Solidarität in ärgster Not

Zurück von der Pilgerfahrt nach Israel und Palästina, plädieren die Friedensaktivisten für eine "Win-win-Zweistaatenlösung".

Lange und sorgfältig geplant, konnte die Österreichische Friedens Pilgerfahrt wegen der israelischen Militäroffensive nur als kleines Pilotprojekt des Internationalen Versöhnungsbundes und Pax Christi International durchgeführt werden. Wir hatten beide Völker im Blick: Frieden in Gerechtigkeit für Palästina, Sicherheit für Israel - Forderungen, die sich gegenseitig bedingen. Auch im Bewusstsein unserer Mitverantwortung fuhren wir in diese Konfliktregion.

Ziel der Reise war es, unsere Partner, israelische und palästinensische Friedens- und Menschenrechtsgruppen, zu ermutigen. Wiederholt wurde uns versichert, wie wichtig es sei, gerade in dieser Situation internationale Solidarität sichtbar zu machen. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, aber auch beharrlicher, unbeugsamer Wille zum Frieden wurde in den Begegnungen mit beiden Seiten spürbar: Nein zum Töten auf beiden Seiten, Beendigung der Besetzung und Siedlungspolitik und ganz dringlich die Forderung nach einer UN-Monitoring Truppe auf dem Weg zu einer gerechten Zweistaatenlösung.

Die Militäraktionen stärken den gewaltsamen Widerstand vor allem der jungen Palästinenser. Unvergesslich bleiben mir die Worte eines angesehenen betagten Christen, mit Tränen in den Augen gesprochen: "Jahrzehnte setzte ich mich für eine friedliche Lösung ein. Doch wenn ich sehe, was in Jenin oder an Checkpoints an Unmenschlichkeit passiert, dann steigen erstmals Hassgefühle in mir auf." Oder Y. Landau, Leiter von Open House, einem jüdisch-arabischen Begegnungszentrum in Ramle, Israel: "Diese Ereignisse zerstören, was wir in 20 Jahren aufgebaut haben. Die psychischen Verletzungen sind so tief, dass wir, über politische Lösungen hinaus, viele Jahre gegenseitigen Zuhörens, Erlernung von Dialogmethoden und Versöhnungsarbeit benötigen werden."

Wir begegneten den mutigen, unermüdlichen Gruppen der israelischen Friedensbewegung: Rabbis for Human Rights, Coalition of Women for a Just Peace, Unterstützungsgruppen für Dienstverweigerer, Israeli Committee against House Demolition - um nur einige zu nennen. Jedes Wochenende veranstalten sie Demonstrationen, bringen Lebensmittel in Sperrgebiete oder bemühen sich als Vermittler um Humanisierung der Kontrollen. Im Gespräch mit den meist sehr jungen Soldaten an den Checkpoints versuchen sie, deren Ängste abzubauen und sie zu achtungsvollem Verhalten zu bewegen.

Wir begegneten dem Leiter der "Library on Wheels", einem Sufi und Friedensarbeiter, der in Hebron Kinder und Jugendliche vor dem Hintergrund des Koran und palästinensischer Kultur zu Gewaltfreiheit erzieht: "Doch nachdem, was sie jetzt erleben,wird es immer schwerer, ihnen Erlebnisse aus der Kraft der Gewaltfreiheit zu vermitteln. Sie sind traumatisiert."

Am bedrückendsten war die Begegnung mit unseren Partnern in Bethlehem: Gefangene in ihren Häusern, von Panzern und Scharfschützen bedroht. Wir konnten ihr Leid, ihre Empörung und ihren Appell an uns, wir sollten uns mit allen Kräften für konkrete Friedensschritte einsetzen, nur via Telefon hören. Doch gerade bei ihnen, die Jahre hindurch Dialog- und Versöhnungsarbeit geleistet haben, erlebten wir, welch stärkende Kraft von Solidarität in Notsituationen ausgeht.

Diese Erfahrung verpflichtet uns, europäische Kirchen, Zivilgesellschaft und die EU zu drängen, sich in Zusammenwirken mit der UNO, arabischen Staaten und den USA für eine "win-win-Zweistaatenlösung" einzusetzen, aus der beide Völker geachtet und mit Hoffnung auf Zukunft hervorgehen.

Die Autorin ist Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbundes. Lesen Sie zu dieser Thematik auch das Interview mit Abuna Elias Chacour auf Seite 11.

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