr Ressourcen für benachteiligte Standorte schaffen. Doch von einer Pro-Kopf-Finanzierung auf Basis eines Sozial-Index fehlt im Reformpapier jede Spur. Das würde ja etwas kosten.

Schulverwaltung

Womit wir beim letzten und umstrittendsten Punkt wären: der effizenteren Schulverwaltung. Bis zuletzt warf man sich widersprüchlichste Zahlen an den Kopf: Das Innsbrucker Institut für Föderalismus rechnete vor, dass eine "Verländerung" der Verwaltung fast 20 Millionen Euro einsparen würde, das IHS ging von 470 Millionen Euro Ersparnis bei einer Alleinzuständigkeit des Bundes aus. Der Kompromiss sind nun neun Bildungsdirektionen als gemeinsame Bund-Länder-Behörden, die für Bundes- wie Landeslehrer sowie für die Schulaufsicht zuständig sind. Die Leiter dieser Zwitterbehörden sollen vom Landeshauptmann (für fünf Jahre) vorgeschlagen und vom Bundesminister ernannt werden. Im Gegenzug werden nicht nur die Schulabteilungen der Länder bzw. die Landesschulräte abgeschafft, sondern auch die parteipolitisch besetzten Kollegien. Ministerin Heinisch-Hosek hofft auf Einsparungen von sechs Millionen Euro jährlich, Lorenz Lassnigg fürchtet sich hingegen vor einer "De-facto-Verländerung".

Für ein Mindestmaß an Transparenz im großen Bund-Länder-Verwirrspiel könnte zumindest die gemeinsame Verrechnung aller Lehrkräfte über das Bundesrechenzentrum sorgen. Neben dem zweiten verpflichtenden Kindergartenjahr vielleicht die wichtigste Neuerung bei dieser "großen Bildungsreform", für die sich die Regierung jetzt noch Verbündete im Parlament suchen muss, um die Zwei-Drittel-Mehrheit zu knacken. Aber man ist ja bescheiden geworden.

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