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Schulweg ins Ungewisse

Der parteipolitisch gefärbte Streit um den Wiener Lehrer-Notstand hat die Vorschläge der Zukunftskommission in den Hintergrund gedrängt. Doch die Frage bleibt akut: In welche Richtung soll Österreichs Schulwesen marschieren?

Die bewährten Mechanismen funktionierten einwandfrei: Hier das schwarze Bildungsministerium, das dem roten Wien "Missmanagement" vorwarf. Dort der Wiener Stadtschulrat, der in der schwarzen Ministerin und im schwärzlichen Finanzminister die Schuldigen sah. Auf der Strecke blieben jene tausenden Schüler, die von heute auf morgen ihre Lehrkräfte verloren - und jene vier Mitglieder der Zukunftskommission, die monatelang über nichts Geringeres gegrübelt hatten als über das weitere Schicksal des heimischen Schulsystems. Sie wussten nur zu gut: Bei so viel Ideologie haben sachliche Vorschläge keine Chance. Fortsetzung Seite 2

Tatsächlich ging es den Mitgliedern der von Bildungsministerin Elisabeth Gehrer eingesetzten Zukunftskommission darum, "aus diesem kleinlichen Hickhack" österreichischer Bildungsdebatten auszubrechen, wie Kommissions-Mitglied Werner Specht betont (siehe Interview). Stattdessen hätten sich die Experten - neben Specht die Salzburger Bildungsforscher Günter Haider und Ferdinand Eder sowie die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel - auf die Kernaufgaben der Schule konzentrieren wollen: die Pädagogik und die Qualität des Unterrichtens. Und so blieben ideologisch aufgeladene Themen wie die Gesamtschule in ihrem 99-seitigen Reformpier, das am 25. Oktober in der Nationalbibliothek präsentiert wurde und einen sechsmonatigen Diskussionsprozess in Schwung bringen soll, wohlweislich ausgeklammert.

Ministeriale Denkverbote?

Auch beim umstrittenen Thema Ganztagsschule halten sich die vier Experten bedeckt: Zwar sollte jedes Schulkind bis zum 15. Lebensjahr "gesetzlich einen Anspruch auf Betreuung auch über die Unterrichtszeit hinaus" haben. Welche Schulform diesen Anspruch aber aus pädagogischer Sicht besser erfüllt - eine "traditionelle" Schule mit nachmittäglicher Betreuung oder eine Ganztagsschule mit einer Vermischung von Unterricht und Betreuungsstunden -, lassen die Bildungsforscher im Dunkeln. Vielmehr plädieren sie für eine österreichweite Bedarfserhebung für schulische Ganztags- oder Nachmittagsbetreuung - eine Maßnahme, die laut Bildungsministerium bereits angelaufen ist.

Nicht nur die Opposition ortete angesichts dieser Zugangsweise "Denkverbote" (SPÖ-Bildungssprecher Erwin Niederwieser) oder "Daumenschrauben" (Grünen-Bildungssprecher Dieter Brosz). Auch der Wiener Erziehungswissenschaftler Karl Heinz Gruber zog kürzlich im Standard gegen das Reformkonzept vom Leder: "Die Aussagekraft dieses Berichts, der vorgibt, die Problemfelder' der österreichischen Schule zu identifizieren, aber nichts über die Hauptschulkrise und nichts über die krasse soziale Segregation zwischen Hauptschulen und AHS-Unterstufen sagt, kommt einem Autoservice gleich, bei dem alles gecheckt werden darf - nur nicht der Motor".

Eine Kritik, die man im Bildungsministerium nicht gelten lässt: "Es ist ja bekannt, dass schulorganisatorische Maßnahmen den geringeren Beitrag zur Verbesserung der Schulqualität leisten", kontert Pressesprecher Ronald Zecha. Auch die Ministerin selbst hat die Ausklammerung der Gesamtschul-Frage verteidigt: Man dürfe nicht in die "Organisationsfalle" hineintappen und auf "alte Hüte neue Bänder" draufsetzen, meinte Gehrer im Rahmen der Auftaktveranstaltung der Plattform "klasse:zukunft" im Oktober.

Jemand, der sich leidenschaftlich gern in diese "Organisationsfalle" begibt, ist Gehrers Parteifreund Andreas Schnider. Seit Wochen sorgt der steirische ÖVP-Parteigeschäftsführer und Religionspädagoge mit seinen unorthodoxen Ideen im Bildungsbereich für mediales Getöse: sei es sein Plädoyer für Gesamt- und Ganztagsschulen, sei es sein jüngster Vorschlag, einen verpflichtenden Lateinunterricht für zumindest zwei Jahre ab der fünften Schulstufe einzuführen. Bereits Ende Oktober hat Schnider auf der Gundlage von Expertenbefragungen - und seiner eigenen Forschungen - den Entwurf einer "steirischen Tagesschule" für alle Sieben- bis Fünfzehnjährigen vorgelegt. Das Modell sieht einen fünftägigen Schulalltag - Montag bis Donnerstag von neun bis 16 Uhr und einen kurzen Freitag - vor. Grundsätzlich sollten die Kinder die Möglichkeit haben, "Informationen am Vormittag zu sammeln und diese am Nachmittag zu vernetzen."

Dass sich im Reformkonzept der Zukunftskommission keine ähnlich innovativen Schulmodelle finden, weil Fragen der Organisation nicht zur Debatte standen, bedauert Schnider - und sieht zugleich die Lösung der ideologisch aufgeheizten Gesamt- und Ganztagsschuldebatte in einer grundlegende Ausweitung der Schulautonomie: "Wenn die Ministerin sagt, sie will über die Organisationsformen nicht diskutieren, dann nehmen wir sie doch aus dem Schulgesetz heraus", schlägt Schnider im Furche-Gespräch vor. "Ziele und Standards sollten von der Politik klar vorgegeben werden. Welche Organisation eine Schule aber hat und welches Personal, das soll sie selbst entscheiden können." Bei so viel Freiheit verstehe sich die Notwendigkeit einer regelmäßigen Evaluation von selbst, meint der steirische VP-Geschäftsführer. Ebenso klar sei, dass damit die Landesschulräte obsolet würden. "In einem föderalistischen Staat brauchen wir das nicht, sehr wohl aber eine kleine Steuerungsgruppe oder Bildungsagentur, die für die Verteilung der Ressourcen zwischen Bundes- und Landesebene verantwortlich und beim zuständigen Landesrat angesiedelt ist."

Weitgehend konform mit der Zukunftskommission geht der ÖVP-Schulquerdenker, was das umstrittene Thema Sitzenbleiben betrifft. Die vier Experten schlagen vor, das Repetieren auf jene Ausnahmefälle zu begrenzen, in denen ein Schüler mehr als zwei Nicht Genügend vorzuweisen hat und die Eltern das Sitzenbleiben ausdrücklich wünschen. Wie Haider, Eder, Specht und Spiel hält auch Schnider das Wiederholen ganzer Schulstufen für eine "Vergeudung von Ressourcen". Den Konter seiner Parteifreundin Elisabeth Gehrer, die sich via Presse dezidiert für die Möglichkeit der Klassenwiederholung - bei gleichzeitigem Ausbau eines Frühwarnsystems - ausgesprochen hat, sieht er betont gelassen: "Alle Wortmeldungen, auch die von Ministern, sehe ich jetzt einmal als Diskussionsbeitrag."

Nähere Informationen

und Bemerkungen zu den Vorschlägen der Zukunftskommission unter www.klassezukunft.at

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