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Volksnahpräsident: mit dem Fahrrad zur Hochzeit

Vom Anekdotenliebhaber Johannes Rau gibt es die Geschichte, wie er bei seiner Heirat die Presse austrickste. 1982 war der Bräutigam schon 51 und seit drei Jahren Ministerpräsident in Düsseldorf, die Braut Christina Delius immerhin Enkeltochter seines Mentors Gustav Heinemann. Nach der standesamtlichen Eheschließung in London folgte die kirchliche Trauung an einem ganz normalen Sonntag auf ihrer Urlaubsinsel Spiekeroog. Das Paar kam mit dem Rad und wartete bis der Pastor am Schluss des Gottesdienst der Gemeinde erklärte, "dass jetzt noch ein junges Ehepaar den Bund des Lebens eingehen will." Das war's - dann ging es wieder ins Ferienhaus.

Es gibt nur wenige Spitzenpolitiker, die so volksnah und bescheiden sind, Wertorientierung höher bewerten als smarten Pragmatismus. Rau gehörte zu dieser Spezies. Er war verwurzelt in der evangelischen Kirche - die Sozialdemokratie wurde erst später seine Heimat. Der am 16. Januar 1931 in Wuppertal geborene Sohn eines Predigers begann sein politisches Engagement 1952 in der Gesamtdeutschen Volkspartei (gvp) Heinemanns, der aus Protest gegen die Wiederbewaffnung die cdu verlassen und die neue Partei gegründet hatte. Später trat die Führungsriege der gvp in die spd ein. Mit 27 Jahren zog Rau erstmals in den Landtag von Nordrhein-Westfalen (nrw) ein. 1969/70 wurde er Oberbürgermeister seiner Heimatstadt und von 1970-1978 nrw-Wissenschaftsminister. Zwischen 1978-1998 führte er das Land als Ministerpräsident und spd-Landesvorsitzender, übernahm 1982-1999 den stellvertretenden spd-Bundesvorsitz. Als Landespolitiker gestaltete er die Umstrukturierung des "Kohlenpotts" zum Dienstleistungsstandort mit. 1987 trat der treue Parteisoldat als Kanzlerkandidat gegen Helmut Kohl an, erlitt aber mit 37 Prozent eine Wahlschlappe. In der spd bemühte er sich, wenn auch nicht immer erfolgreich, um Ausgleich zwischen den Flügeln.

Über die Parteigrenzen geachtet, schien Raus Lebensplanung - seinem Vorbild Heinemann folgend - auf das Präsidentenamt hinauszulaufen. Im ersten Anlauf scheiterte er 1994, im zweiten wurde er fünf Jahre später gewählt. Die Jahre im Schloss Bellevue brachten nicht den glänzenden Abschluss seiner Laufbahn. Rau wirkte verbraucht, war gesundheitlich angeschlagen und anfangs in eine für ihn folgenlose Flugaffäre involviert. Sein historischer Besuch in Israel, wo er als erster Politiker der Bundesrepublik auf Deutsch in der Knesset sprechen durfte, hinterließ aber ebenso einen nachhaltigen Eindruck wie seine Berliner Rede zur Gentechnik oder seine Rüge inszenierter Politik bei der Verabschiedung des Zuwanderungsgesetzes im Bundesrat.

Deutschland verliert mit Rau eine der prägendenden politischen Persönlichkeiten der Nachkriegszeit, die überzeugend für "Versöhnen statt Spalten" eintrat.

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