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... und nach Saddam

Safaa Mahoud ist Repräsentant des "Obersten Rates der Islamischen Revolution im Irak" (Supreme Council for the Islamic Revolution in Iraq, SCIRI), der wichtigsten schiitischen Opposition im Irak. Im Gespräch mit der Furche, erklärt er seine Motive gegen einen Krieg, zeigt andere Möglichkeiten, ein Ende des Regimes einzuleiten und spricht über die Vorstellungen seiner Partei für die Zeit nach Saddam.

Die Furche: Die irakische Oppositionsparteien gelten als zerstritten und uneinig. Ihr erstes Treffen in London, Mitte Dezember, bestätigte diesen Eindruck. Sehen Sie dennoch eine Möglichkeit, eine gemeinsame Gegenposition zu Saddam Hussein zu finden?

Safaa Mahoud: Auf jeden Fall, und das hat das Treffen in London - ich war selber dabei - bewiesen. Alle Gruppen der islamischen Opposition waren gekommen, um über die momentane Situation und die Zukunft des Iraks zu diskutieren. Diese Premiere ist schon ein bedeutender Fortschritt. Es gibt noch Streit über gewisse Punkte, das stimmt, aber alle Gruppen konnten sich zumindest auf die Zusammensetzung eines Koordinierungskomitees und eine gemeinsame politische Erklärung einigen.

Die Furche: Ist ein Militärschlag gegen Saddam Hussein die notwendige Voraussetzung für einen Machtwechsel im Irak?

Mahoud: Seit mehr als 30 Jahren arbeitet meine Organisation daran, dieses irakische Regime zu stürzen. Es sind die USA, die diesen Umsturz gegenwärtig auf die militärischen Komponente begrenzen. Das greift zu kurz, denn ein Militärschlag, das soll man nie vergessen, bringt vor allem großes Leid für die irakische Zivilbevölkerung sowie großen Schaden für die Infrastruktur des Landes mit sich.

Die Furche: Wie soll der Sturz Saddams ohne Krieg gelingen? Denken Sie an einen Putsch?

Mahoud: Ein Militärputsch bringt immer nur einen neuen Diktator. Die einzige Lösung ist, dass die internationale Staatengemeinschaft die gegenwärtigen groben Menschenrechtsverletzungen des Regimes untersagt. Der Schutz der irakischen Zivilbevölkerung muss das vorrangige Ziel der UNO werden. Dann werden die Iraker selbst einen Sturz Saddams herbeiführen können. Denn die Opposition ist im Norden und Süden des Landes schon stark genug und genießt auch in der Bevölkerung große Unterstützung.

Die Furche: Heißt das, hinter jedem Iraker soll ein UNO-Blauhelm stehen?

Mahoud: Es gibt die UNO-Resolution 688, die Menschenrechtsverletzungen im Irak untersagt. Bis jetzt hat die Staatengemeinschaft diese Resolution ignoriert. Seit zwölf Jahren sorgt sich die ganze Welt nur um die Einhaltung der UNO-Resolution 687, die das Verbot von Massenvernichtungswaffen beinhaltet. Kümmert man sich jetzt mit der gleichen Akribie und Hartnäckigkeit um die Einhaltung der Menschenrechte, ist das die große Chance, ohne Krieg zum selben Ergebnis, dem Ende dieses Blutregimes, zu kommen.

Die Furche: Ihre Partei ist eine schiitische Partei. Ein Großteil von Ihnen lebt im iranischen Exil. Ist für Sie eine islamische Republik nach Art des Irans ein Vorbild für den Irak?

Mahoud: Überhaupt nicht. Wir sind Schiiten, aber wir versuchen nicht, einen religiösen Staat, beschränkt auf unsere Religion, zu gründen. Die Ausgangsposition im Irak ist völlig anders. Es gibt Araber und Kurden, Sunniten und Schiiten - wir wollen deswegen einen demokratischen und föderalistischen Staat. Allein schon wegen der Vielschichtigkeit der Ethnien und Religionen im Irak braucht es ein Mehrparteiensystem.

Die Furche: Fürchten Sie einen Bürgerkrieg als Folge des Machtvakuums nach Saddam Hussein?

Mahoud: Das ist ein Gerücht. Das Regime in Bagdad verbreitet diese Furcht, damit man allerorten vor einer Veränderung des Machtgefüges zurückschreckt. In der irakischen Geschichte gab es keine Bürgerkriege. Beim Volksaufstand 1991 waren bereits 14 Provinzen in der Hand der Opposition und es gab keinerlei bürgerkriegsähnliche Zustände, Racheaktionen oder dergleichen. Das Problem liegt nicht in der Beziehung des Volkes untereinander. Das Problem liegt in der Diskrepanz zwischen Volk und Regime. Und dieses Problem wird das irakische Volk selber lösen.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich

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