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Vermittlung von "Wertigkeiten"

1945 1960 1980 2000 2020

Umfassende Bildung, die über Fachwissen hinausgeht, ist vielen Eltern für ihre Kinder wichtig. Oft lassen sie sich dafür eine Privatschule viel kosten.

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Umfassende Bildung, die über Fachwissen hinausgeht, ist vielen Eltern für ihre Kinder wichtig. Oft lassen sie sich dafür eine Privatschule viel kosten.

Wozu das Rad neu erfinden? Am Kollegium Kalksburg in Wien-Liesing wird auf der Grundlage einer 400 Jahre alten Studienordnung unterrichtet, die auf Ignatius von Loyola zurückgeht. Von altmodisch keine Spur: "Vieles davon wird heute von der modernen Pädagogik abgekupfert", sagt Direktor Walter Schauer. Zum Beispiel, den Schüler "dort abzuholen, wo er steht". Ziel ist es, "selbstbewußte, weltoffene Menschen mit sozialer Kompetenz" heranzubilden. Die Eltern erwarten von Kalksburg: Berechenbarkeit und Einheitlichkeit der Unterrichtsmethoden, hohe Qualität der Ausbildung und individuelle Betreuung.

Ähnlich hohe Erwartungen werden in die Ausbildung am Theresianum in Wien-Wieden gesetzt. Einzigartig ist das "Sprachenmodell": Schon ab der ersten Klasse wahlweise Englisch- oder Französischunterricht; die zweite lebende Fremdsprache ab der dritten Klasse, ab der vierten Klasse Latein, ab der sechsten Klasse Russisch als Pflichtfach. Dazu kommt Spanisch oder Italienisch als Wahlpflichtfach. Weitere Sprachen werden in Form von Kursen angeboten. Der Andrang ist groß, Anmeldungen werden schon ab der zweiten Volksschulklasse angenommen.

Das alte Image der "Schicki-Micki-Schule" sei falsch, betont Direktorin Waltraud Hauschka: Am Theresianum versammeln sich heute "Kinder von Eltern, die lieber in die Zukunft ihrer Kinder investieren, als ihr Geld aufs Sparbuch zu legen". Auch vor zu großer Strenge brauche sich niemand zu fürchten: "Wir haben einen guten Ordnungsrahmen, aber es herrscht eine sehr familiäre Atmosphäre." Eine Besonderheit ist die verpflichtende Nachmittagsbetreuung für alle. "Da die Klassen beisammen bleiben, kann der Nachmittag besonders gut genützt werden", erklärt die Schulleiterin.

Das verpflichtende Ganztagsprogramm wird auch im Stiftsgymnasium der Benediktiner in Kremsmünster als besondere Stärke angesehen: vier Stunden Unterricht, dann eine Mittagspause und die weitere Unterrichtszeit am Nachmittag. Dieser Lernrhythmus habe sich bewährt und komme den Schülern entgegen, sagt Direktor Pater Severin. Schwerpunkte sind neben der Vermittlung eines christlichen Menschenbildes die Sprachausbildung, Sport, EDV und Musik. Wichtig fürs Wohlfühlen an der Schule: die schönen Räumlichkeiten, die freundliche Umgebung, die riesige Schulbibliothek.

"Die besonders schöne Lage" am Wiener Stadtrand betont auch Monika Widmann, Administratorin am Dominikanerinnen-Gymnasium. Viel Wert wird hier auf "Schlüsselqualifikationen", wie Teamfähigkeit und soziale Kompetenz, gelegt. Dabei erweist sich die Kleinheit der Schule als Vorteil: "Wir sind wie eine Großfamilie", so Widmann. Den Schülern sollen neben dem Fachwissen auch "Wertigkeiten" vermittelt werden. Gerade das wünschen sich in einer "Zeit der Orientierungslosigkeit" viele Eltern von einer Privatschule. Und sind bereit, dafür zu zahlen.

Leistung steht am Schottengymnasium der Benediktiner in Wien-Innere Stadt im Vordergrund - "aber ohne über die Schüler drüberzufahren", betont Direktor Friedrich Wally. An der reinen Knabenschule besteht zwischen Schülern und Lehrern "eine starke persönliche Beziehung, bei der die Autorität Grenzen setzt", wie es ein Schüler ausgedrückt hat. Der Zusammenhalt bleibt auch nach der Matura erhalten: Die "Altschotten" - durchwegs Akademiker - sind eine verschworene Gemeinschaft.

Auch an den Schulen der Ursulinen in Wien, Salzburg und Klagenfurt ist Überschaubarkeit Trumpf: Jeder kennt jeden. In Wien-Liesing wird neben dem Gymnasium mit "Sprachenschwerpunkt" auch ein Oberstufen-Realgymnasium mit Betonung der musischen Ausbildung geführt: "Viele Kinder aus Musikerfamilien sind hier", hebt Direktor Anton Altrichter hervor. Bei zu starkem Andrang kann neben den Schulnoten und dem Eindruck beim Vorstellungsgespräch im Zweifel auch der Taufschein für die Aufnahme entscheidend sein, wobei aber, wie der Schulleiter betont, alle christlichen Bekenntnisse "gleichwertig" sind.

Eine andere "Schulfamilie" bildet die Kenyongasse in Wien-Neubau: Volksschule, Hauptschule und Gymnasium unter einem Dach, dazu die Ausbildung für Kindergartenpädagogik. Schwerpunkte am Gymnasium sind Sprachen und EDV, aber auch die Förderung künstlerischer Begabungen: ein Orchester, ein Chor, dem neben den Schülern auch Eltern, Lehrer und ehemalige Schüler angehören, und eine erfolgreiche Theatergruppe. Besonderer Wert wird auf Rhetorik und Kommunikation sowie auf Begabtenförderung gelegt.

Auch das Sacre Coeur in Wien-Landstraße versteht sich als Schulzentrum: Neben Kindergarten, Volksschule und Gymnasium gehören seit kurzem auch Handelsschule und Handelsakademie zum Verband. Am Gymnasium wird neben Sprachen auch das Naturwissenschaftliche betont. Spitzenplätze bei Chemie-Wettbewerben sind fast selbstverständlich - abseits aller Rollenklischees: "Das war schon so, als wir nur Mädchen hier hatten. Und auch im Vorjahr waren zwei Mädchen die besten", betont Direktor Oskar Mayer.

Auch Hauptschulen - private wie öffentliche - profilieren sich heute mit spezifischen Angeboten. So betont die öffentliche Hauptschule in der Neubaugasse in Wien das Musisch-Kreative: Schulband, Musical-Gruppe, Schülerzeitung, bildnerisches Gestalten, vierwöchige "Schnupperkurse" von Druckgraphik bis Ölmalerei. Das Angebot ist nicht nur für künstlerisch Begabte gedacht. "Im Gegenteil. Gerade diejenigen, deren kreatives Potential verschüttet ist, haben es besonders nötig, daß man es ausgräbt", meint Schulleiter Reinhold Felzmann. Das kreative Element soll in allen Gegenständen gefördert werden. "Das heißt zum Beispiel, daß ungewöhnliche Lösungen in Mathematik nicht verwerflich sind und daß man den Umgang mit Fehlern lernt."

Eines haben alle Schulen, die sich bereits auf den steigenden Wettbewerb eingestellt haben, gemeinsam: Sie beschränken sich nicht auf das Vermitteln von Fachwissen, sondern wollen Persönlichkeiten heranbilden. Das ist dringend nötig: Nach den Erfahrungen von EU-Institutionen sind Österreicher "Spitze" im kognitiven Bereich, verkaufen sich aber schlecht. Mehr Selbstbewußtsein ist gefordert. Und sehr viel Profil.

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