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Sehnsucht nach Corfú

Wo Helden stranden, Kaiserinnen gesunden und Traumstrände locken

In welche der sandigen Buchten zwischen den schroffen Felsabhängen bei Palaiokastritsa mögen die Wogen des Ionischen Meeres den schiffbrüchigen Odysseus angeschwemmt haben? Die Überlieferung lokalisiert hier im Nordwesten von Corfú das Schlusskapitel von Homers Odyssee, auch wenn die Archäologen bisher vergeblich nach dem märchenhaften Palast des Phäakenkönigs Alkinoos gesucht haben. Hier soll die schöne Königstochter Nausikaa den gestrandeten Helden gefunden, aufgenommen und zu ihrem Vater gebracht haben, der ihm zur baldigen Rückkehr ins gar nicht so weit entfernte Ithaka verhalf. So edel waren einst die Phäaken.

Nausikaa 2001 braucht nicht nach gestrandeten Helden Ausschau halten. Sie versorgt ihre Besucher mit Postkarten und Strandsandalen, sie gibt Tipps für Tavernen, wo der Wein und die Fische besonders gut sind, sie vermittelt Ferienwohnungen - alles das ebenso gut auf deutsch und englisch wie griechisch. In mythischer Zeit genügte eine Königstochter, um den "Fremdenverkehr" aufrechtzuerhalten. Heute ist Nausikaa - ob eingeboren, ob nur zur Saison angereist - eine von den 100.000 Bewohnern der Insel, die fast ausschließlich von der Million Feriengäste zwischen Mai und Oktober leben.

Der große Touristenboom hat in den Siebzigerjahren eingesetzt. Engländer, Deutsche, Holländer, Franzosen kommen mit Charterflug von allen westlichen Zentren oder mit den Fähren von Venedig, Ancona und Brindisi oder nur von Igumenitza herüber, mieten sich Leihwagen oder Roller oder lassen sich busweise herumführen - aber wer von ihnen weiß, auf welch historischem Boden er steht, was sich in drei Jahrtausenden auf dieser Insel abgespielt hat?

Palaiokastritsa ist der landschaftlich schönste Punkt der Insel und damit Pflichtübung jedes Besichtigungsprogramms, von Kerkyra in einer knappen halben Stunde erreichbar. Eine andere Pflichtübung ist das Achilleion unserer Kaiserin Elisabeth, "Sissis Traumschloss" südlich der Hauptstadt mit dem zauberhaften Blick hinüber aufs Festland. Seit die junge Kaiserin 1861 auf Corfú Heilung von ihrer TBC gefunden hatte, liebte sie Griechenland. 1890 ließ sie sich das Schloss bauen - als es aber 1892 fertig war, hatte sie die Lust darauf schon wieder verloren. Heute wälzen sich Massen kurzgeschürzter Touristen durch die Räume des Erdgeschosses, bestaunen den schwülstigen Historismus des Baus, die sparsame Sammlung der Erinnerungen an Sissi und ihren Nachfolger im Besitz, den deutschen Kaiser Wilhelm II., und lauschen andächtig den Anekdoten der Fremdenführer, die mitunter ähnlichen Wahrheitsgehalt aufweisen wie die Epen des Homer angesichts der Felsen von Palaiokastritsa.

Schon weniger frequentiert, aber historisch sicher bedeutender ist die alte Festung auf dem berühmten Doppelfelsen über der heutigen Inselhauptstadt. 1.200 Jahre lang blickten von hier die jeweiligen Beherrscher der Insel auf das gegenüberliegende Festland und die schmale Meerespassage dazwischen, die der Insel ihre strategische Bedeutung gab - Byzantiner, Venezianer, Epiroten, Anjou, wieder Venezianer. In den Wirren der Napoleonischen Kriege entstand auf Corfú der erste griechische Staat der Neuzeit, der "Staat der sieben (ionischen) Inseln", der ab 1815 als "Ionikon Kratos" unter englischem Protektorat stand und 1864 mit dem jungen griechischen Königreich vereinigt wurde.

Aber auch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bot die Lage der Insel den Anlass für tiefgreifende Konflikte bei der Festlegung der albanischen Südgrenze, weil Italien nicht wollte, dass Griechenland beide Seiten der Passage beherrschte. In Kerkyra saß die serbische Regierung, nachdem sie 1916 aus Belgrad weichen musste. 1923 besetzten die Italiener Corfú als Vergeltungsmaßnahme, als ein General im griechischen Grenzgebiet gegen Albanien erschossen wurde. 1941 kamen die Italiener wieder und verließen die Ionischen Inseln erst nach der Kapitulation 1943. Damals beobachteten deutsche Gebirgsjäger von der alten Zitadelle aus die Küste Albaniens.

Wer historisch interessiert ist, kann Spuren von 3.000 Jahren überall in der Stadt und auf der Insel entdecken. Die Kirche der Heiligen Jason und Sosipatros erinnert an Schüler des Apostels Paulus, die hier missionierten. Der venezianische Löwe am Eingang der Neuen Festung, wie das Denkmal des Grafen von der Schulenburg, der - von Prinz Eugen entsandt - die eingedrungenen Türken besiegte, stammen aus venezianischer Periode. Wenn auf der Esplanade unterhalb der Festung heute noch Krikett gespielt wird, ist dies ein Erbe des englischen Protektorates. Aber auch die zwei Jahre der serbischen Exilregierung sind in einem eigenen "Museum" festgehalten.

Was darüber hinaus im Landesinneren, auf den bis fast 1.000 Meter ansteigenden Bergen zu finden ist, gehört dann schon zur Kür - und erfordert auf engen, steilen Straßen Erfahrung im Berg- und Kurvenfahren. Ob das Kloster Pantokrator auf dem höchsten Punkt der Insel (mit einem Sendemast mitten im Klostergarten), ob die Festung Angelokastron der Epirotenkönige oberhalb von Palaiokastritsa, ob die Venezianerfestung Gardiki bei Agios Mathaios - Spuren einer Vergangenheit, die heute niemand mehr kennt.

Aber sie kommen ja nicht nur wegen der Geschichte nach Corfú, die tausenden von Touristen, die sich an den Brennpunkten massieren, abseits aber kaum mehr aufscheinen. Wer Trubel, Events, Geselligkeit sucht, findet an der Ostküste mit ihrem ruhigen Meer einen Badeort neben dem andern, Hotels jeder Kategorie, gut ausgebaute Campingplätze, jede Menge an Privatquartieren, hunderte von "Mini-" und "Supermarkets". Und alle Möglichkeiten für jede Art von Wassersport.

Wer eher die Einsamkeit sucht, zauberhaft lauschige Olivenhaine, naturbelassene Strände, zieht die Westküste vor. Von der recht gut ausgebauten Nord-Südverbindung auf dem Kamm der Berge führen immer wieder Wegweiser zu Beaches oder Paralias, die zu erreichen jedoch mitunter beschwerlich wird, wenn auf zwei Kilometern Luftlinie 300 und mehr Meter Höhenunterschied zu überwinden sind. Dann aber erstrecken sich kilometerlange Sandstrände, auf denen man Einsamkeit genug findet, um auch einmal die Badehose im Gepäck zu lassen und nahtlos zu bräunen.

Wo es Zufahrten gibt, stehen meist auch Tavernen mit dem Hinweis "Zimmer zu vermieten", um sich auch ihren Teil am Tourismusboom zu sichern. Kostas am Gardenos Beach preist auf seiner tadellos deutsch formulierten Geschäftskarte seine Fisch- und Spezialitätenküche an und versichert "Wir sprechen etwas englisch". Michalis in Alonaki bei Agios Mathaios hat in Deutschland gearbeitet und sich seine Taverne vom Ersparten gebaut. Familienbetriebe, wo alle mithelfen, dem Fremden griechische Gastfreundshaft zu erweisen, wie einst Nausikaa dem gestrandeten Odysseus. Auch wenn die Gastfreundschaft heute längst kommerzialisiert ist.

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