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"Stumm bleiben heißt, den Krieg unterstützen"

1945 1960 1980 2000 2020

Die ob ihres Einsatzes weltweit geachtete Pionierin der Gewaltlosigkeit schweigt zur Kosovo-Tragödie nicht: Hildegard Goss-Mayr verpflichtet sich auch heute zu intensiver Suche nach Frieden. Den Religionen mutet sie dabei eine wichtige Rolle zu: Gerade am Balkan könnten diese Funken der Hoffnung sein.

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Die ob ihres Einsatzes weltweit geachtete Pionierin der Gewaltlosigkeit schweigt zur Kosovo-Tragödie nicht: Hildegard Goss-Mayr verpflichtet sich auch heute zu intensiver Suche nach Frieden. Den Religionen mutet sie dabei eine wichtige Rolle zu: Gerade am Balkan könnten diese Funken der Hoffnung sein.

dieFurche: Wie beurteilen Sie die Lage auf dem Balkan?

Hildegard Goss-Mayr: Wir stehen alle unter dem Schock der dramatischen Ereignisse. Von Tag zu Tag führen sie tiefer in eine andauernde kriegerische Auseinandersetzung, ein Krieg, dessen Opfer die Zivilbevölkerung ist. Seit über 40 Jahren habe ich mich im Rahmen des Internationalen Versöhnungsbundes für die Durchsetzung gewaltfreier Konfliktlösung engagiert: im Ost-Westkonflikt, in Lateinamerika, auf den Philippinen und zuletzt in Ruanda und Burundi. Deshalb löst dieser Krieg in mir nicht nur Schmerz und Enttäuschung aus. Er verpflichtet zu vertiefter Analyse, zu Stellungnahme und intensiver Suche nach friedenschaffenden Initiativen.

dieFurche: Was können Sie aber tatsächlich bewirken?

Goss-Mayr: Wir dürfen nicht schweigen. Auch ich bin mir der jahrzehntelangen Diskriminierung der albanischen Bevölkerung des Kosovo bewußt. Der Internationale Versöhnungsbund hat wiederholt gegen deren Unterdrückung, gegen Terror und Massaker, wie gegen die Vertreibungen durch Militär und paramilitärische Verbände der Regierung Belgrads protestiert. Wir verlangen deren Rückzug aus dem Kosovo. Zugleich haben wir alle diplomatischen Bemühungen um eine friedliche Lösung unterstützt, die die Sicherheit und Achtung der Menschenrechte der gesamten Bevölkerung des Kosovo garantieren.

dieFurche: Ist die Militärintervention der NATO gerechtfertigt?

Goss-Mayr: Des Ernstes der Situation bewußt, beziehe ich jedoch gleichfalls Stellung gegen die NATO-Intervention. Dies nicht nur, weil sie ohne UN-Mandat völkerrechtswidrig erfolgt und in gefährlicher Weise einen Präzedenzfall schafft, sondern auch deshalb, weil Krieg, der Menschen tötet, Unrecht bleibt und militärische Gewalt die ungeheuer komplexe Situation in der Region nicht zu lösen vermag.

Ich fordere die Beendigung dieser militärischen Intervention. Die Bombenangriffe haben Spannungen und Haß wie die Gefahr der Destabilisierung in der Region erhöht und das Ost-Westklima schwer belastet; sie haben die Kosovaren nach Abzug der OSZE-Beobachter schutzlos Massakern ausgesetzt, die jugoslawische demokratische Opposition zunichte gemacht und das serbische Volk, das sich als Opfer einer ungerechten Aggression versteht, unter dem Diktator, Präsident Milosevi'c, geeint und diesen so gestärkt.

dieFurche: Was wurde Ihrer Meinung nach vom Westen versäumt?

Goss-Mayr: Was die Medien hier wie dort verschweigen, ist, daß die Kosovo-Albaner durch die Demokratische Liga des Kosovo unter Ibrahim Rugova seit 1989 einen gewaltfreien Kampf um die Wiederherstellung der Autonomie geführt haben, in dessen Verlauf eine umfassende alternative Gesellschaft (Schule, Wirtschaft, Gesundheitswesen, politische Strukturen) aufgebaut wurde. Trotz großer Anstrengungen Rugovas versagten die westlichen Regierungen dieser Lösung die Unterstützung. Auch das neutrale Österreich, dessen Hilfe Rugova suchte, vermied Kontakte auf Regierungsebene. Der Westen reagierte erst, als die UCK aus Frustration Ende 1997 mit Waffengewalt zu provozieren begann und die brutale Repression durch Belgrad auslöste.

dieFurche: Das heißt also, gewaltfreie Lösungsansätze hätten eine Chance gehabt, wenn sie vom Westen tatsächlich unterstützt worden wären ...

Goss-Mayr: In der Zeitspanne 1991-98 haben gewaltfreie Bewegungen gehandelt: sie haben sich bemüht, den gewaltfreien Widerstand der Kosovaren bekanntzumachen und durch freiwillige Friedensdienste zu unterstützen. Das Balkan Peace Team, Pax Christi, die Gemeinschaft von Sant'Egidio, Gruppen der Universität Florenz, um nur einige zu nennen, leisteten wertvolle Versöhnungsdienste. Auch sie wurden von den westlichen Regierungen nicht unterstützt.

Weitere politische Möglichkeiten wurden ebenfalls versäumt: die Errichtung eines internationalen Protektorats unter UN-Kontrolle statt der geforderten Stationierung von NATO-Truppen; die Schaffung eines "übernationalen Rates" nach dem Vorbild des Irischen Friedensrates; die Einberufung einer permanenten Balkankonferenz als Rahmen für eine umfassende zivile Konfliktbearbeitung zur Überwindung nationalistischer Rivalitäten, für Abrüstung wie für eine gemeinsame wirtschaftliche Entwicklung (Balkan-Marshall-Plan).

dieFurche: Welche Schritte zur Beendigung der Gewalt und zur Wiederaufnahme politischer Konfliktlösung können Sie sich derzeit vorstellen?

Goss-Mayr: Auf jeden Fall wird die Arbeit mühevoll sein und lang dauern. Viele Ebenen sind gefordert: Gegen Präsident Milosevi'c und andere Verantwortliche für die im Kosovo, in Bosnien und Kroatien begangenen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist Anklage zu erheben. Daneben sollte die OSZE mit größeren Vollmachten ausgestattet werden und durch Zusammenwirken mit dem UN-Sicherheitsrat anderen möglichen Vermittlern (religiöse Führer, NGOs) unter Einbeziehung aller am Konflikt Beteiligten Verhandlungen über einen Waffenstillstand aufnehmen und in der Folge den Weg für eine Friedenslösung ebnen. Eine (permanente) Balkankonferenz sollte den politischen Rahmen bieten.

dieFurche: Und was soll mit Milosevi'cs Armee und Spezialtruppen geschehen?

Goss-Mayr: Die müssen geschwächt werden: Bereits im Bosnienkrieg haben Tausende von jungen Jugoslawen den Militärdienst verweigert und flüchteten ins Ausland. In Westeuropa, auch in Österreich, wurden sie nicht als politische Flüchtlinge anerkannt und mußten im Untergrund leben. Auch gegenwärtig weigern sich zahlreiche junge Männer, Kriegsdienst im Kosovo zu leisten. Die NATO-Länder und auch das neutrale Österreich müßten diesen Dienstverweigerern signalisieren, daß sie bei uns willkommen sind, ihnen Studienmöglichkeiten wie die Vertiefung des Demokratieverständnisses und die Erlernung friedlicher Konfliktlösung angeboten werden. Diese jungen Menschen schwächen nicht nur die Diktatur, sie sind ein wichtiges Potential für den Aufbau eines demokratischen Serbien.

In diesem Zusammenhang fordere ich auch: Es muß eine Selbstverständlichkeit sein, die Flüchtlinge aus dem Kosovo vor Ort wie durch Aufnahme in Österreich und anderen Ländern in großzügigster Weise zu betreuen.

dieFurche: Welche Rolle kommt hier den nichtstaatlichen Organisationen zu?

Goss-Mayr: In der Zerrissenheit und Feindschaft der Nachkriegsperiode werden die Verständigungsdienste der von NGOs und kirchlichen Institutionen getragenen Friedensdienste unter der Bevölkerung der Region von besonderer Bedeutung sein. Ihr verstärkter Aufbau, ihre Schulung und ihr Einsatz müßten von den westlichen Regierungen tatkräftig gefördert werden. Ein besonderes Projekt wären "runde Tische" für Begegnungen und Gespräche zwischen Serben und Albanern, die auf allen Ebenen aufzubauen sind: um die Vergangenheit zu bewältigen, Haß zu überwinden, zu einem neuen Miteinander zu gelangen. Hiefür kann Österreich schon jetzt seine Dienste anbieten.

Ein überzeugendes Beispiel dafür ist das Treffen orthodoxer, katholischer und muslimischer Religionsführer aus dem Kosovo, zu dem Rabbi Arthur Schneier, Präsident der "Appeal of Conscience"-Stiftung kurz vor Beginn der NATO-Intervention nach Wien einlud. Die Teilnehmer appellierten mit großer Dringlichkeit an alle Konfliktparteien, "die Waffen fortzuwerfen und alle Gewalthandlungen zu beenden".

dieFurche: Aber wie können die Religionen im gegenwärtigen allgemeinen Haß tatsächlich Hoffnung geben?

Goss-Mayr: Das erwähnte Wiener Treffen ist ein ermutigendes Zeichen. Der dort anwesende orthodoxe Bischof Artemije aus Prizren wird von serbischen Nationalisten als Verräter verurteilt: er sprach sich gegen die Gewaltanwendung der NATO wie gegen jene des eigenen Landes aus und unterstützt die Demokratiebestrebungen nach Kräften. Er trifft sich so mit der Haltung des Papstes, der am Palmsonntag ausrief: "Es ist nie zu spät einander zu treffen und zu verhandeln!" Diesen Aufruf machten sich auch acht US-amerikanische Kardinäle in einem Schreiben an die Präsidenten Clinton und Milosevi'c zueigen.

In ihrem Osteraufruf fordern auch der Ökumenische Rat der Kirchen, die Konferenz Europäischer Kirchen, die anglikanische Kirchengemeinschaft wie auch der Ökumenische Patriarch Bartholomaios von Konstantinopel die Beendigung des bewaffneten Konfliktes. Nach jahrhundertelangem Mißbrauch der Religion auf dem Balkan für nationale und machtpolitische Interessen bricht so ein Funken Hoffnung auf, daß die Gemeinschaften der Glaubenden zu Wegbereitern von Versöhnungsarbeit werden kann.

Denn eines ist sicher: Stumm und tatenlos zu bleiben vor dem unsäglichen Leid aller Betroffenen dieses Krieges bedeutet, ihn zu unterstützen.

Das Gespräch führte Otto Friedrich.

ZUR PERSON Friedenskämpferin Gemeinsam mit ihrem Mann Jean Goss (+1991) baute Hildegard Goss-Mayr, 1930 in Wien geboren, ein globales Netzwerk der Gewaltlosigkeit auf. Vor allem im Internationalen Versöhnungsbund, der ältesten ökumenischen Friedensbewegung, verwirklichte sie ihr Engagement, das von Osteuropa im Kalten Krieg, über Lateinamerika, Afrika (u.a. Ruanda) bis Asien (Philippinen) reicht. Beim 2. Vatikanischen Konzil arbeitete das Ehepaar Goss Vorschläge an der Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes" mit. Hildegard Goss-Mayr, heute wieder in Wien lebend, erhielt viele Anerkennungen für ihr Wirken, unter anderem 1991 den "Niwano Peace Prize", der in Japan eine dem Friedensnobelpreis vergleichbare Bedeutung hat.

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