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Vlaams Blok am absteigenden Ast

Politikwissenschafter Marc Spruyt über den flämischen Nationalismus.

Die Furche: Herr Spruyt, Sie sind Spezialist für den Vlaams Belang - welche Chancen geben Sie ihm bei diesen Wahlen?

Marc Spruyt: Ich sehe den Vlaams Belang auf dem absteigenden Ast. Bei den Kommunalwahlen 2006 hat er einen schweren Schlag bekommen, denn er hat es wieder nirgendwo in die Regierung geschafft. Der cordon sanitaire - die Absprache der anderen Parteien, nicht mit dem Vlaams Belang zu kooperieren - hat gehalten. Auf föderaler Ebene spielen sie keine bedeutende Rolle, das entscheidet sich zwischen Liberalen, Sozialisten und Christdemokraten.

Die Furche: Welche Varianten des flämischen Nationalismus gibt es?

Spruyt: Die zentrale Bruchstelle verläuft zwischen denen, die den belgischen Staat reformieren wollen, und denen, die ihn liquidieren wollen. Die Konföderalisten, z.B. die Christdemokraten, wollen im Rahmen des belgischen Staats mehr Autonomie. Die Separatisten sind dagegen für ein unabhängiges Flandern. Was sie verbindet, ist die Forderung: weniger Belgien, mehr Flandern. Allerdings haben sie verschiedene Auffassungen darüber, in welche Richtung sich Flandern entwickeln soll.

Die Furche: Bruchstellen bestehen also auch unter den Separatisten …

Spruyt: Ja, dort gibt es einen rechtsextremen und einen linken Flügel, die Sociaalflaminganten. Diese beschäftigen sich vor allem intellektuell mit der Sache, politisch spielen sie kaum eine Rolle. Auf der anderen Seite steht der bekanntere Vlaams Belang, der sich als rechtsextrem bezeichnet.

Die Furche: Was sind die Kennzeichen dieses extrem rechten flämischen Nationalismus?

Spruyt: Es ist vor allem ein ethnischer Nationalismus. Sie wollen Flandern für die Flamen, und das ethnisch so homogen wie möglich. Auf dieselbe Weise wie sie gegen die Wallonen sind, sind sie auch gegen Immigranten. Und das gilt ebenso für die "Eurokraten", die EU-Mitarbeiter, die nach Brüssel ziehen. Auch für sie gilt der Slogan: "Assimilieren oder dorthin zurück, wo sie herkommen!"

Das Gespräch führte Tobias Müller.

Marc Spruyt ist Mitbegründer der Website http:// www.blokwatch.org - einem virtuellen Dokumentationszentrum über rechtsextreme Aktivitäten in Belgien.

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