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Sprungbretter in den ArbeitSmArkt

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"Transitarbeit" soll Arbeitslose in einem Betrieb wieder auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Doch hinter den Kulissen brodelt es seit Monaten.

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"Transitarbeit" soll Arbeitslose in einem Betrieb wieder auf den Arbeitsmarkt vorbereiten. Doch hinter den Kulissen brodelt es seit Monaten.

Stimmen sind zu hören. Rund 16 Frauen mittleren Alters sitzen in einer Runde zusammen. Darunter ist auch die 57-jährige Barbara V. (Name der Redaktion bekannt). Bis vor sechs Jahren arbeitete die gelernte Zahnarztassistentin in einem Callcenter. Doch der Druck, der dort auf sie ausgeübt wurde, wurde immer stärker, erzählt sie. Irgendwann gab sie schließlich auf und kündigte. Doch die nächste Arbeit stellte sich bei ihr nicht ein. Vergangenen Juli begann Barbara über Vermittlung des Arbeitsmarktservice (AMS) als Transitarbeitskraft beim Sozialökonomischen Betrieb (SÖB) Visitas, der einen Besuchsdienst für ältere und bedürftige Menschen in Wien organisiert. Mitarbeiterinnen wie Barbara kommen zu ihnen; betreuen sie zu Hause oder in Heimen. Sie schenken ihnen dabei etwa Zeit, spielen mit ihnen oder erledigen Einkäufe für sie. Visitas ist ein reines Frauenprojekt. 25 Transitarbeitskräfte betreuen hier 150 Klienten pro Monat. Für 30 Stunden pro Woche sind sie beim Träger angestellt. Die Einsatzzentrale ist im 14. Bezirk in Wien.

Über 30.000 Menschen arbeiten pro Jahr in Sozialökonomischen Betrieben. Langzeitarbeitslose oder arbeitsmarktferne Frauen oder Männer werden hier in sechs Monaten auf ihren Wiedereinstieg in das Berufsleben vorbereitet. Sie sind angestellt und auch sozialversichert. Doch nicht nur das: Sie gewinnen auch wieder mehr Vertrauen zu sich selbst und in ihre Fähigkeiten.

Langzeitarbeitslose gehören etwa zu jener Gruppe Arbeitslosen, die vom allgemeinen Wirtschaftsaufschwung derzeit wenig profitiert. Mehr denn je brauche es daher Angebote, die für sie wie "Sprungbretter" in den Arbeitsmarkt funktionieren. Und das seien eben die Sozialökonomischen Betriebe (SÖB), betont Christoph Parak, Geschäftsführer von arbeit plus Wien. Hinter jedem Betrieb steht entweder eine gemeinnützige Organisation oder ein Verein. Im Falle von Visitas ist das etwa das Wiener Rote Kreuz. Mehr als 200 Betriebe sind es österreichweit, davon 30 in Wien. Sie sammeln sich unter dem Dach von arbeit plus, einem Netzwerk Sozialökonomischer Betriebe in Österreich.

Politisches Hickhack

"Sozialökonomische Betriebe werden aus den Mitteln der öffentlichen Hand und aus den Arbeitslosenversicherungsbeiträgen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer finanziert", sagt Martin Gleitsmann von der Abteilung für Sozialpolitik der Wirtschaftskammer Österreich. "Damit der Maßnahmeneinsatz auch weiterhin finanzierbar bleibt, muss der Fokus auf Effizienzsteigerungen und eine passende Kosten-Nutzen-Relation gelegt werden." Die Wirtschaftskammer Österreich unterstütze daher die Entwicklung von SÖB-Modellen, die diese Kriterien erfüllen, sagt der Experte zur FURCHE.

In einer im Jahre 2016 veröffentlichten Studie setzten sich die Autoren Olivia Rauscher, Christian Schober und Verena Burger vom NPO-Institut der WU Wien mit der Wirkung von Sozialintegrativen Unternehmen auf die Gesellschaft auseinander. Sie analysierten im Auftrag von "quasi","Arge SÖB Niederösterreich" "nöb bildung beratung niederösterreich" dafür im Jahre 2014 insgesamt 27 sozialintegrative Unternehmen in Niederösterreich. Das Ergebnis: Jeder Euro, der in sozialökonomische Unternehmen investiert wurde, bringt der Gesellschaft doppelt so viel Nutzen.

Nach langen Verhandlungen und politischem Hickhack gab es Mitte September endlich Gewissheit: Die Bundesregierung gab grünes Licht für das AMS-Budget 2019 und die Auflösung von Rücklagen in Höhe von knapp 200 Mio. Euro. Rund ein Drittel davon -rund 70 Mio. Euro -fließen in arbeitsmarktpolitische Projekte in Wien. Damit stehen dem AMS im kommenden Jahr in Summe 1,25 Mrd. statt wie ursprünglich geplant 1,05 Mrd. Euro zur Verfügung. Heuer verfügt das AMS hingegen über rund 1,4 Mrd. Euro Budget. Dieses liegt seinerseits um rund elf Prozent niedriger als 2017, obwohl die Arbeitslosigkeit etwa im August im Vergleichszeitraum zum Vorjahr laut AMS nur um 7,5 Prozent zurückgegangen ist.

Die vorjährigen AMS-Budgets seien immer bis zum Ende des ersten Halbjahrs festgelegt worden, erklärt Beate Sprenger, Pressesprecherin von AMS-Vorstand Johannes Kopf, gegenüber der FURCHE. So konnte für das darauffolgende Jahr im Detail geplant und Weiterbildungsmaßnahmen bei privaten Bildungsträgern zugekauft werden. Heuer war aber alles anders. Seit dem Frühjahr versuchte das AMS vom Sozialministerium zu erfahren, wie es weitergeht. "Diese Situation war nicht nur für das AMS, sondern vor allem auch für die Projektträger sehr belastend", bedauert Beate Sprenger. Das Sozialministerium verweist auf die neue Regierung, die zunächst dafür Sorge tragen wollte, ihre politischen Vorstellungen in den langfristigen Plänen des AMS zu verankern. "Um dies zu erreichen, mussten die arbeitsmarktpolitischen Ziele neu festgelegt werden. Daher fanden die Budgetverhandlungen nicht wie bisher üblich im Frühjahr, sondern im Herbst statt", heißt es aus dem Sozialministerium.

Zittern um Arbeitsplätze

Viele Träger wissen bereits, dass sie 2019 weniger Förderungen als in den Vorjahren erhalten werden. Die Unsicherheit sei groß, weil keiner in den Betrieben weiß, wie es mit den geringeren Budgets weitergehe -einige Mitarbeiter in den Betrieben wurden bereits gekündigt, sagt Christoph Parak. Zittern müssen indes nicht nur Transitarbeitskräfte, sondern auch reguläre Mitarbeiter. "6.000 Menschen bangen dort weiterhin um ihren Job", sagt Parak. Ob sie den behalten können, hänge davon ab, wie die Förderungen verteilt werden und wie viel davon die Sozialökonomischen Betriebe erhalten. Klarheit darüber gibt es Mitte November.

Ungemach droht den Betrieben einmal mehr vom AMS, das die Rahmenbedingungen für künftige Transitarbeitskräfte verändert hat. Derzeit seien sie angestellt. Bald sollen sie nur mehr als Trainees arbeiten. Das koste auch weniger. Bis Ende September müssen die Sozialökonomischen Betriebe daher Konzepte für das AMS ausarbeiten, aus dem hervorgeht, wie sie die Mittel künftig verwenden. "Die Kürzungen führen zu einer Zweiklassengesellschaft in den Unternehmen -auf der einen Seite Angestellte, auf der anderen Seite Trainees, die hier nur wenige Wochen arbeiten und danach keine Anschlussperspektive haben", warnt Judith Pühringer, Geschäftsführerin von arbeit plus, einem Netzwerk Sozialer Unternehmen in Österreich, im Interview mit der FURCHE. "Mit diesen Maßnahmen wird die Arbeit der Sozialen Unternehmen ausgehöhlt statt ausgebaut."

Swantje Meyer-Lange, Bereichsleiterin von Visitas, bestätigt diese Entwicklungen. Auch sie muss den Rotstift ansetzen. Ab kommendem Jahr könne sie bei Visitas statt 27 nur mehr 24 Transitarbeitskräfte anstellen. Sechs weitere bleiben als Trainees nur wenige Stunden pro Woche.

"Ich bekomme heute so viel in meiner Arbeit zurück", sagt Transitarbeiterin Barbara, die bis zu drei Klienten am Tag betreut. "Ich spüre, dass es dem Klienten gut geht, wenn ich bei ihm bin."

Vorbereitet wurde sie auf die Arbeit in einer fünfwöchigen Einschulung, die sich aus einem theoretischen und einem praktischen Teil zusammensetzte. Eine sogenannte Outplacerin begleitet Barbara seit Anfang des Prozesses. Sie unterstützt sie nicht nur bei der Arbeitssuche, sie arbeitet mit ihr auch ihre Kompetenzen heraus. Ziel soll es sein, Transitarbeitskräften wie Barbara ein unbefristetes Dienstverhältnis in einem Unternehmen am freien Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Über 25 Prozent Vermittlungsquote verlangt das AMS heuer, erzählt Swantje Meyer-Lange. "Visitas schaffte sogar schon 30 Prozent."

Barbara möchte im Sozialbereich bleiben - und denkt an eine Ausbildung zur Heimhelferin. "Wenn ich gesund bin, möchte ich noch viele Jahre arbeiten. Bis weit nach meinem 65. Geburtstag."

LangzeitarbeitsLosigkeit in Österreich

365 Tage

Ist man über 365 Tage arbeitslos gemeldet, gilt man als langzeitarbeitslos. Unterbrechungen bis 28 Tage durch Schulungen, Krankenstand oder Beschäftigungsepisoden werden nicht berücksichtigt.

Tendenz steigend

Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ging laut AMS innerhalb eines Jahres um 11,5 Prozent auf 104.238 im Vergleichsmonat zurück. Es gibt heute aber rund 70.200 mehr Langzeitarbeitslose als 2008.

Ältere gefährdet

Das Risiko von Langzeitarbeitslosigkeit steigt mit dem Alter. Den höchsten Anteil weist die Gruppe der 55-bis 64-Jährigen auf. 31 Prozent aller Langzeitarbeitslosen zählen zu dieser Altersgruppe.

Soziale Betriebe

Sozialökonomische Betriebe ermöglichen Langzeitarbeitslosen den Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt. Obwohl oft Nischenanbieter, müssen sie ihre Produkte und Dienstleistungen am Markt behaupten.

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