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Sri Lankas Tiger schnurren

Endlich einmal eine positive Nachricht von der Terrorfront: Nach zwanzig Jahren Bürgerkrieg einigen sich die tamilischen Rebellen mit der Regierung in Sri Lanka. Föderation statt Autonomie soll in Hinkunft ein friedliches Zusammenleben garantieren.

Es war für beide Seiten ein Durchbruch. Und der ließ die Beobachter staunen: Nach fast 20 Jahren Bürgerkrieg auf Sri Lanka haben sich Regierung und Rebellenbewegung der Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) am vergangenen Donnerstag in Oslo auf ein friedliches Zusammenleben in einer Föderation geeinigt.

Optimismus hatte sich schon nach den ersten Verhandlungen in den Monaten davor abgezeichnet. "Tiger schnurren nach der ersten Runde", titelte Mitte September die Bangkok Post. Die LTTE hatte verkündet, auf einen eigenen Tamilen-Staat im nördlichen und östlichen Gebiet zu verzichten. Stattdessen befürworteten sie eine Regional-Autonomie. Ein revolutionärer Verzicht, denn die Forderung nach einem eigenen Staat war grundlegender Auslöser für den blutigen Konflikt gewesen, in dem seit 1983 rund 69.000 Menschen ums Leben gekommen waren. In erster Linie geht es nun um den wirtschaftlichen Wiederaufbau und die Rückführung der Flüchtlinge, um militärische Deeskalation und letztlich um die Frage, welche politische Rolle die LTTE in einem letztlich befriedeten Sri Lanka spielen wird. "Ziel der Befreiungstiger von Tamil Eelam ist es, in den politischen Mainstream einzuziehen", machte LTTE-Chefunterhändler Anton Balasingham klar. Und das bedeute, in Sri Lanka an der Demokratie teilzunehmen. Das wiederum hörte der Repräsentant der Regierung in Colombo, Verfassungsminister Gamini Peiris, nur allzu gern. Aber erst in der Zukunft wird sich zeigen, wie nachhaltig die optimistische Stimmung tatsächlich ist. Vieles ist ungeklärt, beispielsweise wurden keine konkreten Projekte benannt, für welche die internationale Gemeinschaft Geld locker machen sollte.

Bombenanschlag vereitelt

Daran aber zeigt sich, dass die rasante aktuelle Entwicklung alle Gedankenspiele im Vorfeld überrollt hat. Schon in relativ kurzer Zeit wesentliche Fortschritte bei den Friedensverhandlungen zu erzielen - damit hatte kaum jemand gerechnet. Allerdings wurde die Kompromissbereitschaft beider Seiten auch während der Friedensgespräche auf die Probe gestellt, und zwar durch politische Ereignisse von außen: Die srilankische Marine hatte ein LTTE-Schiff mit einer Ladung Sprengstoff abgefangen, mehrere Mitglieder der Tiger waren verhaftet worden. Die tamilische Delegation am Verhandlungstisch protestierte nicht, im Gegenteil: "Ein Alleingang", hieß es und man versicherte, nichts von der Aktion gewusst zu haben.

Die Spannungen reichen historisch weit zurück: Bereits während der Kolonialzeit hatten die Briten die Antipathien beider Gruppen gegeneinander ausgespielt. Außerdem förderte die Kolonialmacht die tamilische Minderheit. Die politische Elite der Singhalesen fühlte sich benachteiligt. Nach der Unabhängigkeit Indiens von England erfolgte die Kehrtwende: Als man einem Großteil der Tamilen die Bürgerrechte absprach, genügte das, um den ethnischen Konflikt weiter zu entflammen. Nach einem Attentat tamilischer Separatisten 1983 in Jaffna kam es zu Pogromen gegen die Tamilenminderheit - und damit letztendlich zum eigentlichen Beginn des blutigen Konflikts.

Seit Februar dieses Jahres herrscht nun zum ersten Mal Waffenruhe. Allerdings war es für den Friedensprozess nicht gerade förderlich, dass Sri Lankas Präsidentin Chandrika Kumaratunga und Premierminister Ranil Wickramasinghe zwei oppositionellen Parteien angehören. Die unterschiedlichen Auffassungen über den Umgang mit der LTTE und Möglichkeiten einer künftigen Befriedung des Landes machten oft den Eindruck einer persönlichen Abrechnung zwischen den beiden. Chandrika Kumaratunga war dem tamilischen Konflikt zunehmend mit politischer und militärischer Härte begegnet. Die kompromisslose Haltung der Präsidentin war begründet. Schließlich hatten die Tamil Tigers schon in der Vergangenheit vermeintliche Friedensgespräche zum Vorwand genommen, um sich eine Atempause zu verschaffen und heimlich aufzurüsten. Geld beschafften sie sich vornehmlich durch illegalen Drogen- und Waffenhandel. International verspielte die LTTE viel Kredit, als sie Kinder zum Dienst an der Waffe zwang, gemäßigte Tamilenführer ermorden ließ und mehr Selbstmordattentate verübte als die Hamas. So setzte Sri Lankas Präsidentin mit ihrer Volksallianz (PA) auch im Wahlkampf 2001 völlig auf die Strategie, die LTTE weiterhin mit allen erdenklichen militärischen Mitteln auszuschalten.

Ganz im Gegensatz zu ihrem politischen Gegner Ranil Wickramasinghe und seiner eher konservativen "United National Front". Er hatte angekündigt, Friedensverhandlungen mit den TamilenRebellen führen zu wollen. Eine Haltung, die ihm den Wahlsieg bescherte, denn die Menschen Sri Lankas haben die blutigen Auseinandersetzungen satt. Der Bürgerkrieg hat auf Sri Lanka, dem "strahlend schönen Land" tiefe Spuren hinterlassen. Die Wirtschaft liegt brach, vor allem die enormen Militärausgaben haben den Etat des Staates aufgefressen. Um alle anstehenden Reformen durchführen zu können, wird die Regierung die Hilfe der LTTE brauchen. Und die Tiger sollen schon signalisiert haben, die Regierungspolitik mitzutragen. Überhaupt haben politische Beobachter den Eindruck, dass die Tamilen alle nur denkbaren Konzessionen eingehen, um in der künftigen politischen Landschaft eine Rolle zu spielen. Chef-Unterhändler Anton Balasingham soll gar angeboten haben, Premier Ranil Wickramasinghe im Falle von Neuwahlen voll zu unterstützen. Ein Vorhaben, das sich für die LTTE lohnen dürfte und aus ehemaligen Terroristen sogar Minister machen könnte.

Die Autorin ist freie Journalistin in Bangkok.

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