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Politik

Spion 4.0: Netze aus Cyber, Sex und Crime

1945 1960 1980 2000 2020

Moderne spionage benutzt die alten Methoden ebenso wie die neuen. Von Honigfallen, Hackerangriffen und der liebe von agenten zum Papier: Ein kleines Panoptikum.

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Moderne spionage benutzt die alten Methoden ebenso wie die neuen. Von Honigfallen, Hackerangriffen und der liebe von agenten zum Papier: Ein kleines Panoptikum.

Was sagt der Spion von Ehre, wenn es um die Geheimhaltung geht? Er sagt es ganz unverklausuliert: Wenn' s wirklich wichtig ist, dann lieber mit der Briefpost. Der elektronische Abdruck, den jede Tat im Netz hinterlässt, hat in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass das gute alte Papier und die Schreibmaschine samt Kohlepapier regelrechte Wiederauferstehungen erleben. Die Geheimdienste kehren zu alten und erfolgreichen Rezepten zurück.

Wobei: manche haben die alten Methoden ja nie aufgegeben -Der Fall Sergej Skripal und seine unabsichtlichen Weiterungen auf harmlose britische Staatsbürger beweist, die direkte menschliche Zuwendung ist immer noch modern wie ehedem in den glorreichen Zeiten des Kalten Krieges. In anderem, weicheren Sinn zeigen dies auch die Affären rund um eine russische Geheimdienstfrau, die derzeit das politische Establishment in den USA erschüttern. Mariia Butina scheint eine sehr geschätzte Agentin gewesen zu sein. Von Beamten in Moskau wurde sie "Draufgängerin" genannt. Sie soll Republikaner über Sex mit Partei-Funktionären und via Waffenlobby infiltriert haben. Gefasst wurde sie in Zusammenhang mit FBI-Ermittlungen zur Beeinflussung des US-Wahlkampfs durch russische Agenten und Hacker. Seither ist Butina nicht nur in Haft, sondern auch Thema feuchtzynischer Herrenwitze bei Talkshows: "Zum Abendessen mit Putin und mit Weinstein ins Kino."

Elektronische Kriegsführung

So sehr auch Skripal und Butina die Wahrnehmung bestimmen. Die Methoden der "old school" machen nur einen geringen Teil der Spionage aus. Es ist nach wie vor die elektronische Kriegsführung, die derzeit die globale Politik und die Machtkämpfe um die Globalisierung prägt. Wie sehr der Markt floriert, lässt sich allein schon an den Stellenanzeigen absehen, die Spezialisten für die Abwehr von Spionage suchen. Unter "International Espionnage" firmieren Dutzende Stellenanzeigen im Internet, vor allem "Counterintelligence/Human Intelligence"-Analysten, also Datenschützer und Antiterrornetzwerker im besten Sinn.

Bis vor Kurzem saß sie und ihre Kollegen von der Spionage oft in harmlos aussehenden Cyber-Cafés -einer Einrichtung, die Edward Snowden als Horte der Datenbeschaffung auffliegen ließ. Im Jahr 2009 konnten via E-Spionage die Besucher des G20-Gipfels in London perfekt beschattet werden. Die Enthüllung machte ein ganzes Programm neuer Identitäten für US-Agenten notwendig -und führte zu einer auffälligen Häufung von Cyber-Café-Schließungen.

Der Effizienz und Schlagkraft nach scheint China den Vorsprung der russischen und US-Spione längst wettgemacht zu haben. Kenneth Ryan, ein Professor für Kriminologie an der California University, hat entsprechende Berichte der Dienste analysiert und kommt zu dem Schluss, dass Peking ein besseres Netz als Moskau betreibt. Mit involviert sollen auch mehr als 3000 halbstaatliche und staatliche Elektronikfirmen und -konzerne sein -zum Teil auch weltweit anbietende Handyhersteller. Der größte mutmaßliche Coup der Chinesen datiert mit Juni 2015. Da wurde ein Rechner geknackt, auf dem alle persönlichen Daten der US-Regierungsangestellten und ihrer Angehörigen lagerten, insgesamt 22 Millionen Datensätze. Damit hatten die Chinesen nicht nur Adressen und Telefonnummern von Beamten, sondern auch ihre Krankengeschichten, Kontoinformationen oder sexuelle Vorlieben.

Russlands Geheimdiensterfolge durch SVR und GRU werden im jüngsten Bericht des FBI zur Beeinflussung der US-Wahlen 2016 im Detail geschildert. Zur herkömmlichen Datenbeschaffung kamen die Beeinflussung von Politikern und der Versuch, Abstimmungen im Kongress zu beeinflussen.

Mord, Liebschaften und Cyber-Crime: Während die Mittel der Spionage mit fortschreitender Digitalisierung immer vielgestaltiger werden, und bei Weitem nicht weniger grausam, ist ein Bereich drastisch im Schrumpfen begriffen. Der des reisenden Agenten unter mehreren Identitäten. Unter biometrischer Gesichtserkennung gibt es keine Verkleidung mehr, Perücken und ähnliches. Und man kann nicht einmal behaupten, man sehe jemandem zum Verwechseln ähnlich.