Versuchte Demontage eines Beharrlichen

Im Morgengrauen des 4. März erschienen Polizei und Staatsanwaltschaft bei Lula da Silva und führten ihn vor den Kameras der oppositionellen Medien ab. Die Demontage des immer noch populären Ex-Präsidenten war gut inszeniert. Zu seiner Befragung über Korruptionsskandale hätte man ihn genauso gut schriftlich vorladen können. Verhaftet wurde Lula nicht. Obwohl die Opposition seit mehr als einem Jahr nach Gründen sucht, ihm den Prozess zu machen, ist man nicht fündig geworden. So wirft man ihm vor, dass er zumindest Kenntnis von illegalen Zahlungen des staatlichen Ölkonzerns Petrobras gehabt habe.

Da Silva, Sohn analphabetischer Bauern aus dem armen Nordosten musste als Kind Erdnüsse verkaufen und auf der Straße Schuhe putzen, ehe er mit zehn Jahren Lesen und Schreiben lernen konnte. Als Metallarbeiter in der Industriemetropole São Paulo wurde er zum Anführer der Metallarbeitergewerkschaft und verwandelte sie in eine unabhängige Bewegung, die der Militärdiktatur die Stirn bot. 1980 war Luiz Inácio da Silva an der Gründung der linken Arbeiterpartei PT beteiligt. Dort vereinigten sich gewerkschaftliche Strömungen mit Trotzkisten, Intellektuellen und Christen. Viermal wurde Lula als Präsidentschaftskandidat ins Rennen geschickt, ehe er 2002 in den Regierungspalast einziehen durfte. Das Erfolgsgeheimnis war eine Belastung für seine zwei Regierungsperioden: er musste mit rechten Parteien paktieren, um eine Mehrheit zustande zu bringen. So gelang Lula zwar eine historische Sozialreform, die mehr als vierzig Millionen Menschen aus der Armut holte, doch Strukturreformen, die die tief verwurzelte Ungerechtigkeit nachhaltig beseitigt hätte, blieben aus. Bei der Abholzung des Regenwaldes zugunsten profitabler Exportmonokulturen setzten sich die Großgrundbesitzer und Industriellen durch. Auch die Landlosenbewegung und die Indigenen wurden von Lula enttäuscht. Dass er die Fußball-WM 2014 und die Olympischen Spiele 2016 ins Land holte sowie ein anhaltender Wirtschaftsboom, der großteils guten Rohstoffpreisen zu verdanken war, machte den Linken auch in der Mittelschicht populär. Dieser Boom ist jetzt vorbei. Nachfolgerin Dilma Rousseff muss eine Rezession verwalten, unter der auch die Reichen leiden. Der inzwischen 70-jährige Lula hat nach seiner Amtszeit den Kehlkopfkrebs besiegt. Aber sein Plan, 2018 neuerlich zur Wahl anzutreten, dürfte durch die erfolgreiche Demontage seines Erbes wohl nicht mehr realisiert werden.

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