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Vom häßlichen Deutschen zum Weltbürger

Das deutsche Wunder" schreibt das Wochenmagazin "Der Spiegel" in seiner Ausgabe von voriger Woche und widmet sich auf mehr als 100 Seiten einem halben Jahrhundert deutscher Geschichte, 50 Jahren, die zu den glücklichen dieses Landes gehören. "Auferstanden aus Ruinen" sangen die DDR-Bürger in ihrer Hymne.

Am 23. Mai 1949 wurde das Grundgesetz der Bundesrepublik vom parlamentarischen Rat offiziell verkündet, sieben Tage später beschloß der Volksrat die Verfassung der DDR. 40 Jahre lang gab es zwei deutsche Staaten, zwei Hemisphären gleicher Sprache, 40 Jahre, in denen sich ein Volk auseinanderlebte, das nie ein Volk war. "Die Deutschen" gab es in diesem Sinn nie, und es gibt sie auch heute nicht. Noch vor zehn Jahren sah alles ganz anders aus: Die Bundesrepublik gedachte ihres 40jährigen Bestehens, die DDR feierte ihren Jahrestag mit verbleichendem Glanz. Wenige Monate später war der tiefe Graben zwischen beiden Ländern Geschichte, Deutschland baute wieder neu auf, diesmal ein gemeinsames "einig Vaterland".

Insgesamt waren die vergangenen 50 Jahre fünf Dezennien Erfolgsgeschichte, die in aller Welt respektvoll mitverfolgt wurde, es waren 50 Jahre eines sich stets verändernden Deutschlandbildes. Auch wenn manche Dinge in Ost und West, bei aller ideologischer Entfernung, ähnlich verliefen. Etwa der Unterschlupf von ehemaligen NS-Funktionären in höheren Funktionen beider Staatssysteme. Im Zeitgeschichtsbuch ist auch der deutsch-deutsche Bruderzwist vermerkt: Der Mauerbau 1961, die Finanzfreundschaft von Bayerns Ministerpräsidenten Strauß mit DDR-Staatschef Honecker, die rege Agententätigkeit im jeweiligen Nachbarstaat, die Opfer an der Todesgrenze, der Propagandakrieg hüben und drüben.

Mosaik der Entwicklung Die letzten 50 Jahre vermerken Wirtschaftswunder und volkseigene Betriebe, RAF-Terror und Stasi-Terror, 68er-Bewegung und Ausbürgerungen. Die zentrale Ausstellung Deutschlands zum Jubiläum im Berliner Martin-Gropius-Bau - direkt am ehemaligen Mauerstreifen - nennt die Stationen unter dem Titel "Einigkeit und Recht und Freiheit. Wege der Deutschen 1949-1999". 5.000 völlig unterschiedliche Objekte bilden ein Mosaik der Entwicklung Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg. Vom Stempel der ständigen Vertretung der BRD in der DDR bis zum ostdeutschen Waschmittel, vom alten Mikrophon des Südwestfunks in der französischen Besatzungszone und dem knallroten Ballkleid bis zum Wegweiser zur Zentral-Kommandantur und dem Trikot von Jürgen Sparwasser, der bei der Fußball-WM von 1974 das Siegestor für die DDR schoß. Ein handgemaltes Türschild der Grünen aus den Gründungsjahren ist ebenso vorhanden wie das Rennrad des ostdeutschen Sportidols Täve Schur. Bilder werden gezeigt vom millionsten VW-Käfer und von der Begrüßung des millionsten Gastarbeiters, von einer Maikundgebung in Ostberlin, wo man sich über die über Plan liegende Konsumgüterproduktion freute und vom Wahlkampf der SED.

Am 50. Geburtstag des Grundgesetzes, am vergangenen Pfingstsonntag, wählte die Bundesversammlung im Berliner Reichstag mit dem Sozialdemokraten Johannes Rau den neuen, den achten Bundespräsidenten Deutschlands. Einen Tag später hielt sein Vorgänger Roman Herzog im selben Haus seine letzte große Rede. Der Anlaß war der Staatsakt zum Jubiläum. Es war wieder eine jener brillanten Reden Herzogs, für die ihn seine Landsleute stets schätzten. Herzog sprach die großen deutschen Namen an, die am wesentlichen historischen Geschehen nach dem Zweiten Weltkrieg beteiligt waren: Adenauer, der die Bundesrepublik in der westlichen Welt zu verankern begann, Schuhmacher, der aus der Opposition heraus diesen Weg mitbereitete, Brandt und sein Brückenschlag nach Osten, Kohl und die Vollendung der staatlichen Einheit. Herzog sprach vom Gelungenen in diesen vergangenen 50 Jahren: Von der Integration Millionen Vertriebener, von der historischen Aussöhnung mit Israel, von den Ostdeutschen, die sich ihre innere Unabhängigkeit bewahrt hätten und den Bürgerrechtlern, die das System ins Wanken gebracht hätten.

"Absahnermentalität" Doch der Bundespräsident gab auch Mahnungen aus: Die direkte Demokratie müsse ausgebaut werden, der Staat müsse sich als Beteiligungsstaat darstellen und dürfe sich nicht als Versorgungsstaat Zustimmung kaufen wollen. Die Gesellschaft sei auf eine globale soziale Marktwirtschaft vorzubereiten. Doch werde das soziale System geschwächt, wenn jeder zum Empfänger irgendeiner Wohltat werde. Herzog sprach von einer "Absahnermentalität", wo jeder nur mehr von der Angst getrieben sei, irgendeine Förderung nicht erhalten zu haben.

Zum Schluß seiner Rede gab Roman Herzog seinen Landsleuten in bezug auf den Kosovokrieg einen Rat mit in die Zukunft: "Unser Ziel muß es sein, die Freiheit zu einem Weltbürgerrecht werden zu lassen." Gerade Deutschland müsse für die Freiheit einstehen: "Wir geben damit nur das zurück, was uns selbst gegeben worden ist."

Die Schatten der Geschichte wird Deutschland wohl nie wieder ablegen können, das Bild vom Land der Dichter und Denker will es aber deutlicher hervorkehren. Diesbezüglich ist Marion Gräfin Dönhoff, die Herausgeberin der Wochenzeitung "Die Zeit", zuversichtlich. In einem Interview mit ihrem Blatt sagte sie dieser Tage: "Ich sehe als die Hauptveränderung der 50 Jahre an, daß die Leute die Demokratie wirklich verstanden haben. Als Summe scheint mir, daß die Leute nicht mehr so furchtbar laut sind, so selbstsicher. Wir sind ein liberales Land, ziviler und bescheidener geworden."

Und der Grün-Abgeordnete Micha Brumlik schreibt in der linken Tageszeitung "taz" von der abgesicherten Legitimität des Staatswesens: "Das ist für eine Nation, die 1871 mit Blut und Eisen als autoritärer Sozialstaat gegründet wurde, später Europa in Schutt und Asche legte und ein menschheitsgeschichtlich einmaliges Verbrechen beging und deren kleinerer Teil vierzig Jahre lang einen stacheldrahtbewehrten Wohlfahrtsstaat ge- und ertragen hat, am Ende nicht wenig."

Die Bundesrepublik Deutschland ist 50 Jahre alt - und oft nicht mehr wiederzuerkennen. Wer hätte auch vor Jahrzehnten gedacht, daß einmal eine postkommunistische Partei im Bundestag und eine amerikanische Fastfoodkette in Ostdeutschland vertreten sein wird?

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