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"Syrien dient als Zielscheibe"

Die syrische Ministerin Bouthaina Shaaban sieht im Abzug syrischer Truppen aus dem Libanon einen großen Vorteil für ihr Land. Den USA hingegen wirft sie Neo-Kolonialismus vor, mit dem die Amerikaner die Würde der Araber zu zerstören versuchten.

Die Furche: Frau Minister Shaaban, der verstorbene Präsident Hafes el Assad hinterließ seinem Sohn Bashar ein Erbe, das von entscheidender strategischer Bedeutung für Syrien ist: die Libanon-Akte, das heißt die militärische und politische Kontrolle über den an Israel grenzenden Nachbarstaat. Welche strategische Optionen bleiben Syrien nun, da Damaskus seine Truppen aus dem Libanon abgezogen hat?

Bouthaina Shaaban: Die Beziehungen zwischen der Bevölkerung Syriens und des Libanons sind lebenswichtig. Stabilität und Sicherheit des Libanon sind von entscheidender Bedeutung für Syrien, ebenso wie jene Syriens für den Libanon - das anerkennen auch libanesische Kritiker Syriens. Deshalb zog die syrische Armee nach Beginn des libanesischen Bürgerkriegs auf Bitten der Libanesen in den Libanon, um dort mitzuhelfen, das Land wieder zum Frieden zu führen. Es war nicht der Wunsch nach nationaler Größe, sondern ausschließlich die Sorge um unsere Stabilität, die Syrien damals zur Intervention im Libanon bewogen hat. Deshalb haben sich Präsident Hafes el Assad und auch Bashar immer geweigert, vom Libanon als einer "Karte" im strategischen Spiel gegen Israel zu sprechen.Wir hoffen, dass sich das Verhältnis zwischen der Bevölkerung beider Länder nun auf kultureller, ökonomischer und politischer Basis neu formieren wird.

Die Furche: Aber schwächt nicht die Reduzierung syrischenEinflusses im Libanon, die Position Ihres Landes gegenüber Israel?

Shaaban: Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Sie stärkt Syrien, denn wir können nun noch glaubwürdiger argumentieren, dass Syrien stets auf der Seite der internationalen Legitimität stand und steht, un-Resolutionen achtet und verwirklicht. Wir können so mit noch größerer moralischer Berechtigung darauf drängen, dass die internationale Gemeinschaft mit derselben Energie die Durchsetzung anderer Resolutionen einmahnt - vor allem der Resolutionen 242 und 338, die den Rückzug Israels aus den besetzten Gebieten fordern.

Die Furche: Sehen Sie irgendwelche Anzeichen, dass in nächster Zeit wieder Verhandlungen mit Israel aufgenommen werden könnten?

Shaaban: Der israelische Premier Ariel Sharon lässt keine Anzeichen dafür erkennen, dass er zu einem Frieden auf der Basis internationaler Legitimität bereit sein könnte. Das ist auch der Grund, warum alle nun gegen Syrien sind, denn Syrien erinnert wiederholt daran, dass es eine internationale Legitimität gibt.

Die Furche: Die Amerikaner verstärken nun wieder ihren Druck auf das Assad-Regime. Washington beschuldigt Damaskus, mit seiner Unterstützung der Hisbollah in Palästina und im Libanon der Stabilität im Mittleren Osten im Wege zu stehen.

Shaaban: Wenn die Amerikaner wirklich für Frieden, Stabilität und Demokratie sind, dann sollten sie eine Partnerschaft mit Syrien suchen, denn wir wollen auch Frieden, Sicherheit und Stabilität. Wir waren 20 Jahre lang mit Saddam Hussein verfeindet. Syrien hat ein säkulares System, einen sehr jungen Präsidenten, Syrien hat Reformen begonnen. Ich verstehe nicht, welches Problem die usa mit Syrien haben, warum sie Syrien isolieren und Sanktionen verhängen wollen. Das einzige Motiv, das mir einfällt, ist jenes, dass Washington Israels Wünsche erfüllen will. Es ist ein israelischer Plan, den die Amerikaner ausführen, doch er liegt keineswegs im Interesse des amerikanischen Volkes. Syrien könnte hingegen einen sehr wichtigen Faktor bei der Stabilisierung des Iraks darstellen, könnte den Amerikanern helfen, aus dem Chaos herauszufinden. Doch statt Syriens Hilfe zu suchen, bedrohen sie uns.

Die Furche: Aber wie steht es tatsächlich mit dem Irak? Die Amerikaner halten an den Vorwürfen fest, dass immer noch Widerstandskämpfer über Syrien in den Irak eindringen und Syrien die lange Grenze zum Nachbarn nicht kontrolliert?

Shaaban: Mitte Juni haben wir das gesamte diplomatische Korps und die Medien zur Grenze geführt, um zu zeigen, was wir alles getan haben. Wir haben 9000 Soldaten an der Grenze stationiert, und vergessen Sie nicht, die Amerikaner sind auf der anderen Seite. Aber sie haben keine Truppen zur Absicherung der Grenze entsandt. Wir baten sie, uns mit Technologie zur besseren Kontrolle der Grenze zu helfen. Doch sie reagierten nicht. Die Briten versprachen uns Überwachungsgeräte, doch auch diese kamen nicht. Wir haben absolut kein Interesse an einer fortgesetzten Destabilisierung des Iraks.

Die Furche: Fürchten Sie ein Übergreifen der Gewalt auf Syrien?

Shaaban: Ja, denn je mehr Sunniten und Schiiten einander bekämpfen, desto gefährlicher wird die Situation auch für Syrien. Die Gewalt könnte auch auf unser Land überschlagen. Syrien hat dasselbe Bevölkerungsmosaik wie der Irak. Auch wir haben Kurden, Sunniten, Schiiten, assyrische Christen. Stabilität und territoriale Integrität, Freiheit und Souveränität des Iraks liegen auch in unserem Interesse. Ein turbulenter Irak birgt große Gefahren für Syrien. Die Situation im Irak verschlimmert sich mit jedem Tag. Die Amerikaner schaffen durch ihr Verhalten die Fundamentalisten, sie schaffen mehr und mehr Feinde. Sie verletzen unsere Würde, unsere arabische Kultur.

Die Furche: Gibt es neben den angesprochenen Problemen zwischen Syrien und den usa auch positive Ansatzpunkte für eine eventuelle Kooperation dieser beiden Länder?

Shaaban: Absolut nichts. Nicht das kleinste Anzeichen. Sie wollen nicht einmal mit uns sprechen. Ich verstehe nicht, wie man einfach jemanden bedrohen kann, ohne je mit ihm sprechen zu wollen. Syrien hat die Forderungen der un-Resolution 1559 erfüllt und eine un-Kommission hat dies bestätigt. Warum bedrohen sie uns immer noch? Unser Präsident hat es aber vorhergesagt, selbst wenn wir die Truppen abziehen, werden sie uns weiter bedrohen, gleichgültig was wir tun.

Die Furche: Woher rührt Ihrer Meinung nach diese Feindschaft?

Shaaban: Syrien ist ein sehr wichtiges arabisches Land, es ist das pulsierende Herz der arabischen Welt, es repräsentiert die Würde der Araber. Es setzt sich für die Rechte des arabischenVolkes ein und die usa wollen alle Araber demütigen, uns alle. Ich bin davon überzeugt, wir sind die Ureinwohner des Mittleren Ostens und wir werden durch den Neo-Kolonialismus vernichtet. Unsere Geschichte, unsere Kultur, unsere Sprache sind heute Zielscheibe.

Die Furche: Inwiefern?

Shaaban: Was im Irak geschah, war nicht nur eine militärische Besetzung. Die Plünderung der Museen, die Zerstörung von Babylon, die Ermordung irakischer Wissenschafter, irakischer Akademiker, irakischer Ärzte, die Vertreibung und Vernichtung irakischer Intelligenz - all dies macht man mit Ureinwohnern, wenn man sie auslöschen will. Aber ich habe das Gefühl, dass das amerikanische Volk, so wie wir Araber, die wahren Opfer der gegenwärtigen Entwicklungen sind. Sie verlieren ihre Söhne, wir verlieren unsere Söhne. Sie verlieren ihre Glaubwürdigkeit, ihren guten Ruf, und wir werden gedemütigt.

Das Gespräch führte Birgit Cerha.

Die 52-jährige syrische Intellektuelle Bouthaina Shaaban zählt zu den wenigen Frauen in der arabischen Welt, die die Politik ihres Landes entscheidend mitformen. Derzeit ist sie Ministerin für Auslandssyrer. Tiefe Kenntnis der syrischen Politik sammelte sie durch ihre langjährige Arbeit als Übersetzerin für den verstorbenen Präsidenten Hafes el Assad. Heute gilt sie als enge Vertraute Präsident Bashar el Assads. Die Mutter von drei Kindern machte auch in der Wissenschaft Karriere. Nach dem Studium englischer Literatur, das sie in Warwick (England) 1982 mit dem Doktorat abgeschlossen hat, unterrichtete sie bis 2002 als Professorin an derUniversität in Damaskus. Sie ist Autorin mehrerer Bücher, vor allem über Frauen in der arabischen Welt. BC

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