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Sehnsucht nach einer neuen Heimat

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Zurück in die zerstörte Heimat? Eine neue Existenz in Österreich aufbauen? Kosovo-Flüchtlinge leben in bedrückender Ungewißheit über ihre Zukunft.

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Zurück in die zerstörte Heimat? Eine neue Existenz in Österreich aufbauen? Kosovo-Flüchtlinge leben in bedrückender Ungewißheit über ihre Zukunft.

Als am 12. Juni die KFOR-Truppen in den Kosovo einmarschierten, waren bereits über 5.000 Menschen aus den Kriegsgebieten nach Österreich evakuiert worden. Mitte August ist die Hälfte der Flüchtlinge bereits zurückgekehrt. Man könnte meinen, nach dem Krieg der NATO gegen Milosevi'c würde der Normalisierungsprozeß im Kosovo rasch über die Bühne gehen. Doch der Schein trügt, mahnen Mitarbeiter der Caritas: Die Flüchtlinge, die in ihr Land zurückkehren, treffen vor Ort auf enorme Schwierigkeiten. Und jene, die in Österreich bleiben wollen, geraten allmählich aus dem Mittelpunkt des medialen Interesses, ohne daß sich jedoch ihre Situation in unserem Land geklärt hätte.

"Bei der Rückkehr wird ganz irrational gehandelt" meint Thomas Rajakovics, Flüchtlingsreferent der Caritas der Diözese Graz-Seckau. Er bezweifelt, daß die Flüchtlinge angesichts der erlebten Traumatisierung in der Lage sind, die Situation vor Ort realistisch einzuschätzen. "Daher habe ich in allen Häusern die Flüchtlinge massiv darauf hingewiesen, daß sie noch nicht zurückgehen sollen", erklärt Rajakovics, doch "sie nehmen es eh nicht zur Kenntnis". Im Kosovo stoßen die Flüchtlinge auf eine zerstörte Infrastruktur, niedergerissene Häuser und vergiftete Brunnen.

Keine Abschreckung Doch das Elend, das der Krieg hinterlassen hat, scheint die Kosovaren nicht abzuschrecken. Die Freude, der serbischen Repression entkommen zu sein, ist größer. Hier liegt auch der Unterschied zu den bosnischen Flüchtlingen, meint Rajakovics und erklärt das so: "Die Situation der Kosovo-Albaner ist anders: Sie kehren als Sieger in ihr Land zurück. Die Bosnier dagegen haben zur Kenntnis nehmen müssen, daß ihr Land geteilt wurde".

Ermutigt von Verwandten und Freunden, die in den Kriegsgebieten geblieben sind, hat sich bereits ein Großteil der Kosovo-Flüchtlinge entschlossen, in ihr Land zurückzufahren. Ihre Bereitschaft, Österreich zu verlassen, hat das Innenministerium honoriert und eine Rückkehrhilfe von 3.000 Schilling pro Erwachsenem und 1.000 Schilling pro Kind gewährt. "Ich denke, daß die Vorgangsweise der Regierung auch mit der Nationalratswahl zusammenhängt. Damit die Flüchtlinge kein Thema werden, ist die Regierung dankbar, daß die Rückkehr so schnell erfolgt. Daß das langfristig gesehen für den Wiederaufbau des Kosovo günstig ist, glaube ich aber eher nicht", beurteilt Rajakovics die Situation.

Bei der Beratung dieser Menschen übt die Caritas eine besondere Rolle aus, nachdem sie in den vergangenen Jahren viel Erfahrung mit den Flüchtlingen aus Bosnien sammeln konnte. "Projekte laufen vor allem in den Diözesen Wien, Graz und Salzburg", erklärt Bruno Kapfer, Rechtsberater für Flüchtlinge der Caritas Österreich, und betont den pionierhaften Charakter der Rückkehrhilfe, die wegweisend in Europa sei. Somit ist auch die hohe finanzielle Beteiligung der EU verständlich: sie steuert fünf bis zehn Millionen Schilling bei, die für die Rückkehrprojekte zur Verfügung stehen. Nicht alle Kosovo-Albaner aber sehen in der Rückfahrt in den Kosovo eine Zukunftsperspektive, nachdem all ihr Hab und Gut zerstört worden ist. Sie wollen in Österreich bleiben und nehmen daher den Alltag in Großquartieren in Kauf.

Zwar war geplant, die Kosovaren vor allem bei Privatpersonen unterzubringen, doch die Umsetzung dieses Vorhabens überstieg die Kapazitäten der Organisatoren: So blieben die Flüchtlinge in den Heimen, während die privaten Quartiere leer standen - zur großen Enttäuschung jener Österreicher, die glaubten, aktiv helfen zu können. Allein in der Steiermark hatten nämlich viele hilfsbereite Menschen Wohnraum kostenlos zur Verfügung gestellt.

Die achtköpfige Familie Pnishi beispielsweise ist dem Grauen des Krieges entkommen, indem sie den Schleppern 16.000 DM bezahlt hat. Die Familie lebt seit Juni in Graz. "Alles fertig ... Stall fertig, Traktor mitgenommen", beschreibt Herr Pnishi in holprigem Deutsch die Situation in seinem Heimatdorf Meje. Von seinem Bauernhof, den er mit den Ersparnissen seines neunjährigen Arbeitsaufenthaltes in der Schweiz finanziert hatte, ist nur ein Trümmerhaufen übrig geblieben. "Ich habe kein Haus ... wohin soll ich gehen?" erwidert Herr Pnishi auf die Frage, ob er an eine Rückkehr in den Kosovo denkt. Eine Zukunft mit den Serben kann sich niemand von den Pnishi vorstellen. Valentina, 20 Jahre alt, erzählt, wie sie die Erschießung von 300 Menschen erlebt haben und wie sie einige Tage in den Wäldern verbringen mußten.

Im Flüchtlingshaus "St. Vinzenz", einem ehemaligen Altersheim, verfügt die Familie Pnishi über ein großes Zimmer mit Vorraum. Neben dem Fernsehen stellt das Warten die Hauptbeschäftigung dar. Erst wenn die Pnishi einen Termin vom Bundesasylamt für ein Gespräch erhalten haben, werden sie ein Stück mehr Klarheit haben, ob sie in Österreich bleiben dürfen. In der Zwischenzeit werden sie von der Caritas als Vertragspartner des Landes Steiermark versorgt. Neben Unterkunft und Essen erhalten die Flüchtlinge monatlich ein Taschengeld von 400 Schilling pro Person.

Kriegsvertriebene Kosovo-Albaner, so die Vorgabe der Bundesregierung in der Verordnung des 24. April, dürfen sich bis Ende des Jahres in Österreich aufhalten. Wie es dann weitergehen soll, ist offen. "Diesbezüglich ist noch nichts Konkretes geplant", erklärt Rudolph Golia vom Pressebüro des Innenministers. Für Tausende von Flüchtlingen aus dem Kosovo bleibt also die Ungewißheit, ob und in welcher Form ihr Aufenthaltsrecht verlängert wird. Nur enge Angehörige bereits in Österreich integrierter Kosovaren haben Niederlassungsbewilligungen erhalten.

Monate nach Ende des Krieges sind die Probleme der Flüchtlinge weiterhin ungelöst: Der eine Teil der Kosovo-Albaner sehnt sich danach, in die völlig zerstörte Heimat zurückzukehren, getrieben von der Euphorie, endlich das serbische Joch los geworden zu sein. Der andere Teil der Flüchtlinge setzt all die Hoffnungen darauf, sich in Österreich eine neue Existenz aufbauen zu dürfen ...

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