Und der Hunger wäreGEGESSEN

Es gibt nämlich genug zu essen - für ALLE! Das war die gute Nachricht. In der täglichen Realität sieht es aber ganz anders aus. Menschen sterben sprichwörtlich wie die Fliegen. Daher müsste man wohl richtiger formulieren: Es gäbe (noch) genug zu essen, für alle, ABER

Jean Ziegler hält im Buch "Wie kommt der Hunger in die Welt? " eindrücklich die Agonie verhungernder Kindern fest: "Gestorben wird überall gleich. [] Der Todeskampf folgt immer denselben Etappen. Bei unterernährten Kindern setzt der Zerfall nach wenigen Tagen ein. Der Körper braucht erst die Zucker-, dann die Fettreserven auf. Die Kinder werden lethargisch, dann immer dünner. Das Immunsystem bricht zusammen. Durchfälle beschleunigen die Auszehrung. Mundparasiten und Infektionen der Atemwege verursachen schreckliche Schmerzen. Dann beginnt der Raubbau der Muskeln. Die Kinder können sich nicht mehr auf den Beinen halten. Ihre Arme baumeln kraftlos am Körper. Ihre Gesichter gleichen Greisen. Dann folgt der Tod." Die Bilder dazu haben wir alle im Kopf.

Die FAO, die UN-Organisation, welche für Ernährung und Landwirtschaft zuständig ist, schätzt in ihrem Welthungerreport (2013), dass von 842 Millionen hungernden Personen die meisten (552 Millionen) in Asien bzw. in der Sub-Sahara Region (223 Millionen) zu finden sind. Zum Vergleich: In Europa leben ca. 742,5 Millionen Menschen. Bei einer Weltbevölkerung von etwa 7,1 Milliarden Menschen leidet - je nach Schätzung -bis zu einer Milliarde Menschen an Hunger. Während in Entwicklungsländern eines von vier Kindern untergewichtig ist, ist in Europa eines von vier Kindern übergewichtig. Rechnet man zu diesen unterernährten Menschen noch zusätzlich jene Personen, denen zwar genügend Kalorien für den Tagesverbrauch zur Verfügung stehen, aber deren Ernährung aufgrund fehlender Alternativen mangelhaft ist, dann wären es weltweit bis zu 42 Prozent, die sich nicht adäquat ernähren können.

Frauen, Kinder, Alte extrem betroffen

Frauen, Kinder sowie ältere Menschen trifft es dabei besonders hart. Sind schwangere Frauen unterernährt, führt dies bei ihren Babys zu geistigen und körperlichen Defiziten. Kann das schon geschwächt auf die Welt kommende Baby nicht ausreichend gestillt werden, folgt bald der Tod. Überhaupt geht man davon aus, dass unzureichende Ernährung für 45 Prozent aller weltweiten Todesfälle bei Kindern unter fünf Jahren verantwortlich ist. Alle zehn Sekunden stirbt statistisch gesehen ein Kind. Wenn Sie also diesen Artikel fertig gelesen haben, wird eine Volksschulklasse elend zugrunde gegangen sein. Falls die betroffenen Kinder überhaupt in den Genuss einer Schulbildung gekommen wären, was zu bezweifeln ist.

Weltweit gesehen produzieren wir heute schätzungsweise um 17 Prozent mehr an Kalorien pro Person als noch vor 30 Jahren, wobei im Gegenzug im selben Zeitraum die Weltbevölkerung um 70 Prozent gewachsen ist. Geht man theoretisch davon aus, dass jedem Menschen dieselbe Menge an Nahrung zustünde, dann wäre - salopp formuliert - der Hunger gegessen. Zwölf Milliarden Menschen könnte unsere Erde nach derzeitigem Wissensstand ernähren. Wie gesagt, könnte.

Vielfältige Ursachen

Die Ursachen für Hunger sind vielfältig. Hunger ist ein bösartiges Problem, aber immerhin ein Problem, welches man langfristig lösen könnte. Wir sollten also nicht das Handtuch werfen. Um mit Joseph Nussbaumer zu sprechen: "Bei aller Tristesse gilt es aber eines festzuhalten -und dies ist vielleicht auch ein kleiner Hoffnungsschimmer: Es handelt sich bei Hunger nicht um ein 'Naturgesetz', sondern um ein Versagen der Menschen im weiteren Sinne des Wortes, also um ein 'Sozialgesetz'. Sozialgesetze sind aber - im Gegensatz zu Naturgesetzen -nicht in Stein gemeißelt, ganz im Gegenteil. Sozialgesetze könnte man ändern, ja im Bereich des Hungers wäre es überfällig, diesen Tatbestand endlich zu beseitigen." Dafür braucht es aber Frieden, ein Minimum an Demokratie, eine funktionierende Marktstruktur und letztlich, wie Nussbaumer es nennt, "eine Art ethischen Minimalkonsens, dass Hunger ein für alle Mal zu beseitigen sei". Laut UNO wäre dies auch leistbar -man bräuchte nur ein Hundertstel der Summe, die für die Folgen der Finanzkrise 2008 aufgewendet wurde.

Die Vernichtung und das Wegwerfen von Nahrungsmitteln erschüttern in einer Welt, in der so viele Menschen hungern. Neueste Schätzungen gehen sogar davon aus, dass pro Jahr bis zu 50 Prozent der weltweiten Nahrungsmittelproduktion wegen falscher Lagerung, fehlender Transportmöglichkeiten sowie übertriebenen Kaufverhaltens im Müll landen. Die FAO spricht von rund 1,3 Milliarden Tonnen Nahrung, was einem Wert von ca. 750 Milliarden US-Dollar entspräche und mit denen -zumindest theoretisch -zwei Milliarden Menschen gut versorgt werden könnten. In Österreich werden im Jahr pro Privathaushalt Lebensmittel im Wert von 300 Euro weggeworfen. Bundesweit entspricht das 157.000 Tonnen Essbarem.

Hoffnungen und Projekte

Die Hoffnung, dass man das Hungerproblem lösen könnte, gab es schon. Aufgrund von Fortschritten in der Lebensmittelproduktion (1940er- bis 1970er- Jahre, "Grüne Revolution") konnte man die landwirtschaftlichen Erträge um ein Vielfaches steigern. Der Pflanzenzüchter Norman E. Borlaug (1914-2009) erhielt für seine Weizenhochleistungssorten 1970 sogar den Friedensnobelpreis, da durch seine Entdeckungen Millionen von Menschen vor dem Hungertod bzw. vor Konflikten im Zuge von Hungerrevolten bewahrt werden konnten. Letztlich war die Hoffnung trügerisch, der Hunger konnte durch diese energieintensive Landwirtschaft nicht ausgemerzt werden; durch den massiven Einsatz von Agrochemie stellten sich negative Effekte für Mensch und Umwelt ein.

Weltweit wird an verschiedensten Lösungsmöglichkeiten gearbeitet, um dem Hunger Einhalt zu gebieten. Sei es auf Ebene der UN oder in der Pflanzenzüchtung, im ökologischen Landbau oder mittels kleinerer Initiativen vor Ort. Auch die EU, die österreichische Entwicklungszusammenarbeit und viele NGOs setzen in ihren Projekten bei der Hilfe zur Selbsthilfe an. Es ist gut investiertes Steuer-und Spendengeld. Denn was die Folgen von Hunger und Ausweglosigkeit sind, hören wir Tag für Tag in den Medien, wenn Menschen versuchen der Armut, dem Terror und dem Tod zu entkommen -und dabei auf der Flucht selbst den Tod finden.

Andererseits werden viele Erfolge wiederum durch kriegerische Aktivitäten, Misswirtschaft, die Folgen des Klimawandels oder unvorhersehbare Katastrophen zunichte gemacht (siehe Seite 4). Josette Sheeran, Executive Director des Welternährungsprogrammes, brachte es 2009 auf den Punkt, als sie sagte: "A hungry world is a dangerous world. Without food people have only three options: They riot, they emigrate or they die. None of these options are acceptable options."

Der Autor ist Geschäftsführer des "Instituts Umwelt -Friede -Entwicklung"

Grenzen des Hungers Ernährungssicherheit in Zeiten des Globalen Wandels, Hsg. Johannes Steiner Verlag noir, 380 S., broschiert, € 19,90

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