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Tod in hohen Dosen

Nicht nur Amerika, auch Europa rüstet sich gegen Anschläge mit biologischen oder chemischen Waffen. An Massenimpfungen ist freilich nicht gedacht.

In Zeiten des Kriegsgetrommels haben Horrorszenarien Hochkonjunktur: Innerhalb von 45 Minuten könne der irakische Diktator Saddam Hussein sein biologisches und chemisches Waffenarsenal aktivieren, heißt es in jenem Dossier, das der britische Premierminister Tony Blair Dienstag vergangener Woche präsentierte. Reine Panikmache, konterte der irakische Präsidentenberater Amir Al Sadi. Das Dossier sei nichts anderes als "ein Sammelsurium an Halbwahrheiten, Lügen und naiven Anschuldigungen".

Al Sadi gilt als Schlüsselfigur. Als Leiter der irakischen Delegation verhandelte er dieser Tage in der Wiener UNO-City mit der Abrüstungskommission UNMOVIC (United Nations Monitoring, Verification and Inspection Commission) über technische Rahmenbedingungen für die UN-Waffeninspektoren. Nicht zuletzt gilt er als Kopf des irakischen Biowaffenprogramms.

Ginge es nach dem Wunsch der USA, sollten die Inspektoren besser gestern als heute vor Ort überprüfen können, ob Al Sadis oder Blairs Behauptungen stimmen. Zwar war es den Experten zwischen 1991 und 1998 gelungen, die Atom- und Chemiewaffenproduktion des Irak massiv zurückzuwerfen und auch die wichtigste irakische Biowaffenfabrik Al-Hakam zu enttarnen - sie war offiziell als Produktionsanlage für Futtermittel deklariert worden. Dennoch ist offen, wie viele Massenvernichtungswaffen der Irak während dieser Zeit zurückhalten oder seit 1998 neu produzieren konnte. Auch die eindeutigen rechtlichen Rahmenbedingungen bieten wenig Hoffnung: Immerhin ist der Einsatz von Biowaffen schon seit dem Genfer Protokoll von 1925 verboten.

Präventive Pockenimpfung?

In den USA, wo die Anthrax-Briefe und 17 Milzbrandfälle in bester Erinnerung sind, lässt man deshalb kein Horrorszenario unreflektiert. Wie die Washington Post in der Vorwoche berichtete, hatte die Regierung einen Notfall-Plan erwogen, wonach im Fall eines Angriffs mit Pocken-Viren die gesamte Bevölkerung der USA - immerhin 288 Millionen Menschen - binnen fünf Tagen geimpft werden könnte. Schon vor Auftreten eines Pockenfalles sollten die Beschäftigten des Gesundheitssektors geimpft werden können - bis zu 500.000 Menschen.

Für George Gouvras vom Generaldirektorat für Gesundheit und Konsumentenschutz der Europäischen Kommission ein irreales Szenario: "Ich glaube nicht, dass die Amerikaner eine halbe Million Menschen präventiv impfen werden", meinte Gouvras am Rande des European Health Forum Gastein gegenüber der Furche. Seitens der Weltgesundheitsorganisation WHO sei man überein gekommen, nur im Fall eines tatsächlichen Biowaffen-Anschlags die Angestellten im Gesundheitswesen sowie Sicherheitskräfte zu impfen.

Auch in Europa, wo man bislang von folgenschweren Bioterror-Attacken verschont geblieben ist, rüstet man sich also für den Ernstfall: Ein erster Schritt ist das Anti-Bioterror-Programm BICHAT (programme on preparedness and response to biological and chemical agent attacks). Seit November 2001 arbeitet ein Expertenteam daran, die nationalen Notfallpläne der EU-Mitgliedsstaaten miteinander zu koordinieren. Bis Ende 2003 soll BICHAT in Theorie und Praxis umgesetzt sein. "Europa ist viel besser gerüstet als noch vor einem Jahr", ist Gouvras überzeugt. Binnen einer Stunde sollten alle wesentlichen Stellen in der EU informiert und binnen 24 Stunden alle nötigen Maßnahmen getroffen worden sein - auch wenn nach einem Anschlag weder Telekommunikation noch Flugzeuge zur Verfügung stehen.

Schon jetzt verfüge jeder EU-Mitgliedsstaat über ausreichende Vorräte an Antibiotika, meint Gouvras. "Wir haben allerdings Bedenken, ob wir genügend Impfstoffe haben, vor allem gegen Pocken oder das Bakteriengift Botulinum." Für Anschläge mit diesen beiden Kampfstoffen habe man bereits Notfall-Szenarien entwickelt, ebenso für Anthrax, Pest, Tularämie (Hasenpest) und hämorraghisches Fieber. "Natürlich wird nicht jeder Dorfarzt über die Behandlung dieser seltenen oder unbekannten Krankheiten Bescheid wissen können", stellt Gouvras in Aussicht. "Doch jeder Arzt muss wissen, wohin er sich wenden kann, sobald ein Verdacht entsteht."

Und wie rüstet man sich in Österreich? Im Gesundheitsstaatssekretariat zeigt man sich zugeknöpft: "Wir haben Notfallpläne, aber wie die aussehen, fällt unter die Geheimhaltung", erklärt Martin Klier, Pressesprecher von Staatssekretär Reinhart Waneck (FP), gegenüber der Furche. Auskunftsfreudiger präsentiert sich Norbert Fürstenhofer, Kommandant der ABC Abwehrschule mit Sitz in Korneuburg: "Es kommt auf die Art des Anschlages an. In der Zwischenzeit versuchen wir, in Österreich wieder Pockenimpfstoff ins Lager zu bekommen." Massenimpfungen betrachtet er jedoch mit Skepsis: Die Impfstoffe hätten oft Nebenwirkungen. Wer für allfällige Folgeschäden aufkommen würde, sei nach wie vor ungeklärt.

Möglich wären solche umfangreichen Impfungen hierzulande aber allemal, weiß Fürstenhofer: Schließlich werde der Impfstoff gegen die Pocken, die seit 1980 als ausgerottet gelten, unter anderem von der Pharmafirma Baxter in Österreich hergestellt - und mit Erfolg in die USA exportiert.

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