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Unter uns die Falltür

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Existenzangst in Zeiten der Finanzkrise: Manche leiden dauerhaft darunter, andere sollten sogar mehr davon haben. Einem Phänomen auf der Spur.

Schon vor zehn Uhr bildet sich vor dem Lebensmittelgeschäft eine Menschenschlange. Obwohl es leicht regnet an diesem Dienstag im Februar. Darunter auch Gerald, 37, gelernter Tierpfleger, seit sechs Monaten ist der Mann im gepflegten modischen Outfit schon ohne Arbeit. Sein Hund mit durchnässtem Fell und er stehen mit zahlreichen anderen Menschen – vor allem älteren – vor dem Sozialmarkt „Soma“ des Wiener Hilfswerkes, um hier Waren günstig einzukaufen.

Der Sozialmarkt wurde im Oktober letzten Jahres geöffnet, er ist einer von vier in Wien. Der Bedarf ist offensichtlich für jeden, der morgens gegen 10 Uhr – die Öffnungszeit des Ladens – in die Neustiftgasse im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt. Existenzangst kennt hier wohl fast jeder der Wartenden. Gerald antwortet auf die Frage, ob er unter Existenzangst leide, nur mit einem leicht seufzenden und vielsagenden „Ja“: „Da ich gekündigt habe, bekam ich sechs Wochen kein Arbeitslosengeld. Ich war mit zwei Monatsmieten im Rückstand. Ich musste das Geld ausborgen“, sagt er. Seine Brille passt farblich zum Daunenanorak. Schämen tue er sich nicht, hier einzukaufen, meint der Jobsuchende. Er bekommt 570 Euro Arbeitslosengeld, die Miete kostet 400 Euro.

Warten auf frisches Brot

Die Menschenschlange rückt etwas nach vor, das Geschäft wurde geöffnet. Wie meistens am Morgen gibt es frisches Brot, der Andrang ist daher groß, es werden nur kleine Gruppen nach und nach in den Shop gelassen. Gerald wartet geduldig, der Hund auch, obwohl es im Sozialmarkt kein Hundefutter gibt. Ein Mann, Mitte 50, ist hingegen wütend. Er beschwert sich über die langen Wartezeiten und will nicht verstehen, dass Frauen mit Kindern vorgelassen werden. Die Frage nach Existenzangst beantwortet er mit einer verbitterten Miene. Eine Pensionistin sagt auf diese Frage: „Habe ich immer.“ Ihre Familie flüchtete vor dem Krieg in Bosnien nach Österreich. Sie sorgt sich um ihren Mann. Und zwischen Pensionisten stehen fast unauffällig jüngere Menschen, die man zumindest vom Äußeren her nicht als Kunden eines Sozialmarktes vermuten würde.

Nur zwei Bushaltestellen weiter, in der Mariahilferstraße, wird es schwieriger, mit Passanten über Existenzängste zu sprechen. Leute bummeln oder eilen durch die Einkaufsstraße. Eine Studentin und ihr Kollege versuchen für eine NGO Spender zu gewinnen. Existenzangst? Nein, noch nie gehabt, und diesen Job würden sie aus Idealismus machen, sagen sie, während der Schneeregen auf ihre Nylonjacken tropft.

Angesprochene Kaufwillige wollen verständlicherweise von Knausern und Existenzfragen nicht so recht was wissen. Und freilich ist Existenzangst keineswegs auf Sozialbedürftige beschränkt, wie auch Psychotherapeut Hans Morschitzky erklärt (siehe Interview rechts): Existenzangst entsteht laut Morschitzky dann, wenn zentrale Fundamente des Lebens bedroht sind, eben ökonomische und zwischenmenschliche Beziehungen. Das betrifft alle Einkommensgruppen.

Nicht jeder spricht gerne über existenzielle Ängste, dennoch erwarten Fachleute in Zeiten von andauerndem Krisengerede einen Anstieg dieser unguten Gefühle. So warnte der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie kürzlich vor einem Anstieg von psychischen Störungen und Selbstmordrisiken aufgrund der wirtschaftlichen Talfahrt. Es herrsche eine „kollektive Verunsicherung“, sagte die Präsidentin des Verbandes Eva Mückstein auf einer Pressekonferenz. Negative Prognosen würden Existenzängste schüren. Diese Krise könnte für viele „der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Besonders gefährdet seien armutsgefährdete Menschen.

Dieser Gruppe widmet sich auch Martin Litschauer, Referatsleiter der Sozialberatung der Caritas Wien. Auffallend in den letzten Jahren: Die Klientel habe sich von sogenannten Randgruppen in die Mittelschicht verschoben. Miete und Energiekosten seien für viele, obwohl sie beschäftigt seien, nicht mehr bezahlbar. „Existenzangst betrifft wohl jede(n) unserer Klienten und Klientinnen“, meint Litschauer. Für manche sei es ein Dauerzustand. Die Folge seien psychische Probleme. Auch die körperliche Gesundheit leide. Bei Miete und Energiekosten könne nur schwer gespart werden, bei den qualitätsvolleren Lebensmitteln werde daher zuerst begonnen zu kürzen. Die Lösungsstrategien sind laut Litschauer freilich höchst unterschiedlich: Manche sind daran interessiert, langfristig etwas an ihrer Situation zu ändern, andere vertreten eher die „Kopf in den Sand“-Strategie.

Von dieser hört Alexander Maly zur Genüge. Der Sozialarbeiter leitet die Schuldnerberatung in Wien, und er wartet mit einer fast überraschenden Diagnose auf: Seine Klienten und Klientinnen hätten zu wenig Existenzängste. Da würde alles andere vorher bezahlt, nur nicht die wirklich lebensnotwendigen Dinge wie die Miete.

Loch auf und Loch zu

Da hätten sie eher Angst vor dem Rechtsanwalt mit der bösesten Mahnung und dem Gerichtsvollzieher, der ein nicht unbedingt notwendiges Besitzstück mitnehmen will, als vor einer Delogierung. „Angst besteht, sie wird aber nicht ausreichend kanalisiert“, sagt Maly. Klienten der Wiener Schuldnerberatung müssten daher vor allem eines lernen: Prioritäten setzen. Viele der Klienten haben laut Maly über Jahre die finanziellen Probleme nur verdrängt und hinausgeschoben: „Lange hieß es nur Loch auf, Loch zu, ein Kasperl hüpft aus dem Boden raus, und er wird wieder reingedrückt. Ein Schuldenloch wird gestopft, ein anderes öffnet sich.“ Die Schuldnerberatung hat daher einen wichtigen Rat parat: „Lassen Sie ruhig die Kasperl raus, nur den einen, wo Miete draufsteht, den dürfen Sie nicht ignorieren.“

Und irgendwann, wenn das Löcherstopfen nicht mehr geht, kommen manche in die Schuldnerberatung und schaffen es, sich endlich dem Schuldenberg zu stellen. Der durchschnittliche Schuldenbetrag sei 50.000 Euro, wobei keiner der Klienten je so viel Geld in den Händen gehalten habe, so Maly. Der Betrag entstand allein durch Anhäufen, Umschulden, Ausborgen, Zurückzahlen mit Kredit. Weit über 50 Prozent der Klienten hätten es nur bis zum Pflichtschulabschluss geschafft, beschreibt Maly den typischen Hilfesuchenden der Beratungsstelle. 70 Prozent hätten Migrationshintergrund. Bei dieser Gruppe kämen mehrere Risiken zusammen: Einerseits sei der „Konsumhunger“ größer, andererseits seien die Chancen am Arbeitsmarkt für viele ungünstig. Aber es gebe auch Menschen der „A-Schicht“, denen letztlich nur der Weg zur Schuldnerberatung übrigbliebe.

Angst, nicht mehr dazuzugehören

Nicht selten nach Scheidung. Trennungen und Verluste wesentlicher Bezugspersonen seien ebenso Auslöser für Existenzängste, wie Fachleute betonen. Enge soziale Netze könnten solche Ängste mindern, wie auch bei einigen Gesprächen zwischen Sozialmarkt und Mariahilferstraße deutlich wird: Florian, 21, er holt gerade die Matura nach, kennt Existenzängste aus eigener Erfahrung. „Ich habe mit 15 die Schule geschmissen, bin in eine eigene Wohnung gezogen und habe mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten“, erzählt er. Da habe es öfter Engpässe gegeben, bei denen Familie und Freunde ausgeholfen hätten. Die Angst, seinen Lebensstandard zu verlieren, nicht mehr mit Freunden weggehen zu können, seine Wohnung aufgeben zu müssen: kurz, nicht mehr dazuzugehören, habe ihn zeitweise sehr belastet, erzählt Florian. Er war übrigens der einzige einer kleinen Gruppe von jungen Leuten, die zusammen eine rauchten, der angab, schon einmal unter Existenzängsten gelitten zu haben. Die anderen meinten lachend: „Wir nicht!“ – Nur nicht verrückt machen lassen.

Existenzangst in Zeiten der Finanzkrise: Manche leiden dauerhaft darunter, andere sollten sogar mehr davon haben. Einem Phänomen auf der Spur.

Schon vor zehn Uhr bildet sich vor dem Lebensmittelgeschäft eine Menschenschlange. Obwohl es leicht regnet an diesem Dienstag im Februar. Darunter auch Gerald, 37, gelernter Tierpfleger, seit sechs Monaten ist der Mann im gepflegten modischen Outfit schon ohne Arbeit. Sein Hund mit durchnässtem Fell und er stehen mit zahlreichen anderen Menschen – vor allem älteren – vor dem Sozialmarkt „Soma“ des Wiener Hilfswerkes, um hier Waren günstig einzukaufen.

Der Sozialmarkt wurde im Oktober letzten Jahres geöffnet, er ist einer von vier in Wien. Der Bedarf ist offensichtlich für jeden, der morgens gegen 10 Uhr – die Öffnungszeit des Ladens – in die Neustiftgasse im siebten Wiener Gemeindebezirk kommt. Existenzangst kennt hier wohl fast jeder der Wartenden. Gerald antwortet auf die Frage, ob er unter Existenzangst leide, nur mit einem leicht seufzenden und vielsagenden „Ja“: „Da ich gekündigt habe, bekam ich sechs Wochen kein Arbeitslosengeld. Ich war mit zwei Monatsmieten im Rückstand. Ich musste das Geld ausborgen“, sagt er. Seine Brille passt farblich zum Daunenanorak. Schämen tue er sich nicht, hier einzukaufen, meint der Jobsuchende. Er bekommt 570 Euro Arbeitslosengeld, die Miete kostet 400 Euro.

Warten auf frisches Brot

Die Menschenschlange rückt etwas nach vor, das Geschäft wurde geöffnet. Wie meistens am Morgen gibt es frisches Brot, der Andrang ist daher groß, es werden nur kleine Gruppen nach und nach in den Shop gelassen. Gerald wartet geduldig, der Hund auch, obwohl es im Sozialmarkt kein Hundefutter gibt. Ein Mann, Mitte 50, ist hingegen wütend. Er beschwert sich über die langen Wartezeiten und will nicht verstehen, dass Frauen mit Kindern vorgelassen werden. Die Frage nach Existenzangst beantwortet er mit einer verbitterten Miene. Eine Pensionistin sagt auf diese Frage: „Habe ich immer.“ Ihre Familie flüchtete vor dem Krieg in Bosnien nach Österreich. Sie sorgt sich um ihren Mann. Und zwischen Pensionisten stehen fast unauffällig jüngere Menschen, die man zumindest vom Äußeren her nicht als Kunden eines Sozialmarktes vermuten würde.

Nur zwei Bushaltestellen weiter, in der Mariahilferstraße, wird es schwieriger, mit Passanten über Existenzängste zu sprechen. Leute bummeln oder eilen durch die Einkaufsstraße. Eine Studentin und ihr Kollege versuchen für eine NGO Spender zu gewinnen. Existenzangst? Nein, noch nie gehabt, und diesen Job würden sie aus Idealismus machen, sagen sie, während der Schneeregen auf ihre Nylonjacken tropft.

Angesprochene Kaufwillige wollen verständlicherweise von Knausern und Existenzfragen nicht so recht was wissen. Und freilich ist Existenzangst keineswegs auf Sozialbedürftige beschränkt, wie auch Psychotherapeut Hans Morschitzky erklärt (siehe Interview rechts): Existenzangst entsteht laut Morschitzky dann, wenn zentrale Fundamente des Lebens bedroht sind, eben ökonomische und zwischenmenschliche Beziehungen. Das betrifft alle Einkommensgruppen.

Nicht jeder spricht gerne über existenzielle Ängste, dennoch erwarten Fachleute in Zeiten von andauerndem Krisengerede einen Anstieg dieser unguten Gefühle. So warnte der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie kürzlich vor einem Anstieg von psychischen Störungen und Selbstmordrisiken aufgrund der wirtschaftlichen Talfahrt. Es herrsche eine „kollektive Verunsicherung“, sagte die Präsidentin des Verbandes Eva Mückstein auf einer Pressekonferenz. Negative Prognosen würden Existenzängste schüren. Diese Krise könnte für viele „der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt.“ Besonders gefährdet seien armutsgefährdete Menschen.

Dieser Gruppe widmet sich auch Martin Litschauer, Referatsleiter der Sozialberatung der Caritas Wien. Auffallend in den letzten Jahren: Die Klientel habe sich von sogenannten Randgruppen in die Mittelschicht verschoben. Miete und Energiekosten seien für viele, obwohl sie beschäftigt seien, nicht mehr bezahlbar. „Existenzangst betrifft wohl jede(n) unserer Klienten und Klientinnen“, meint Litschauer. Für manche sei es ein Dauerzustand. Die Folge seien psychische Probleme. Auch die körperliche Gesundheit leide. Bei Miete und Energiekosten könne nur schwer gespart werden, bei den qualitätsvolleren Lebensmitteln werde daher zuerst begonnen zu kürzen. Die Lösungsstrategien sind laut Litschauer freilich höchst unterschiedlich: Manche sind daran interessiert, langfristig etwas an ihrer Situation zu ändern, andere vertreten eher die „Kopf in den Sand“-Strategie.

Von dieser hört Alexander Maly zur Genüge. Der Sozialarbeiter leitet die Schuldnerberatung in Wien, und er wartet mit einer fast überraschenden Diagnose auf: Seine Klienten und Klientinnen hätten zu wenig Existenzängste. Da würde alles andere vorher bezahlt, nur nicht die wirklich lebensnotwendigen Dinge wie die Miete.

Loch auf und Loch zu

Da hätten sie eher Angst vor dem Rechtsanwalt mit der bösesten Mahnung und dem Gerichtsvollzieher, der ein nicht unbedingt notwendiges Besitzstück mitnehmen will, als vor einer Delogierung. „Angst besteht, sie wird aber nicht ausreichend kanalisiert“, sagt Maly. Klienten der Wiener Schuldnerberatung müssten daher vor allem eines lernen: Prioritäten setzen. Viele der Klienten haben laut Maly über Jahre die finanziellen Probleme nur verdrängt und hinausgeschoben: „Lange hieß es nur Loch auf, Loch zu, ein Kasperl hüpft aus dem Boden raus, und er wird wieder reingedrückt. Ein Schuldenloch wird gestopft, ein anderes öffnet sich.“ Die Schuldnerberatung hat daher einen wichtigen Rat parat: „Lassen Sie ruhig die Kasperl raus, nur den einen, wo Miete draufsteht, den dürfen Sie nicht ignorieren.“

Und irgendwann, wenn das Löcherstopfen nicht mehr geht, kommen manche in die Schuldnerberatung und schaffen es, sich endlich dem Schuldenberg zu stellen. Der durchschnittliche Schuldenbetrag sei 50.000 Euro, wobei keiner der Klienten je so viel Geld in den Händen gehalten habe, so Maly. Der Betrag entstand allein durch Anhäufen, Umschulden, Ausborgen, Zurückzahlen mit Kredit. Weit über 50 Prozent der Klienten hätten es nur bis zum Pflichtschulabschluss geschafft, beschreibt Maly den typischen Hilfesuchenden der Beratungsstelle. 70 Prozent hätten Migrationshintergrund. Bei dieser Gruppe kämen mehrere Risiken zusammen: Einerseits sei der „Konsumhunger“ größer, andererseits seien die Chancen am Arbeitsmarkt für viele ungünstig. Aber es gebe auch Menschen der „A-Schicht“, denen letztlich nur der Weg zur Schuldnerberatung übrigbliebe.

Angst, nicht mehr dazuzugehören

Nicht selten nach Scheidung. Trennungen und Verluste wesentlicher Bezugspersonen seien ebenso Auslöser für Existenzängste, wie Fachleute betonen. Enge soziale Netze könnten solche Ängste mindern, wie auch bei einigen Gesprächen zwischen Sozialmarkt und Mariahilferstraße deutlich wird: Florian, 21, er holt gerade die Matura nach, kennt Existenzängste aus eigener Erfahrung. „Ich habe mit 15 die Schule geschmissen, bin in eine eigene Wohnung gezogen und habe mich mit Gelegenheitsjobs über Wasser gehalten“, erzählt er. Da habe es öfter Engpässe gegeben, bei denen Familie und Freunde ausgeholfen hätten. Die Angst, seinen Lebensstandard zu verlieren, nicht mehr mit Freunden weggehen zu können, seine Wohnung aufgeben zu müssen: kurz, nicht mehr dazuzugehören, habe ihn zeitweise sehr belastet, erzählt Florian. Er war übrigens der einzige einer kleinen Gruppe von jungen Leuten, die zusammen eine rauchten, der angab, schon einmal unter Existenzängsten gelitten zu haben. Die anderen meinten lachend: „Wir nicht!“ – Nur nicht verrückt machen lassen.